Dienstag, 21. Juli 2015

„Was brauchen Sie jetzt alles?“



Ich liebe diese Frage, wenn sie dreißig Minuten vor dem Auftritt kommt. Was immer ich nun noch benötigen würde – meist ist es zu spät!

Aus diesem Grund habe ich für meine Auftraggeber eine Dreiviertelseite Infos zusammengestellt, die ich ihnen meist Wochen vorher zukommen lasse, und auf denen ich die problematischen Themen anspreche:

·         Parkplatz möglichst nahe am Auftrittsort – Möglichkeit einer Reservierung
·         Vorbereitungsraum (weniger „zum Umziehen“ – obwohl sich dort kaum einmal Garderobenhaken oder gar Kleiderbügel befinden – sondern zur ungestörten Vor- und Nachbereitung des Auftritts und somit auch zur Wahrung der Zaubergeheimnisse)
·         möglichst kurze Wege zwischen Parkplatz, Garderobe und Auftrittsort
·         zur Verfügung stehende Fläche für den Auftritt (Relation Zuschauerzahl / Sichtbarkeit / Requisitengröße)
·         Zusammensetzung des Publikums, insbesondere Anwesenheit von Kleinkindern (unter fünf Jahren); Möglichkeiten zu deren Betreuung bei Störungen der Vorstellung

Selbstverständlich bespreche ich mit dem Veranstalter diese Punkte, halte die wichtigsten in unserer Vereinbarung fest und sehe mir im Zweifel die Örtlichkeiten lieber vorher an (aber ja nicht zu früh – man ahnt es nicht, was sich bis zum Festtag noch alles andern kann…). Bestehen Sie unbedingt auf einer schriftlichen Abmachung – ob Sie diese nun „Vertrag“ oder „Auftragsbestätigung“ nennen – Sie können sich sonst fest darauf verlassen, dass es bei Problemen von Seiten des Kunden heißt: „Das haben wir aber so nicht besprochen“. Meist sind dies die gleichen Zeitgenossen, welche ihnen vorher treuherzig versicherten, man brauche doch den ganzen „Papierkram“ nicht, es sei doch alles klar… Eine E-Mail mit Bestätigung per Rückantwort ist für mich das Mindeste!

Dennoch habe ich Szenarien der folgenden Art schon oft erlebt:

·         Im Umkreis von einigen hundert Metern um das Veranstaltungslokal ist alles zugeparkt – von einem reservierten Abstellplatz keine Spur.
·         Der zugesagte Vorbereitungsraum ist mit irgendwelchem Krempel vollgestellt – offenbar zu dessen Transport wuseln ständig Personen hinein und heraus.
·         Das ersatzweise zur Verfügung gestellte Zimmer liegt im Keller (oder im zweiten Stock) – inklusive des weiter entfernten Parkplatzes müssen die Requisiten weite Strecken sowie über enge Treppen etc. geschleppt werden
·         Die vormals leere Auftrittsfläche wurde vom Wirt mit dem Büfett vollgestellt (wahlweise von den Musikern mit ihrem technischen Gerät) – fürs Zaubern bleibt ein Raum von wenigen Quadratmetern.
·         Trotz gegenteiliger Auskunft wuselt auf der Bühne ein Dutzend Kleinkinder umher, und wie die Geräusche von Publikumsseite verraten, sind auch etliche Säuglinge anwesend. Personen, welche die Kids in Schranken halten, sind nicht ersichtlich.

Natürlich kann man vom Ausrichter einer privaten Feier (das Milieu, in dem ich häufig arbeite) nicht erwarten, dass er die Welt mit den Augen eines Zauberkünstlers sieht. Doch hierfür biete ich ihm ja Beratung an. Das Hauptproblem ist es wohl aber, dass Menschen nicht gerne Texten folgen, an deren Ende sie einen Handlungsauftrag für sich vermuten (war schon in der Schule so mit den Hausaufgaben…). Nach meinen Erfahrungen wird dies der verständlichste Info-Text nicht verhindern.

Kirchen, Seniorenheime und andere soziale Einrichtungen bieten einem zudem häufig die Variante verschiedener Ansprechpartner: Die Person, mit welcher man das Erstgespräch führte, ist nun leider in Urlaub (respektive krank oder auf Fortbildung) – also beim zweiten Mal bitte alles von vorn! Am Auftrittstag trifft man dann auf die Nummer drei, welche lediglich informiert wurde, dass „ein Zauberer“ käme. Muss doch reichen…

Im Fall des Falles müssen Sie sich nach dem Eintreffen ganz schnell entscheiden, ob Ihnen die gebotenen Bedingungen für einen Auftritt reichen. Bedenken Sie: Wenn Sie wegen der lausigen Umstände die Show in den Sand setzen, werden Publikum (und Gastgeber) das auf Ihr Konto buchen. Die Meisten wissen gar nichts vom Vorlauf, und wenn: Sie können doch zaubern, oder?

Hier gilt für mich der Grundsatz: Verbreiten Sie gute Laune im Publikum, aber scheren Sie sich nicht um die des Veranstalters! Natürlich können kleine Pannen und Versäumnisse vorkommen, und man entwickelt mit zunehmender Erfahrung ein Krisenmanagement, von dem die übrigen Beteiligten oft gar nichts mitbekommen. Wenn Sie aber zur hinreichenden Gewissheit kommen, den Auftritt unter den herrschenden Bedingungen nur schlecht oder gar nicht absolvieren zu können, sagen Sie dies dem Verantwortlichen klar und deutlich! Setzen Sie ihm eine Frist und kündigen an, dass er ansonsten eine Vorstellung bezahlen muss, die nicht stattfindet. (Juristisch gesehen verweigert dann der Veranstalter die Annahme einer Leistung, siehe „Annahmeverzug“, § 615 BGB.) Hierbei hilft es natürlich sehr, wenn die Abmachungen vorher detailliert genug waren. Vor einer solchen „Drohkulisse“ bekommt man dann meist doch noch halbwegs annehmbare Bedingungen geboten.

Die Befürchtung, bei einem solchen Vorgehen dort nie mehr ein Engagement zu bekommen, ist übrigens nicht immer realistisch: Letztlich werden Sie anhand des Erfolgs beim Publikum beurteilt, und zudem sehen viele Gastgeber zumindest im Nachhinein ein, warum Sie auf bestimmten Auftrittsbedingungen bestehen mussten. (Ich habe in solchen Fällen durchaus schon Entschuldigungen erlebt – wie schön!)

Mit den Jahren legt man sich ein dickes Fell zu und ist auch durch absonderlichste Vorkommnisse kaum noch zu erschüttern. Ich gestehe allerdings, immer noch in die Gefahr der Verübung einer Körperverletzung zu geraten, wenn ich eine halbe Stunde vor meiner Darbietung den Gastgeber endlich hinter seiner Schweinshaxe entdecke und er mir auf die Frage, ob er denn schon wegen des Parkplatzes, Garderobenraums etc. aktiv geworden sei, die Antwort erteilt:

„Ja, richtig, da werde ich mich jetzt gleich drum kümmern!“

Dienstag, 30. Juni 2015

Von der Rückeroberung des Magischen



Ein Blog leitet sich ja vom „Weblog“ ab, ist also ursprünglich ein elektronisches Tagebuch. Dies will ich heute einmal wörtlich nehmen und von einem Zauberauftritt berichten, den wir neulich zu absolvieren hatten – oder, noch deutlicher gesagt: Viel schwieriger geht’s nicht:

Pfarrfest auf einer grünen Wiese, kein Podest, nicht einmal eine Abgrenzung des Vorführbereichs, Seiteneinsicht, hinter uns immerhin ein alter Baum mit einem angelehnten herrenlosen Fahrrad, Stromversorgung per Kabelrolle vom 15 Meter entfernten Getränkewagen aus, vor uns zirka 200 Gäste an Biertischen, ständiges Kommen und Gehen, Altersverteilung statistisch. Gottseidank hatte das Wetter sich im allerletzten Moment zu Sonnenschein entschlossen, wenn auch der Wind es hartnäckig ablehnte, den aufrechten Stand unseres Paravents zu akzeptieren. Ich liebe Open-Air-Gigs… 

Unserer Hartnäckigkeit verdankten wir es, dass dem Veranstalter gut 24 Stunden vor unserer Show doch noch klar wurde, wie sehr die magische Wirkung nicht zuletzt von ziemlich vielen Details des Umfeldes abhängt – so erhielten wir immerhin einen Garderobenraum, allerdings 50 Meter von der Spielfläche entfernt. Außer einer netten Ansage konnten wir keinerlei Werbung für unsere Vorstellung erkennen – na gut, es waren ja genügend Gäste erschienen (obgleich wohl nicht gerade wegen uns). Ein erwachsener Besucher fragte meine Frau immerhin, wann „das Ganze“ anfange, und es wäre ja sicher „was für die Kinder“. Ihre Antwort „nicht nur“ fand keine Resonanz.

Bei solchen Auftritten muss man sich fest vorstellen, alle Anwesenden würden die Präsentation von der ersten Sekunde an aufmerksam und begeistert verfolgen – obwohl einem die Optik das Gegenteil zeigt: Altersabhängige Konzentration lediglich bei den direkt vor einem im Gras sitzenden Kindern, neugierig-stechende Blicke einiger pubertärer junger Herren, die sich seitlich angeschlichen hatten und fest davon überzeugt waren, jeden Trick „herauszubekommen“. 80 Prozent der Erwachsenen nahmen anscheinend von unserer Vorstellung anfangs keinerlei Notiz – immerhin hatten wir als Opening die „Schirmillusion“ gewählt (zur Musik „Singing in the rain“): Die großen optischen Effekte lieferten uns wenigstens den Szenenapplaus des restlichen Fünftels. Trotz Tonanlage und Funkmikrofon war es nicht die Stunde des Wortes: Verbale Gags verpufften zunächst völlig wirkungslos; auf längere „zauberhafte Märchengeschichten“ im Programm hatte ich eh verzichtet.

Ein Dilemma wurde mir an diesem Tag wieder einmal klar: Man hat so viele „tolle, neue Effekte“, die man unbedingt einmal ausprobieren möchte. Bei „Krisenauftritten“ allerdings (und die werden nach meinem Empfinden immer häufiger) muss man die gezeigten Effekte „rückwärts und im Schlaf können“ – am besten auf der Basis einer dreistelligen Vorführerfahrung. Also werden die „kreativen Experimente“ mal wieder verschoben…

Was mich wirklich faszinierte: Innerhalb von 45 Minuten gelang es mir, mich hinsichtlich der Aufmerksamkeit des Publikums Reihe für Reihe nach hinten zu kämpfen! In den letzten 15 Minuten hatte ich die Zuwendung von mindestens zwei Dritteln des Publikums erobert, auch hinsichtlich meiner Moderation. Nach den „Odd Ropes“ und der Viereinhalb-Minuten-Routine des Ringspiels wurde mir sogar meine abschließende „Pièce“ im Stil der „Wiener Salonmagie“ abgenommen: Eine Effektfolge mit Produktionen von Tüchern und Blumen, zu der eigentlich Parkett, alte Möbel und Frack besser gepasst hätten als die nachmittägliche Atmosphäre auf der Wiese eines Pfarrfestes. Dazu noch Streicherklänge von Mantovani – altmodischer geht es kaum: In der Zauberszene würden sich die „Neuerer“ auskäuzen vor Ekel ob solch „verstaubter Darbietungen“. Gutes jedoch altert nicht: ein deutlicher Applaus, lächelnde Gesichter und das nachherige Staunen des Veranstalters darüber, dass es „trotzdem“ so schön geklappt hätte. Mehrfaches Dankeschön nebst unaufgeforderter Überreichung der Gage. Na dann…

Nicht zum ersten Mal hatten wir bei diesem Anlass das mit Händen zu greifende Gefühl, wir müssten zunächst den wachsenden Wust von Vorurteilen aus dem Weg räumen, welche immer mehr den Zugang zur Zauberei erschweren: Die Erwartungshaltung ist offenbar heute, dass es sich bei einem „Zauberer“ um einen niveaulosen Spaßmacher handle, der irgendwelche simplen Tricks zeige, welche bestenfalls für die Kinder geeignet seien. Na gut, die Blagen sind für eine Dreiviertelstunde beschäftigt, aber für uns Erwachsene ist das (im Gegensatz zum „Musikantenstadel“) nur Trash, nicht sehens- oder gar hörenswert.

Wir machen uns etwas vor, wenn wir diesen Imageverlust den Zuschauern in die Schuhe schieben – bei diesen ist der Anteil der Grenzdebilen sicher nicht höher als bei den Künstlern! Meines Wissens war es unser Altmeister Punx, der einmal gesagt hat, Zauberei sei eine noble Kunst, wenn sie in die richtigen Hände gelegt werde. Es ist unsere Sache, nicht in den Teufelskreis eines gegenseitigen Niveau-Limbos zu geraten. Der magische Anspruch muss darin bestehen, die Wirklichkeit vergessen zu machen – auch und gerade, wenn sie nach Bier und altem Frittierfett riecht. Punx-Texte funktionieren notfalls auch neben dem Würstlgrill, und man kann durchaus vor einer Hüpfburg Friedrich Hölderlin zitieren: "Ein Bettler ist der Mensch, wenn er denkt - ein König, wenn er träumt." Man muss es nur wollen.

Dienstag, 23. Juni 2015

Eine große Illusion?


Ich kenne den Zauberkünstler auf dem unten verlinkten Video nicht – und bin, ehrlich gesagt, ganz froh darum, meine Kritik nicht auch noch mit einem Namen verbinden zu müssen. Weiterhin mag ich nicht die Frage beantworten, ob es sich – wie angepriesen – wirklich um einen der „besten Magier der Welt“ handelt.

Ich will dessen persönliche Leistung gar nicht herabwürdigen: Das Bühnenbild ist imposant und passt vom Styling her ganz gut zu der vorgeführten Großillusion. Diese wird routiniert und zügig präsentiert, und bestimmt wirkt sie für das Laienpublikum – wie man ja in der Aufzeichnung sieht – halbwegs rätselhaft. Auch die Begleitmusik ist genügend bombastisch (ohne sich allerdings irgendwie einzuprägen) und liefert einen stimmigen Rhythmus für die Aktionen.

Ich habe das Beispiel ausgewählt, weil es für mich ziemlich repräsentativ die Schwächen von Tausenden solcher Darbietungen verkörpert: Es packt mich emotional nicht, weil es keine überzeugende Handlung hat, keine Geschichte erzählt.

Mir ist schon die Beziehung des Protagonisten zu seiner Partnerin nicht klar: Ist es ein freundschaftliches oder gar erotisches Verhältnis? Wieso will er sie dann umbringen? Oder möchte er ihr imponieren? Wieso lässt er sie dann nicht lieber zusehen, wie er jemand anderen drangsaliert? Am schlüssigsten wäre noch eine aggressive Einstellung zu ihr – dazu passt aber das recht nette Verhalten beider gar nicht.

In Wahrheit agiert das Duo ziemlich solitär nebeneinander her: Sie tanzt ein wenig herum, zunächst ohne, dann mit Fackel, während er im Hintergrund schon mal das Folterwerkzeug herrichtet. Anschließend gibt sie ihm noch Feuer für den speerbepanzerten Schieber, mit dem er sie aufzuspießen gedenkt – und unverständlicherweise steigt sie freiwillig in das hierfür vorgesehene Behältnis: Durchbohrung, Kiste leer, die Dame erscheint aus dem Publikum und tänzelt auf die Bühne zurück. Der Rest an Feuer flackert noch in des Magiers Hand und wird von ihr ausgepustet (für mich der netteste Effekt der Nummer).

Nur empfinde ich während der gesamten Darbietung weder Mitleid noch Furcht, nicht einmal Spannung, denn bereits wenige Sekunden nach Beginn weiß der unbefangene Zuschauer beim Anblick der Kombination „schöne Frau / Phallussymbole“, worauf die Sache hinauslaufen wird. Lediglich das Verschwinden der Assistentin wird wohl für viele überraschend sein, mindert jedoch in meiner Sicht den Effekt der Durchdringung, da man ja anschließend sieht, dass niemand zu diesem Zweck vorhanden war.

Was ich zudem an vielen dieser Darbietungen ärgerlich finde: Warum müssen weibliche Wesen, selbst wenn sie einen ganz guten Ernährungszustand aufweisen, beim Zaubern halbnackt herumlaufen? Schätzt man die Wirkung der Illusion so gering, dass man sich dieser Mittel bedienen muss?

Weiterhin besteht eine generelle Schwäche solcher Nummern darin, dass der magische Effekt erst relativ spät eintritt, hier nach zirka 62 bzw. 86 Prozent der Vorführdauer (Durchdringen respektive Verschwinden). Und das, obwohl zumindest der erste Höhepunkt ziemlich vorhersehbar ist!

Insgesamt – und das ist meine zentrale Kritik – reduzieren sich derartige Shownummern ganz wesentlich auf die Darstellung eines technischen Rätsels und fordern die Zuschauer geradezu auf, sich vorrangig damit zu beschäftigen. Und wie man anhand der Kommentare auf „YouTube“ sieht, geschieht dies manchmal durchaus mit Erfolg. Schade darum, man könnte dies durch eine gute Story, eine emotional mitreißende Handlung deutlich reduzieren. Leider sind aber Großillusionen oft keine
großen Illusionen...
                              

Donnerstag, 21. Mai 2015

Was Neues?



„Ein Anfänger fragt seinen Zauberhändler, ob er etwas Neues hat.
Ein Fortgeschrittener möchte wissen, ob er ihm etwas Altes verkauft.“

Woher ich dieses Zitat habe, weiß ich nicht mehr. Für mich lenkt es aber das magische Denken an einen entscheidenden Punkt:

Während noch vor einigen Jahrzehnten die Zauberei eher eine „Geheimwissenschaft“ darstellte, welche nur einem eingeweihten Kreis zugänglich war, kann man heute per Internet vom einfachen Kartentrick bis zur großen Bühnenillusion alles in Minutenschnelle ansehen und bestellen.  Eher reißerische Werbetexte vermitteln den Eindruck, das so erworbene Equipment würde dann schon die „Zauberarbeit“ für einen erledigen. In den Katalogen wird der Effekt stets nur aus der – zudem oft recht optimistisch interpretierten – Zuschauersicht geschildert.

Für relativ viel Geld (mit dem Großteil bezahlt man das Geheimnis) erhält man anschließend die Hardware inklusive einer häufig ziemlich frugalen Beschreibung, nicht selten einer knappen Übersetzung aus dem Englischen (oder Japanischen). Auch wenn die Gerätschaften so halbwegs funktionieren, erkennt gerade ein Anfänger bald, dass er über die dazu nötige Geschicklichkeit nicht verfügt. Spätestens nach ein paar nicht sehr erfolgreichen Vorführversuchen landet das gute Stück dann im Zauberschrank.

Sicherlich gehören Fehlkäufe zu den Erfahrungen, die einem Neuling in der Zauberkunst nicht erspart bleiben. Mit der Zeit lernt man vieles genauer kennen und die „Katalogsprache“ von der Realität zu unterscheiden. Ein Trost: Oft fiel es mir erst Jahre später ein, wie ich ein bestimmtes Requisit so verwenden konnte (meist weit von der ursprünglichen Beschreibung entfernt), dass sich eine problemlose Vorführung und ein wirksamer Effekt ergab.

Nicht nur Zauberhändler, sondern auch Seminaristen auf den magischen Kongressen profitieren von dem Schlagwort „neu“ – welches ja stets die Bedeutung „besser“ nahelegen soll. Der bekannte Kollege Alexander de Cova beleuchtet derartige Verkaufsveranstaltungen in geradezu satirischer Weise: „Die meisten Seminare, vor allem die von amerikanischen Kollegen, haben in den letzten Jahren immer mehr den Charakter von Hausverkaufsparties angenommen. Den Gipfel dieser Praxis habe ich in einem Seminar erlebt, in dem der Kollege vor der Pause eine säuberlich gedruckte Liste mit seinen Verkaufsartikeln austeilte und im Detail erläuterte, was er nach dem Seminar alles zum Verkauf anbiete würde. Eigentlich hat nur noch gefehlt, dass man ankreuzen soll, was man will, damit in der zweiten Hälfte des Seminars von den fleißigen Helfern schon zusammengepackt werden kann, und sich dann jeder nur noch sein Tütchen gegen Bares abholen muss.“ (aus „Secrets N° 2“)

Bei meinen Kontakten in der magischen Zunft habe ich das Resultat eines solchen Marketings oft genug erlebt: Hauptsache, man „kauft“ sich einen Effekt, und „neu“ muss er selbstredend sein – sonst ist er uninteressant. Auch der deutsche Star-Regisseur und „Jury-Papst“ Eberhard Riese bläst in dieses Horn: „Damit eine Zauberdarbietung Chancen auf Erfolg hat“, müssen für ihn etliche Kriterien erfüllt sein – an erster Stelle: „Sie muss neu sein; das heißt neu sein entweder in den Effekten oder in den Techniken oder in der Präsentation – am besten in allen drei Punkten.“ (aus „Fundamente“)

Alexander de Cova ist da anderer Meinung: „Ist es wirklich ein Kriterium, zu sagen, ein Trick oder eine Routine seien schlecht, allein weil sie nicht neu ist? (…) Heute wie vor vierzig Jahren lassen wir Karten aus dem Spiel verschwinden, um sie an einem anderen Ort wieder erscheinen zu lassen, bringen wir Asse zusammen, oder finden gedachte oder frei gewählte Karten in einem ganz normalen, gemischten Spiel wieder. Neu daran ist vielleicht, dass man heute einen Waschbären braucht, um eine Karte zu finden oder eine endlos lange, alles motivierende Routine, die den Effekt unkenntlich macht und die Spannung eines Testbildes im Fernseher vermittelt.“ (aus „Secrets N° 1“)

Ich glaube, wir sollten uns lieber bei Klassikern, die sich seit Jahrhunderten oder länger bewährt haben, einmal gründlich überlegen, warum das so ist – und den Optimismus behalten, dass sie auch in Zukunft dem Publikum gefallen werden, wenn man sie überzeugend vorführt. Natürlich muss man sich um eine zeitgemäße Präsentation bemühen (ohne die Goldfransen am Zaubertisch oder die Witze aus alten Vortragsbüchern) – aber ich weigere mich entschieden, „neu“ als Bedingung für Erfolg zu betrachten. In der jahrtausendealten Geschichte der magischen Kunst wurde schon viel probiert - nur Weniges hat überlebt. Um genau diese Schätze sollten wir uns kümmern, anstatt krampfhaft das Rad neu erfinden zu wollen. Und keine Angst davor, dass die Zuschauer „das alles schon kennen“! Wie viele Zauberauftritte erlebt der durchschnittliche Laie in seinem Leben? Ich vermute da eher eine einstellige Zahl – und nach meiner Erfahrung kann er meist keinen einzigen der gesehenen Effekte genauer wiedergeben!

Das zentrale Beispiel aus meiner eigenen Zauberlaufbahn stellt das Chinesische Ringspiel dar. Eher zufällig erwarb ich vor langer Zeit einen Satz Ringe und die Routine „Symphony oft he Rings“ von Dai Vernon. Die Beschreibung war, gerade für einen Anfänger, richtig harter Stoff und beschäftigte mich monatelang. Aber irgendwann hatte ich mich „durchgebissen“ und den Ablauf erlernt. Schon bei den ersten Vorführversuchen erlebte ich eine große Resonanz beim Publikum (welche sicher auf den Effekt und nicht meine Darbietungsweise zurückzuführen war). Ich wurde allerdings auch mit dem Rat eines erfahrenen Zauberkollegen konfrontiert, ich solle doch auf die „ausgeleierten Ringe“, die jeder vorführe, verzichten und mir stattdessen etwas Eigenständiges und Originelleres einfallen lassen. Zum Glück folgte ich damals diesem Rat nicht – und wenn es ein einzelnes Kunststück gibt, dem ich meinen Erfolg und viele Reengagements verdanke, dann ist es sicherlich das Ringspiel. Zirka 700 Mal habe ich es bislang gezeigt, und so hat sich die lange Übungsphase wahrlich amortisiert!

Ich könnte noch eine Menge solcher Beispiele aufführen: Becherspiel, Kubusspiel, Tuch-Färbung-Ei oder die Punx-Effekte „Herz aus Glas“ oder das „Märchen von den vier Wünschen“. Wenn man sein Geld lieber in einen bewährten Effekt oder in eine Reihe guter Zauberbücher investiert, hat man Material ohne Ende, mit dem man sich lange beschäftigen kann und muss! Magisches „Fastfood“ hingegen macht auf die Dauer weder satt noch glücklich. Viel später habe ich ein Zitat von Dai Vernon gefunden, das uns zeigt, wie wenig in der Magie mit „schnellen, Hauptsache neuen“ Effekten geht: „Eine Straße weiter gibt es ein Musikgeschäft, wo Sie sich vielleicht eine Violine kaufen. Einige Häuser daneben finden Sie eventuell ein Zaubergeschäft, wo Sie diese Ringe erwerben können. Aber in beiden Fällen müssen Sie dann nach Hause gehen und lernen, wie man spielt.“

Nach meinem Empfinden sind viele Amateurzauberer ihr Leben lang auf der Suche nach dem „idealen Trick“, der gleichzeitig neu, undurchschaubar und mühelos vorzuführen ist. Dies aber ist eine Illusion, welche wir unserem Publikum vorbehalten sollten. Für uns selber ist sie kontraproduktiv und gefährlich. Geben wir uns lieber Mühe beim Üben als bei der ständigen Erkundung von „Neuem“!

„Es gibt ein Erbe in der Zauberkunst, um nicht sogar zu sagen, ein Vermächtnis. (…) Ich lese sehr viele Zauberbücher, und aus denen älteren Datums habe ich vor allem gelernt, dass es wirklich nichts Neues unter der Sonne gibt. (…) Geht es nur darum, immer etwas Neues zu kreieren, oder ist es nicht ratsamer, erst einmal Routinen einzustudieren und ihnen dann vielleicht ein neues Gesicht zu geben, indem man sie rationalisiert, wo es nötig erscheint, seinem individuellen Vorführstil anpasst, vielleicht einen Vortrag unserer Zeit angleicht oder sie unter Umständen sogar so vorführt, wie sie erdacht wurden, weil es einfach nichts zu verbessern gibt?“ (Alexander de Cova: „Secrets N° 1“)