Montag, 8. Oktober 2018

Alexander Merk: Hinters Licht geführt


Nach längerer Zeit erlebte ich am Wochenende wieder einmal einen Kollegen live. Alexander Merk ist in der deutschen Zauberszene kein Unbekannter: Er erhielt etliche Preise und Auszeichnungen, allem voran seinen Deutschen Meistertitel in der Sparte „Allgemeine Magie“, den er bereits 2008 errang – und auch in diesem Jahr reichte es für den zweiten Platz und damit die Qualifikation zur Weltmeisterschaft.

Nach eigener Aussage zum ersten Mal präsentierte sich der nun in Berlin lebende Künstler in heimatlichen Gefilden: Am letzten Samstag zeigte er sein Bühnenprogramm in der Aula des Diedorfer Gymnasiums.

Die Selbstbeschreibung auf seiner Website hatte mich neugierig gemacht:

„Mit meiner Zauberei erzähle ich Geschichten. Alles, was bei mir auf der Bühne passiert, hat seine Bedeutung. Es gibt nicht nur einfache Effekte, sondern jedes Wunder hat immer eine eigene Dramaturgie. Das gibt der Magie eine ganz neue Seite. Bisher standen Zauberer auf der Bühne, zeigten Illusionen – und die Zuschauer durften darüber grübeln, wie diese funktionieren. Doch ich finde, dass Zauberkunst nicht auf das Geheimnis reduziert werden darf, denn es ist eine Kunstform, bei der es darum geht, die Menschen zum Staunen zu bringen.“

Tja, Alex, da sachste was! Ob man davon die deutschen Zauberfunktionäre – und, schlimmer noch – Veranstalter, Theaterbesitzer und Unterhaltungs-Redakteure wird jemals wieder überzeugen können? Ich habe es ein ganzes Zaubererleben lang versucht – mit marginalem Erfolg

Um es vorwegzunehmen: Das war nicht zu viel versprochen – ich habe den Abend wirklich nicht bereut! Alexander Merk gelangen wahrhaft poetische Programmteile:

Wie er einer Glaskugel (mittels der natürlich Kartenwerte erraten werden) per Pantomimentechnik Schwerelosigkeit verleiht, habe ich so noch nicht gesehen. Den Brainwave-Effekt (nebst einigen Animationen) kleidet er in die wunderbare Geschichte vom „Unsichtbaren Jaques“ – und als Höhepunkt die Szene mit der Pariser Tänzerin, in der sich schließlich ein vom Zuschauer gekennzeichnetes Seidentuch aus einer „durchgebrannten“ Scheinwerferbirne materialisiert. Als Zugabe schafft er mittels D‘Lites und den Handy-Lampen der Zuschauer ein irrlichterndes Meer im Saal. Wahrlich „hinters Licht geführt“!

Die Basis von Merks Arbeit ist grundsolide – er verfügt über eine blitzsaubere Manipulationstechnik, die er allerdings manchmal ziemlich frech einsetzt (wie bei seiner herrlichen Parodie auf den „Kugelfang“). Aber dank seines Charmes kommt er damit durch.

Apropos: Auf der Bühne steht ein äußerst freundlicher, ja liebenswürdiger junger Mann, dem die Sympathien gerade der weiblichen Zuschauer massenhaft zufliegen. Persönlich war mir die Rolle des „Schwiegermutters Liebling“ ein wenig zu dick aufgestrichen – etwas mehr darstellerische Breite (gerade bei den ernsten oder dramatischen Nummern) würde dem Programm guttun.

Sehr gefallen hat mir das spartanische Bühnenbild, das den Künstler in den Mittelpunkt stellt. Zumeist bedient er sich lediglich aus einer kleinen Requisitenablage und zaubert freihändig ohne Tische und anderes Beiwerk. Das macht sein Programm natürlich auch sehr anpassungsfähig hinsichtlich der oft abenteuerlichen Vorführbedingungen, mit denen wir Zauberer uns heute herumzuschlagen haben.

Die Sprache Alexander Merks hingegen ist opulent: Er kann sehr gut formulieren und verwendet witzige, geistreiche Texte. Leider gibt er auch hier seinem Affen recht viel Zucker und verfällt bisweilen in eine Geschwätzigkeit, die das Programm – vor allem im ersten Teil – ein wenig zerfahren wirken lässt. Daher halte ich sein Intro für missglückt: Ganz im heutigen Stil redet er erstmal ellenlang und steigt in eine Händeverschlingungsaktion mit dem Publikum ein. Ich hätte da viel lieber die schöne Chicagoer-Routine gesehen, mit der er nach der Pause loslegt.

Unglücklicherweise kann sich der Künstler nicht von zwei Moden lösen, die offenbar heute in der Zauberei zur „Pflichtübung“ verkommen sind: Man braucht ständig die Assistenz des Publikums – und fast alle Effekte müssen einen mentalen Anstrich haben. Persönlich nervt mich dieser ewige „Mitwirkungszwang“, der oft genug dazu führt, die Konzentration vom Künstler wegzunehmen. Und wenn ich nach der ersten Viertelstunde eh davon überzeugt bin, dass der Vorführende Gedanken und Zukünftiges erraten kann, wird das auf die Dauer etwas fad…

Gerne aber unterstreiche ich den Appell, den der Künstler zum Schluss seinem Publikum mitgibt: Mit guter Zauberei kann man durchaus eine Theaterbühne füllen – und auch einen Zuschauerraum wie den des Diedorfer Gymnasiums. Die Kunst des magischen Kammerspiels im Stil eines Johann Hofzinser oder Punx wird heute ja kaum noch gepflegt. „Hinters Licht geführt“ ist da wahrlich ein Hoffnungsschimmer.

Natürlich kann man von einem gerade einmal 31-Jährigen noch nicht die künstlerische Reife verlangen, welche diese Altmeister ausgezeichnet hat. Alexander Merk ist jedoch auf einem sehr erfolgversprechenden Weg. Hoffentlich findet er weiterhin Veranstalter, die den Mut aufbringen, etwas derart „Unzeitgemäßes“ anzubieten, das, wie der legendäre Marvelli jr. es einmal formuliert hat, „den Verstand stillstehen lässt, aber die Herzen bewegt“.

Abschließend eine kleine Kostprobe – die Auftrittstermine finden sich auf der Website des Künstlers!

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