Sonntag, 22. Februar 2015

Profis – ein Geisterwort



Es gibt in der Magie (wie wohl auch in anderen Bereichen) Schlagworte, welche gut klingen und daher – ziemlich unhinterfragt – ständig den Benutzer wechseln und so aus dem Vokabular kaum mehr wegzudenken sind. Einer meiner derartigen Lieblingsbegriffe lautet „Profi“, was ja „professioneller Zauberkünstler“ (alias „Berufszauberer“ etc.) heißen soll.

Solche Bezeichnungen werden stets mit stolzem Blick auf die eigene Bedeutung verwendet: Auf der Internetseite www.allesklar.de findet man zirka 250 „professionelle Zauberer“, während es ganze 16 Kollegen wagen, sich als „Hobby-Zauberer“ zu bezeichnen (etliche ordnen sich dafür gar neben Siegfried, Roy & Co. unter „berühmte Zauberer“ ein…). Da fällt es einem schon schwer, keine Satire zu verfassen: Deutschland quillt offenbar über von ruhmreichen Berufsmagiern, während die „Amateure“ ein Schattendasein fristen… Die dahinter stehende Aussage ist natürlich klar: Was man beruflich betreibt – ob nun Zaubern, Bau von Großflughäfen oder unterirdischen Bahnhöfen – kann man sicherlich viel besser als einer, der nur einem Hobby nachgeht, na eben!

Wie soll man den schillernden Begriff „Profi“ definieren? Ist es einer, der ausschließlich von der magischen Betätigung leben kann? So gesehen dürfte es hierzulande nur sehr wenige Beispiele geben (wenn überhaupt). Unsere uralte Kunst ist derzeit kaum angesagt, gilt als altmodisch und verstaubt, vom Niveau her irgendwo zwischen Kinderfest, Hüpfburg und Würstlgrill angesiedelt. Im Selbstbild der Szene und den Angeboten von Zauberhändlern hat man oft den Eindruck, man habe das Verschwinden der „alten Varietéherrlichkeit“ nicht mitbekommen, wo elegante Herren im Frack sich auf großen Bühnen tummelten. Die Realität sieht anders aus: Vereinsfeier, Nebenzimmer und ein Dutzend Kollegen, welche sich selbst um so einen Gig noch raufen…

Zudem ist es ein fragliches künstlerisches Qualitätsmerkmal, für eine Leistung genügend Geld zu erhalten, um davon leben zu können (siehe diverse Repräsentanten der populären Musik). Sagt dies beispielsweise etwas über die Intensität des Übens, die Gewissenhaftigkeit der Vorbereitung aus? Vielleicht hat hierzu ein Amateur mehr Zeit und muss diese nicht mit Agenturverträgen, Hotelbuchungen, Zollformalitäten und Steuererklärungen vertun. Interessanter wäre da schon die Zahl der Auftritte und das damit verbundene Sammeln von Erfahrungen. Doch hierüber schweigt man sich oft auch auf Webseiten aus, welche ansonsten „hoch professionelle“ Ansprüche erheben. Und keinesfalls ist es ein Ausweis hohen Könnens, sich per „Aufschneider-Denglisch“ und „internationalem Las Vegas-Gedudel“ gefühlt von der breiten Masse dilettierender „Amateure“ abzusetzen und das Attribut „Profi“ quasi als Kampfparole zu missbrauchen! Ich hoffe im Gegenteil, dass auch Menschen, welche außer der Zauberkunst keinem anderen Beruf nachgehen (können), sich die Liebe zu dieser Betätigung erhalten haben, also im Wortsinne „Amateure“ geblieben sind.

Daher bin ich der festen Überzeugung, dass es rein gar nichts über den künstlerischen Wert einer Zauberdarbietung aussagt, womit der Auftretende seinen Lebensunterhalt bestreitet, mithin die pekuniäre Unterscheidung zwischen Profi- und Hobbyzauberer lediglich das Finanzamt interessiert. Ganz schlimm finde ich die notorischen Klagen von „Profis“, die Amateure würden ihnen mit Dumpingpreisen das Geschäft verderben. Interessiert es einen José Carreras, wenn ich bei einer Vereinsfeier für eine Flasche Wein plus einen Blumenstrauß auch mal „O sole mio“ schmettere? Doch im Gegensatz zum Belcanto ist in unserer Branche halt die Nachfrage lausig – hieran sollte man durch Qualitätssteigerung arbeiten, statt einander auf der Angebotsseite zu bekriegen! Ich jedenfalls neide keinem Kollegen einen Auftrag – allerdings hoffe und bete ich, dass er es gut genug macht, damit der Veranstalter von der Zauberei als Kunstform überzeugt ist und bald wieder einen Magier buchen wird.

Wenn der Titelbegriff einen Sinn macht, so diesen: Falls man außerhalb des Familien- und Bekanntenkreises zaubert (dann in der Regel für Geld, wie wenig auch immer), sollte man professionell arbeiten. Dies beginnt mit einer gut gemachten Werbung (Flyer, Internetauftritt – siehe meinen vorherigen Beitrag) und setzt eine absolute Gründlichkeit im Vorfeld voraus. Mit einem kurzen Telefonat ist es nicht getan; man muss hierbei schon einen klaren Ablauf mit Angebot, evtl. Ortsbesichtigung, Vertrag etc. parat haben, den Veranstalter kompetent beraten, Angebote rechtzeitig verschicken usw. Wenn die Planung schlampig und/oder unrealistisch ist, kommen oft genug Auftritte heraus, bei denen man das Chaos gerade noch so in den Griff kriegt. Wenn Sie hinterher das Gefühl haben, es hätte besser laufen können, war Ihre Arbeit nicht professionell. Und: Man muss den Mut haben, eine Darbietung auch einmal abzusagen, wenn man (spätestens vor Ort) erkennt, dass sie das Image der Magie weiter ramponieren würde.

Viele von uns sind „Jäger und Sammler“, bietet doch der magische „Insidermarkt“ (Zirkelsitzungen, Seminare, Kongresse und vor allem Zauberhändler) stets eine Fülle von „Neuheiten“. Ob wir die alle haben müssen (und ob sie denn so neu sind), können wir – in Abstimmung mit unserem Geldbeutel – sicherlich individuell entscheiden. Nur: In professionelle Vorstellungen gehören diese Effekte noch lange nicht! Nach meinen Erfahrungen müssen Sie ein Kunststück mindestens ein paar Dutzend Mal unter „harten“ Bedingungen zeigen, bevor Sie halbwegs die feineren Nuancen, den Rhythmus, das Timing zu Text bzw. Musik hinbekommen – und so richtig gut wird es dann ab einer dreistelligen Zahl von Einsätzen. Daher bringe ich pro Auftritt höchstens einen Effekt aus der Kategorie „halbfertig“ (gut versteckt im Mittelteil).

Weiterhin müssen wir den Unterschied zwischen Vorstellungen für Kollegen und Laien sehen. Wenn Sie bei einem Zauberwettbewerb das Chinesische Ringspiel zeigen würden (wie gut auch immer), wird dies den Anfang Ihrer Vereinsamung in der Szene markieren: Alter Hut, kennt jeder. Für „normale“ Zuschauer hingegen ist es neu (schon deshalb, weil sie vielleicht ihre letzte Zauberdarbietung vor 40 Jahren im Kindergarten erlebt haben…). Mir wurde am Anfang meiner „Karriere“ von „Experten“ dringend davon abgeraten, die „ausgeleierten Ringe“ zu zeigen – zum Glück habe ich mich nicht daran gehalten! Bis heute habe ich diese Routine (von Dai Vernon) über 700 Mal vorgeführt, und es war wohl in vielen Fällen der Grund für Reengagements: „Sie zeigen doch wieder Ihre Ringe, die wollen wir unbedingt nochmal sehen!“

Wir sollten uns einmal klar machen, dass „Klassiker“ sich über Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende gehalten haben, weil sie zeitlos gut sind, zu immer wieder neuen Varianten herausfordern und somit vielseitig einsetzbar sind. Ob dies auch die „Sensation“ vom letzten Kongress schafft, wissen wir frühestens im Jahr 2500. Professionell arbeiten heißt für mich, mich lieber monatelang mit einem Kunststück zu befassen, anstatt ständig halbgare Neuheiten „irgendwie“ vorzuführen. Und zudem kümmere ich mich mehr um das „Drumherum“ von Bühnenkleidung und Musikanlage bis hin zu optimalen Verpackungs- und Transportmöglichkeiten. Probleme auf diesen Gebieten sorgen nämlich häufig dafür, dass ein Auftritt „unprofessionell“ erscheint – selbst wenn die geplanten Tricks noch so toll hätten wirken können.

Daher rate ich uns allen, auf das Geplustere mit dem ominösen „Profi-Begriff“ zu verzichten. Wenn ein Veranstalter Sie bucht, erwartet er, dass Sie seine Gäste zaubernd unterhalten können – nicht mehr und nicht weniger. Große Sprüche machen da eher misstrauisch. Vielleicht sollten wir es so halten wie ein Repräsentant von Rolls Royce, welcher einmal von einem Kunden gefragt wurde, wie viele PS ein bestimmtes Modell seiner Firma habe. Die kurze, typisch englische Antwort: „Genügend.“

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