Dienstag, 23. Juni 2015

Eine große Illusion?


Ich kenne den Zauberkünstler auf dem unten verlinkten Video nicht – und bin, ehrlich gesagt, ganz froh darum, meine Kritik nicht auch noch mit einem Namen verbinden zu müssen. Weiterhin mag ich nicht die Frage beantworten, ob es sich – wie angepriesen – wirklich um einen der „besten Magier der Welt“ handelt.

Ich will dessen persönliche Leistung gar nicht herabwürdigen: Das Bühnenbild ist imposant und passt vom Styling her ganz gut zu der vorgeführten Großillusion. Diese wird routiniert und zügig präsentiert, und bestimmt wirkt sie für das Laienpublikum – wie man ja in der Aufzeichnung sieht – halbwegs rätselhaft. Auch die Begleitmusik ist genügend bombastisch (ohne sich allerdings irgendwie einzuprägen) und liefert einen stimmigen Rhythmus für die Aktionen.

Ich habe das Beispiel ausgewählt, weil es für mich ziemlich repräsentativ die Schwächen von Tausenden solcher Darbietungen verkörpert: Es packt mich emotional nicht, weil es keine überzeugende Handlung hat, keine Geschichte erzählt.

Mir ist schon die Beziehung des Protagonisten zu seiner Partnerin nicht klar: Ist es ein freundschaftliches oder gar erotisches Verhältnis? Wieso will er sie dann umbringen? Oder möchte er ihr imponieren? Wieso lässt er sie dann nicht lieber zusehen, wie er jemand anderen drangsaliert? Am schlüssigsten wäre noch eine aggressive Einstellung zu ihr – dazu passt aber das recht nette Verhalten beider gar nicht.

In Wahrheit agiert das Duo ziemlich solitär nebeneinander her: Sie tanzt ein wenig herum, zunächst ohne, dann mit Fackel, während er im Hintergrund schon mal das Folterwerkzeug herrichtet. Anschließend gibt sie ihm noch Feuer für den speerbepanzerten Schieber, mit dem er sie aufzuspießen gedenkt – und unverständlicherweise steigt sie freiwillig in das hierfür vorgesehene Behältnis: Durchbohrung, Kiste leer, die Dame erscheint aus dem Publikum und tänzelt auf die Bühne zurück. Der Rest an Feuer flackert noch in des Magiers Hand und wird von ihr ausgepustet (für mich der netteste Effekt der Nummer).

Nur empfinde ich während der gesamten Darbietung weder Mitleid noch Furcht, nicht einmal Spannung, denn bereits wenige Sekunden nach Beginn weiß der unbefangene Zuschauer beim Anblick der Kombination „schöne Frau / Phallussymbole“, worauf die Sache hinauslaufen wird. Lediglich das Verschwinden der Assistentin wird wohl für viele überraschend sein, mindert jedoch in meiner Sicht den Effekt der Durchdringung, da man ja anschließend sieht, dass niemand zu diesem Zweck vorhanden war.

Was ich zudem an vielen dieser Darbietungen ärgerlich finde: Warum müssen weibliche Wesen, selbst wenn sie einen ganz guten Ernährungszustand aufweisen, beim Zaubern halbnackt herumlaufen? Schätzt man die Wirkung der Illusion so gering, dass man sich dieser Mittel bedienen muss?

Weiterhin besteht eine generelle Schwäche solcher Nummern darin, dass der magische Effekt erst relativ spät eintritt, hier nach zirka 62 bzw. 86 Prozent der Vorführdauer (Durchdringen respektive Verschwinden). Und das, obwohl zumindest der erste Höhepunkt ziemlich vorhersehbar ist!

Insgesamt – und das ist meine zentrale Kritik – reduzieren sich derartige Shownummern ganz wesentlich auf die Darstellung eines technischen Rätsels und fordern die Zuschauer geradezu auf, sich vorrangig damit zu beschäftigen. Und wie man anhand der Kommentare auf „YouTube“ sieht, geschieht dies manchmal durchaus mit Erfolg. Schade darum, man könnte dies durch eine gute Story, eine emotional mitreißende Handlung deutlich reduzieren. Leider sind aber Großillusionen oft keine
großen Illusionen...
                              

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