Donnerstag, 26. März 2015

Die lieben Kollegen

 
Ich habe bestimmt großen Respekt vor jedem, der sich in unserer wahrlich nicht einfachen Kunst versucht. Wer hier voreilig den Stab über „schlechte Leistungen“ bricht, sollte es erst einmal selber versuchen: Man schleppt oft eine dreistellige Zahl von Einzelteilen (inklusive Musikanlage, Mikrofon und sonstigem Equipment) an den Ort des Geschehens, erhält nicht selten lausige Auftrittsbedingungen, darf in der Programmgestaltung bei einem Publikum von 5 bis 95 nach der Quadratur des Kreises suchen, mit Text, Handling der Requisiten, Mimik, Gestik, Publikumskontakt etc. mehrere Spuren parallel bedienen – und wehe, man leistet sich einen Schnitzer! Während bei einem Amateurmusiker eine Reihe von falschen Tönen kaum jemandem auffällt, wird in der Zauberei öfters das ganze Geheimnis enttarnt: Ach, soo einfach ist das – Pfui plus Schimpf und Schande…

Weiterhin ist mir klar, dass Zauberkünstler oft genug Einzelkämpfer sind. Duos (wie Siegfried & Roy) oder gar größere Ensembles sind die Ausnahme – schon, da es für diese, bei entsprechend bescheidenen Gagen, wenig Auftrittsmöglichkeiten gibt: Einer reicht ja – wieso sollten Veranstalter da noch einen Aufpreis für mehrere Künstler hinlegen? Wenn man solistisch arbeitet, gerät man fast automatisch in Gefahr, die eigene Darbietung für unvergleichlich, sich selber für den Größten zu halten – die sozialen Talente verkümmern. Gehört man nicht zur Spezies der vorwiegenden „Tricksammler“, welche eher den monatlichen Clubabend als den Auftritt vor Publikum suchen, muss man sich vor allem um die eigenen Engagements mit allem Drum und Dran kümmern. Das macht einsam.

Mich stört es auch nicht, dass viele Magier erkennbar „verrückt“ sind – wären sie es nicht, würden sie sich eine „vernünftigere“ Beschäftigung suchen. Etwas übertrieben könnte man sagen: Wer keinen an der Klatsche hat, zaubert auch nicht. Warum ich selber in fast dreißig Jahren nur wenige Kontakte zur „Szene“ hatte, nicht in irgendwelche Zaubervereine eintrat, hat damit nichts zu tun. Und mit einigen Kollegen ergab sich auch eine umso fruchtbarere private Zusammenarbeit. Solche Menschen allerdings muss man lange suchen – während sich einem im Zaubermilieu fast automatisch bestimmte Persönlichkeitsstrukturen aufdrängen, welche mich nachhaltig von engeren Beziehungen abgehalten haben. Die eigenen Ideen diskutieren kann man mit bestimmten Magiertypen jedenfalls nicht!

Nachdem ich also viele Jahre die „Szene“ völlig unbeachtet ließ, meldete ich mich kürzlich – man möchte ja auch ein wenig Werbung für sein Buch machen – in einigen Zauberforen im Internet an und machte dort … nein, keine offensichtliche PR, sondern äußerte brav zu verschiedenen, mir wichtig erscheinenden Themen („Threads“) meine Ansichten. Weiterhin bat ich jeden Käufer meines Werkes um ein Feedback. Neben durchaus freundlichen und konstruktiven Reaktionen musste ich aber hinsichtlich der Kollegensorten, die mich schon vor Jahren aus dem Zaubermilieu vertrieben hatten, feststellen:

Ist alles noch da!

Nach meinen Erfahrungen lassen sich die Zeitgenossen, welche mir das soziale Miteinander so schwer machen, durchaus – zumindest in satirischer Weise – typisieren, als da wären:

Der Ich-Erzähler
Ich hatte schon Zauberkünstler am Telefon, die mir nach der einleitenden Frage hinsichtlich meines Befindens eine geschlagene Stunde ausschließlich die Ohren mit ihren „tollen, neuen Ideen“ volldröhnten. Selber kam ich zu kaum einem Satz (außer Antworten wie „aha“, „toll“ oder „nein, kenne ich nicht“). Sicherlich spielt hier der angestaute Vokabelsee eine Rolle, da man Laien ja schlecht in die Zaubergeheimnisse einbeziehen kann. Also schnappt man sich den erstbesten Kollegen, um ihn mit einer verbalen Diarrhö zu erfreuen. Dass man selber dabei natürlich stets der Held ist, dem solch geniale Ideen einfallen, bleibt unvermeidlich. Schön ist dann gelegentlich der Abschluss eines solchen Gesprächs: „Und du? Zauberst du auch noch?“ Äh ja, doch, schon…
Auch von Buchlesern bekam ich Briefe mit der Einleitung: „Sie hatten ja um ein Feedback zu ihrem Werk gebeten. Hat mir ganz gut gefallen. Also, ich mache das ja so…“ (Muss ich noch erwähnen, dass es auf den restlichen zwei Seiten lediglich um die Beschreibung von Routinen und Auftritten des Verfassers ging?)

Der „ewig Morgige“
Der Begriff stammt vom Kabarettisten Werner Schneyder, welcher einmal sagte, die frühere DDR habe damit ein Pendant zum „ewig Gestrigen“ geschaffen. Auch bei diesem Typus dominiert eindeutig die Schilderung der eigenen Ideen, allerdings ist diese nicht auf die Vergangenheit gerichtet. Fragen Sie ihn daher nie nach Kunststücken, welche er schon einmal (und gar erst vor Publikum) gezeigt hat! Für die Zukunft jedoch wird der alsbaldige Durchbruch in den magischen Olymp angekündigt – wenn man erst einmal die momentane, selbstredend völlig revolutionäre Idee umgesetzt habe.
Tipp: Machen Sie sich den Spaß, nach einiger Zeit einmal nachzufragen, was aus dem bahnbrechenden Projekt, dem ultimativen Requisit geworden sei! Ich habe hierzu schon tränentreibende Antworten erhalten wie „Du, ich hab‘s mal in einer Vorstellung getestet, leider hat der Heißkleber nicht gehalten. Aber das ist noch gar nichts! Zur Zeit arbeite ich an folgender Idee…“

Anekdote: Zu meiner Tanzschulzeit musizierte bei den Abschlussbällen stets eine Combo älterer Herren in dunkelblauen Glitzerjacketts. Als wir die Band einmal fragten, ob sie auch einen Pasodoble spielen könnten, erwiderte der greise Chef: „Nein, leider, wir sind noch im Aufbau.“

Der Exklusive
Er gibt sich stets den Anschein, in magischen Welten zu wandeln, welchem dem „Otto Normaltrickser“ verborgen bleiben. Auf nähere Nachfrage kommt gerne die Antwort, dass er sich von kretinösen Zauberstabschwingern umgeben sähe, welche das Image unserer schönen Kunst auf den Nullpunkt brächten. Daher bleibe nur der Rückzug in illustre, aber von der Öffentlichkeit abgeschottete Privatzirkel, wo man der „wahren Zauberei“ fröne.
Kennzeichnend ist auch die ständige Fragerei, ob man diese oder jene Berühmtheit oder Show kenne. Es scheint so, als ob man fremden Ruhm brauche, um ihn auf die eigene Persönlichkeit zu lenken.
Test: Fragen Sie solche Individuen, wann und wo man denn solch hehre Kunst einmal bestaunen dürfe. Sie erleben dann ein majestätisches Abtauchen, gegen das „Moby Dick“ sich auf Qietscheentchen-Niveau reduziert!
Selbstredend sehen sich diese Kollegen stets als „Berufszauberer“, welche vor erlauchtem Kreis und zu Höchstgagen aufträten. Lustiges Forum-Fundstück: „Lieber zaubere ich einmal für tausend Euro statt zehnmal für hundert.“ Man möchte hinzufügen: „Oder gar nie für eine Million…“
Letztlich verbergen sich hinter der imposanten Fassade oft genug frustrierte und gebrochene Kollegen, welche die Kluft zwischen der eigenen Anspruchshaltung und der traurigen Realität, sich mit meist bescheidenen Gigs abgeben zu müssen, längst nicht mehr überwinden können. Also flüchtet man sich in abstruse Machtfantasien sowie Verschwörungstheorien, was bei mir manchmal schon ein ziemliches Schaudern hervorruft.

Der Reviermarkierer
Das Gute an ihm besteht darin, dass er mit sich selber völlig im Reinen ist. Gerne treibt er sich flächendeckend in einschlägigen Foren des Internets herum und beobachtet akribisch die Veränderungen der Szene. Wenn dort neu auftauchende Mitglieder die erste bescheidene Meinungsäußerung wagen, taucht er sofort auf wie der Schachtelteufel und bekennt umgehend, dass er da aber ganz anderer Ansicht sei – und diese zähle, weil er mit allumfassender Kompetenz ausgestattet sei und daher sowieso alles besser wisse.
Sachliche Fragen allerdings beschäftigen ihn nie lange, da sie ihm ja nur den Vorwand bieten, sich einen Hahnenkampf mit dem neuen Rivalen zu liefern. Beliebte Stilmittel sind zarte Andeutungen, es gebe da ja immer noch Kollegen, welche zu der einen oder anderen verschrobenen Ansicht neigten, etwas immer noch nicht kapiert hätten und selbstredend in der eigenen Arbeit wohl nur Murks ablieferten.
Psychologisch kennzeichnend ist die ständige Projektion eigener Charaktereigenschaften auf andere: Da sich der Revierpinkler selbst sehr wichtig nimmt, wirft er dies gerne den widerborstigen Kollegen vor. Ob er nun – laut eigenem Mantra – selber wirklich nie Probleme hat, ist daher eher zweifelhaft.
Häufig findet man solche Individuen in Kreisen mit abgegrenzten, genau bestimmten Machtstrukturen wie Zaubervereinen. Hat man dort erst einmal eine führende Position errungen, erübrigen sich lästige Fragen nach dem Erfolg der eigenen Kunst. Man hat nun die höhere Ebene der Bescheidwisserschaft erklommen und titelmäßigen Status erreicht – und für jeden Eunuchen ist es ja tröstlich, wenigstens zu wissen, wie’s geht.

Auch bei meiner anderen Passion, dem Tanzen, gibt es übrigens ganz vergleichbare Entwicklungen. In Tanzsportclubs beispielsweise tritt ab einer gewissen Zeit der Mitgliedschaft regelmäßig eine Trennung ein: Wer gut tanzen kann, fährt auf Turniere, wer nicht, geht in den Vorstand.

P.S. Man darf nie aus den Augen verlieren, dass die geschilderten Charaktere eine Minderheit innerhalb der großen Zahl netter, hilfsbereiter Kollegen darstellen. Warum es manchmal anders erscheint, liegt an der Perspektive: Manche Typen gehen einem halt nicht von der Pelle…

Weitere Infos: www.forum-der-magie.com   

1 Kommentar:

  1. Offenbar geht es einigen Mitgliedern des genannten Forums nicht um die Sache, sondern um persönliche Herabsetzungen. Zu welchem Thema ich mich auch immer äußerte - stets tauchten dort die selben Zeitgenossen auf, um mich persönlich "anzumachen".
    Ich habe daher vorhin die Administratoren gebeten, meinen Account zu deaktivieren.
    Offenbar hat sich in der Zauberszene in den letzten 25 Jahren nichts geändert. Ich bin daher sehr froh, diese lange Zeit in meine eigenen Auftritte anstatt in Debatten mit solchen Zeitgenossen investiert zu haben.

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