Samstag, 15. August 2020

Kinderzauberei – der Weg zur Erlebniswelt der Kleinen


Meine Art zu zaubern hat sich maßgeblich verändert, seit ich zum ersten Mal die „Grand-Prix-Nummer“ des legendären Fred Kaps sah:


Insbesondere der Schluss dieser preisgekrönten Routine wird mir unvergesslich
bleiben: Der Magier greift – zum wiederholten Male – zu einem kleinen Streuer mit Zaubersalz, jedoch scheinen die Löcher verstopft zu sein. Er schraubt den Deckel ab und schüttet den Inhalt in seine Faust. Aus jener rinnt dann ein nicht enden wollender Salzstrahl, das ursprüngliche Gefäß läuft über.

Kaps ist augenscheinlich völlig überrascht von diesem Effekt, wird mit der Zeit immer verlegener, versucht, die Fülle in der anderen Hand aufzufangen und Salz in die Tasche zu stecken, malt mit dem weißen Rinnsal Figuren auf den Boden und gestikuliert entschuldigend in Richtung Publikum. Längst ist die Musik zu Ende, er deutet händeringend in Richtung Kapelle, welche daraufhin noch mehrfach zum Finale ansetzt, mit komischer Verzweiflung blickt er auf den Salzhaufen zu seinen Füßen – schließlich, zu den letzten Takten der Begleitung, ein Leerzeigen der Hände: Die Illusion ist vorbei, und er geht ab.

Das Umwerfende daran ist, wieder einmal, nicht der Effekt (Salzvermehrung),
sondern die Präsentation:


Nicht der Vorführende, sondern „es“ zaubert!

Der wird von den Ereignissen genauso „überrollt“ wie das Publikum – und dieses „spiegelt“ seine Verblüffung.

Mit jenem Konzept ersparen Sie sich vor allem bei jüngeren Zuschauern die lästigen Fragen, „wie es geht“ – Sie wissen es ja selber nicht, die Effekte passieren einfach, scheinbar ohne Ihr Wollen. Sie verlassen so die angreifbare Position des Alleskönners und -Wissers, welche junge Zuschauer sehr gerne austesten, indem Sie sich (in dieser Hinsicht!) auf die Stufe der Kinder stellen.

Mit einer solchen Strategie können Sie die meisten Aufsitzereffekte auch vor jungem Publikum zeigen: Nachdem Sie längere Zeit die Proteste aus dem Zuschauerraum nicht verstanden haben, kapieren Sie endlich die Lösung, wiederholen sie lauthals (für alle, die den Plot noch  nicht erfasst haben) und „untersuchen“ die Requisiten entsprechend.

Groß ist Ihr Erstaunen, dass es wohl doch nicht so einfach funktionieren kann. Aber wie dann? Keine Ahnung – es ist halt Zauberei! Zumindest teilen Sie den Frust mit Ihren kleinen Zuschauern, und die sind beruhigt, dass ein Erwachsener ebenfalls nicht durchblickt.

Beim berühmten „Würfelkasten“ beispielsweise leuchtet Ihnen endlich ein, dass der Kubus nur hin- und her rutscht. Toll! Sie wollen ihn wieder herausholen und die Sache noch einmal probieren – doch er ist verschwunden. Nach Suchen und Grübeln kommen die Kinder wahrscheinlich selber darauf, einmal im Hut nachzusehen. Da ist er Gott sei Dank wieder, und Sie bedanken sich für den Tipp!

Die Metaebene betrifft die Älteren, welche selbstredend Ihre Taktik durchschauen, die darin liegende Raffinesse bewundern – und genauso wenig wissen, wie es wirklich geht!

Ein Zauberprogramm für Kinder muss stets komische Momente enthalten: Glücklicherweise lacht man in jugendlichem Alter (noch) gerne – und zwar am liebsten über Erwachsene, denen auch einmal etwas misslingt. Wenn Sie beispielsweise mit dem Zauberstab leicht auf Ihre Faust klopfen, den Schlag aber zu stark dosieren und sich anschließend vor Schmerzen krümmen, wird die Begeisterung von Siebenjährigen kein Ende kennen! Insofern hat das scheinbare Misslingen von Kunststücken einen hohen Unterhaltungswert.

Nicht nur im Kasperltheater wirkt das schon angesprochene „One ahead-Prinzip“ bei Kindern grandios, da ja wiederum eine Situation eintritt, in der sie dem Erwachsenen auf der Bühne einen Schritt voraus sind (alle sehen das Krokodil, bloß der Kasper nicht). Ein schönes Beispiel bietet das Kunststück „Run Rabbit Run“ (oder auch „Häschenburg“), bei dem die Zuschauer längst bemerkt haben, dass der Hase von der einen zur anderen Seite gesaust ist – nur nicht der Vorführende.

Hierbei müssen Sie allerdings ein feines Gespür dafür entwickeln, welchen Grad an eigener Dämlichkeit Ihnen die Kinder noch abnehmen. Zudem nutzen sich sämtliche Strategien in einem Programm ab, daher ist auch dieses Manöver kein Allheilmittel für einen ansonsten spannungsarmen Auftritt!

Kleine Zuschauer sind fasziniert von skurrilen Geschichten mit möglichst
absonderlichen Requisiten: Ein Zauberstab, der in die Luft springt, von dem die Enden abfallen oder der sich in einen Kochlöffel oder gar eine Klobürste verwandelt, bereitet ihnen oft mehr Vergnügen als der magische Höhepunkt einer Routine. Überlegen Sie, mit welchen komischen Zwischenspielen Sie den Ablauf würzen können:

Der Weg ist das Ziel!

Merke: Aus der Sicht von Kindern beschäftigen sich Erwachsene mit
„ernsthaften“ Dingen – ein Zauberer dagegen „spielt“: Dies bildet das größte Faszinosum für die Kleinen!

Doch verwenden Sie auch solche Stilmittel nicht im Übermaß! Ein Erwachsener,
der zum fünften Mal rechts und links verwechselt oder dem schon wieder ein Seidentuch herunterfällt, wirkt bereits auf Kleinkinder unglaubwürdig. Zudem treten Sie als Zauberer auf, nicht als Clown (eine ganz eigene Kunstgattung, deren Erlernen sicher nicht einfacher ist als unsere Profession). Ersterer zeichnet sich jedoch dadurch aus, dass ihm Dinge gelingen, zu denen normale Menschen nicht fähig sind, bei Letzterem ist eher das Gegenteil der Fall – ein Widerspruch, der prinzipiell nicht auflösbar ist.

Große Komiker wie Charly Chaplin oder Jaques Tati kamen oft sehr konventionell daher, nur misslingt ihnen dieses Streben nach Anpassung immer wieder grandios – und aus dem Kontrast entsteht das Vergnügen, welches sie uns bereiten: Der Darsteller ist eher ernst – lustig finden wir ihn! Oder stellen Sie sich Freddie Frinton in seinem legendären Sketch „Dinner for one“ einmal im Clownskostüm statt in der Butler-Livree vor! Übrigens haben große Clowns wie Charlie Rivel diese „ernsten“ Anteile stets berücksichtigt und waren weit mehr als „Possenreißer“!

Insofern habe ich bei Kollegen, welche in schreiend bunter Aufmachung mit Bommelnase plus komischem Hütchen vor Kindern auftreten und sich gerne als „Clown-Zauberer“ bezeichnen, meine Bedenken: Oft genug erlebt man ein (nicht immer besonders gekonntes) Herumgeblödel, das mit wenigen simplen Zaubereffekten versehen wird. Das mag ja bei Kleinkindern halbwegs funktionieren, doch wie steht es um die bereits angesprochene Metaebene? Ältere Kinder und Jugendliche lehnen eine solche Darbietung vielleicht eher als „Babykram“  oder gar „Quatsch“ ab, und bei Erwachsenen etabliert sich die Vorstellung, die Zauberkunst basiere vor allem auf klamottigen Gags und nicht auf feinsinnigen und undurchschaubaren Illusionen. Steigert man nach einem solchen Auftritt seine Chancen, für ein Erwachsenenprogramm gebucht zu werden?

Komik ist in unserem Metier ein Stilmittel, welches die Wirkung von
Täuschungen fördern kann – mehr aber auch nicht!

Wie bereits angedeutet, ordnen gerade Kleinkinder Gegenständen (noch dazu außergewöhnlichen wie beim Zaubern) die Rolle von Lebewesen zu. Bauen Sie an geeigneten Stellen unbedingt Animationen ein, indem Sie den Requisiten Namen oder andere persönliche Eigenschaften geben – vielleicht ist ein Seil ja in Wirklichkeit eine Schlange, eine hohe Säule ein Riese, ein Tuch ein Schmetterling usw.

Bedienen Sie die reichhaltig vorhandene Fantasie der jungen Zuschauer! Im Bemühen um ein „kindgerechtes“ Kunststück zauberte ich in meiner Anfängerzeit öfters ein Stoffkaninchen aus einer „leeren“ Kiste, welches ich dann „zappelnd“ in den Händen hielt. Immer wieder erhielt ich dabei von älteren Kindern den Zuruf „Ej Mann, der ist ja gar nicht echt!“ (was natürlich auch die Illusion bei den Kleineren killte), worauf ich den Effekt nur noch bei Senioren zeigte (wo er sehr gut ankam).

Inspiriert vom Film „Sein Freund Harvey“ mit James Stewart erfand ich später eine Routine mit dem zwei Meter großen, unsichtbaren Hasen gleichen Namens, dessen Aktionen ich mit diversen Zaubereffekten animierte. Das Ganze wirkte auf die Junioren bombig, und das Verrückteste ist: Noch nie hat ein Kind, gleich welchen Alters, die Existenz dieses Tiers bezweifelt – er war, im Gegensatz zum nachgemachten Fellknäuel, sozusagen „echt“!

Insgesamt bilden Auftritte vor Kindern immer eine Gratwanderung, bei der man das eine tun muss, ohne das andere zu lassen:

·         Verwenden Sie eine leicht verständliche Sprache, ohne in „Babygeplapper“ zu verfallen.
·         Zeigen Sie einfache, stark optische Effekte, die aber auch für Größere undurchschaubar sind.
·         Arbeiten Sie anschaulich und mit Animationen!
·         Verwenden Sie skurrile Zwischenspiele.
·         Setzen Sie Tempo und Pausen situationsgerecht ein.
·         Lernen Sie die Unruhe so zu steuern, dass sie produktiv bleibt.
·         Seien sie nett und freundlich, ohne die Inszenierung aus der Hand zu geben.
·         Schaffen Sie Möglichkeiten der Publikumsbeteiligung, die den Gesamtablauf nicht gefährden.
·         Leisten Sie sich scheinbare „Pannen“, aber behaupten Sie Ihre Alpharolle.
·         Arbeiten Sie mit Metaebenen für die verschiedenen Altersstufen.
·         Bleiben Sie für Ihre kleinen Gäste ansprechbar, aber nicht ständig und in jeder Situation.
·         Registrieren Sie Zwischenrufe, aber bestimmen Sie Ihre eigene Art der Reaktion darauf.
·         Setzen Sie Komik ein, ohne in niveauloses Gealbere zu verfallen.
·         Bestehen Sie auf geeigneten Rahmenbedingungen – auch auf die Gefahr hin, dass Ihnen einmal ein Engagement entgeht.

Und schließlich: Denken Sie darüber nach, ob Sie Kinder mögen – nur dann sollten Sie solche Vorstellungen geben!

Niemand hat behauptet, dass dies alles einfach sei. In seinem sehr empfehlenswerten Buch „Kinderzauberei – (k)eine Kunst?!“ schreibt Marc Dibowski:

„Für Kinder muss man zaubern wie für Erwachsene – nur besser.“

Dienstag, 14. Juli 2020

Kinderzauberei - die Steuerung der Inszenierung


So behalten Sie das Ruder in der Hand!

Im Prinzip gibt es zwei Szenarien, wie Ihnen bei einem Auftritt die Kontrolle entgleiten kann:

Von Ihnen weg:

Dabei verlieren Sie die Aufmerksamkeit der Kinder, da diese sich mit anderem beschäftigen (egal, ob dem Sitznachbarn, der umgefallenen Getränkeflasche oder dem vorbeilaufenden „süßen“ Kätzchen). Die Ursachen liegen entweder in schwierigen äußeren Bedingungen (siehe voriger Beitrag) oder in Ihrer Darbietung, welche für das Publikum uninteressant ist bzw. wird – durch schwache Präsentation oder (häufiger) ein Überziehen der passenden Vorstellungsdauer.

Hierbei müssen Sie entscheiden, ob Sie etwaige Störungen von außen sofort abstellen können bzw. noch „Knüller“ im Programm haben. Lassen Sie auf jeden Fall schwächere Nummern weg und steigern Sie die Energie Ihrer Aktionen! Notfalls kommen Sie schnellstens zum Ende, bevor sich beim Gastgeber der Eindruck eines missglückten Auftritts erhärtet!

Auf Sie zu:

In dem Fall rücken Ihnen Ihre jungen Zuschauer immer mehr auf die Pelle, sowohl räumlich als auch vom Verhalten her. In der günstigeren Variante geschieht dies nur verbal: Die Lautstärke und Frequenz der Zwischenrufe steigt, die Frageform wird immer mehr zum Imperativ oder Ausruf („Ich möchte jetzt auch so ein Seil haben!“, „Mich nimmst du nie dran!“ etc.).

Schlimmer noch ist es, wenn die Übergriffe physischer Natur sind: Kleinkinder krabbeln unter Ihrem Tisch herum oder machen sich an Requisiten zu schaffen. Der Grund hierfür liegt oft in mangelnder Prophylaxe (fehlende Abgrenzung des „Zauberbereichs“, Altersgrenze nach unten offen, keine Betreuer anwesend). Häufiger noch haben Sie vorher eine zu starke Verringerung der Distanz zugelassen, um den „Kontakt mit den Kindern“ zu intensivieren. Die eingesetzte Überdosis produziert entsprechende „Nebenwirkungen“!

Insgesamt sind hier aber die Korrekturmöglichkeiten größer, weil das Interesse des Publikums ja weiterhin Ihnen gilt! Allerdings müssen Sie umgehend für mehr Abgrenzung sorgen, etwa durch klare Ansagen („Alle bleiben hinter dieser Linie!“ oder „Finger weg von meinen Sachen!“).

Rufen Sie, wenn möglich, Betreuer oder Eltern auf den Plan („Können Sie bitte den kleinen Terroristen hier entfernen?“ – hart, aber äußerst wirksam). Streichen Sie Nummern mit direkter Zuschauerbeteiligung und ignorieren Sie alle weiteren Zwischenrufe! Gut funktionieren dramatische Pausen mit anschließendem Flüstern („Pst! Habt ihr den Hasen auch schon gehört?“) Leider haben Sie auch in dieser Situation nicht viel Zeit, den Absturz zu verhindern – sollte das nicht glücken, müssen Sie umgehend aufhören (oder die Vorstellung unterbrechen und für bessere Rahmenbedingungen sorgen)!

Selbst wenn ein Krisenmanagement in letzter Minute gelingt – es wird bei den erwachsenen Gästen nicht unbemerkt bleiben und Ihnen den Ruf bescheren, dass Sie „nicht mit Kindern umgehen“ können (rangiert heute in den Charts noch vor Steuerhinterziehung und Schutzgelderpressung).

Daher ist gerade hierbei Vorbeugen besser als Heilen! Neben der Schaffung geeigneter äußerer Bedingungen kann man im Verlauf des Auftritts viel zur Vermeidung der geschilderten Probleme tun:

In meinem Hauptberuf als Lehrer habe ich mich stets an einen Rat gehalten, den ich in der Anfängerzeit von erfahrenen Kollegen bekommen habe: „Streng anfangen – locker lassen geht später auch noch!“ Legen Sie zu Beginn nicht gleich eine rangordnungsmäßige Bauchlandung vor Ihren kleinen Zuschauern hin nach dem Motto „Ich bin einer von euch!“ Das erwarten die Kinder von einem Erwachsenen (zumal einem Zauberer) gar nicht – ja, glauben es nicht einmal. Was Sie damit verbreiten, ist lediglich Verunsicherung, und die Kleinen werden sofort nach den neuen „Spielregeln“ fahnden, indem sie Grenzen austesten.

Stellen Sie den Zusammenhang vom Kopf auf die Füße: Da der Umgang mit einem Magier für Ihre kleinen Gäste ungewohnt ist, nehmen sie Signale zum „richtigen“ Verhalten zunächst einmal bereitwillig auf – und wenn Sie konsequent agieren, bleibt es dabei: Sie sind das Alphatier! Geben Sie sich freundlich, aber zeigen Sie, dass Sie wissen, was Sie tun, und das auch durchziehen werden.

Nehmen Sie Ihr Publikum ernst – völlig unabhängig vom Alter! Meine Anrede in diesen Fällen lautet stets: „Meine sehr verehrten großen und kleinen Damen und Herren!“ Dieses Signal transportiert zwei Botschaften: Ich möchte einem Sechsjährigen den gleichen Respekt entgegenbringen wie einem Sechzigjährigen. Gleichzeitig deute ich damit an, dass mir die andere Seite ebenfalls Achtung zu zollen hat. Wiederum kommt es hier zu einer Spiegelung: Behandle ich die Kleinen als „Rotznasen“, werden sie sich auch so benehmen – oder im Gegenteil wie „Damen und Herren“.

Wenn Sie auf Zwischenbemerkungen eingehen, gestalten Sie dies mit positiver Zuwendung und geben Sie eine vernünftige, vielleicht auch witzige Antwort. Erinnern Sie sich daran, dass auch Erwachsene gelegentlich überflüssige bis dämliche Fragen stellen – und da werden Sie wohl nicht ärgerlich oder herablassend reagieren!

Tun Sie alles dafür, dem jungen Publikum einen möglichst perfekten Auftritt zu bieten! Ich glaube fest daran, dass schon die ganz Kleinen spüren, ob Sie präzise oder schlampig arbeiten – und ganz sicher werden Unachtsamkeiten nicht „höflich übersehen“, sondern laut und deutlich benannt.

Testen Sie Routinen, bei denen Sie noch unsicher sind, ja nicht vor jungen Zuschauern – im Gegenteil: Wenn Ihnen die technische Seite einer Nummer vor Erwachsenen keinerlei Schwierigkeiten mehr macht, können Sie versuchen, sie auf Kinder zu adaptieren. Oft werden Sie merken, dass Sie wieder mit Problemen zu kämpfen haben, denn Jüngere ziehen Ihre Aufmerksamkeit viel stärker von der Handhabung und Präsentation der Requisiten ab.

Eine hohe Kunst in diesem Metier ist das Gespür, wann eine Pause angebracht und in welchen Fällen diese völlig kontraproduktiv ist. Vor allem direkt nach einem Zaubereffekt müssen Sie den Kleinen Zeit geben, das Gesehene zu verarbeiten. Machen Sie hier zu schnell weiter, kriegen Ihre Zuseher vom Beginn einer neuen Routine wenig mit. Andererseits gibt es Passagen, bei denen Zwischenrufe gefährlich sind („Du hast gerade was aus der Tasche geholt!“). Steigern Sie in diesem Moment Lautstärke und Sprechgeschwindigkeit, dann ist gar kein „Platz“ für eine solche Irritation (oder sie geht zumindest akustisch unter). Viele unwillkommene Zwischenrufe sind somit Folgen eines schlechten Timings.

Manchmal steigert der Vorführende ja die Lautstärke im Zuschauerraum, indem er via Aufsitzereffekt sein Publikum zu „Protesten“ animiert. Dann darf er sich allerdings nicht wundern, wenn die Kleinen das Hineinschreien generell für ein erlaubtes Mittel halten, sich am Geschehen zu beteiligen!

Weiterhin bekommen Sie verbale Einmischungen häufig in zwei Fällen:

Erstens verkennen speziell sehr kleine Kinder völlig den sozialen Kontext und beginnen ein „Privatgespräch“ mit Ihnen (Thema beinahe beliebig). Mein Tipp: Hören Sie kurz, aber ernsthaft zu und biegen Sie dann rhetorisch ab: „Aha, du hast schon mal einen Hasen gestreichelt? Toll - meiner kann sogar noch mehr, pass einmal auf…“ Rücken Sie anschließend ein paar Schritte weg von Ihrem Gesprächspartner, wenden sich demonstrativ anderen Gästen zu und überhören weitere Äußerungen. Wenn Sie nämlich öfter darauf eingehen, wird Ihr Publikum konditioniert, dass man Sie jederzeit unterbrechen darf – und dann kriegen Sie bald keinen Satz mehr ungestört zu Ende!

Der andere Fall betrifft eher Kinder um die zehn Jahre, die eigentlich gar nicht Sie meinen, sondern die restlichen Zuschauer. Man hat in der Schule schon viel gelernt und möchte diesen Wissensvorsprung demonstrieren. Folglich „kennt man den Trick schon“, „weiß, wie es geht“ und dergleichen. Eine ernsthafte Antwort Ihrerseits wird gar nicht erwartet, man möchte lediglich mit seinen Fähigkeiten glänzen und Ihre Reaktion testen. Dies gilt erst recht für Missgeschicke, die Ihnen tricktechnisch unterlaufen und dann geradezu triumphierend bloßgestellt werden: „Ich hab gesehen, wie du das machst“, „Der Beutel ist gar nicht leer“.

Umgekehrt gilt übrigens ebenso: Das höfliche Schweigen von Erwachsenen muss keineswegs bedeuten, dass Sie für alle undurchschaubar gezaubert haben – selbst bei guter Vorführung gibt es stets „Schlauberger“, die etliche Ihrer Manöver entschlüsseln!
Ihre jungen Kritiker wissen aber nicht zehn Prozent von dem, was sie vorgeben – oft vermuten sie eine Lösung oder generalisieren einen Momenteindruck. (Bestes Beispiel: Sie bringen ein Kartenspiel zum Vorschein und ernten die Bemerkung: „Das kenn ich!“ – klar, es muss ja derselbe Kartentrick sein, den der ältere Bruder immer zeigt. Dass sich die Fachliteratur zu diesem Thema nach laufenden Metern bemisst, ist selbstverständlich jenseits aller Vorstellungskraft…) Weiterhin haben Ihre kleinen Gäste nicht wirklich eine Ahnung davon, ob ein „Patzer“ versehentlich passierte oder zur Routine gehört. Daher mein Rat:

Zwischenfälle dieser Art sind nur so schlimm, wie Sie darauf reagieren!

Sollten Sie folglich auf einen entsprechenden Kommentar hin zusammenzucken wie vom Blitz getroffen und anschließend rot anlaufen, haben Sie ein selber verursachtes Problem – bleiben Sie dagegen locker und cool, wird der Einwand wohl grundlos gewesen sein. Auch hierbei müssen Sie also wieder Ihre Körpersprache trainieren! Natürlich können Sie mit einem lässigen Spruch reagieren, beispielsweise

·         „Ich weiß, wie das geht“: „Ich auch!“ oder „Aber nur für hundert Euro weitersagen“
·         „Wie geht das?“: „Gut, siehst du doch!“
·         „Gibst du mir auch so ein Bällchen?“: „Nein, das sind meine!“
·         „Den Trick kenn ich schon“: „Okay, dann dreh dich um und schau weg!“
·         „Ich hab gesehen, wie du das machst“: „Sehr gut, merk dir das!“
·         „Darf ich das Seil mal untersuchen?“: „Nein, ich untersuch dich ja auch nicht!“

Aber Vorsicht: Hiermit konditionieren Sie Ihr Publikum ebenfalls auf ein ständiges Frage-Antwort-Spiel! Es reicht, wenn Sie Ihre Rolle mit wenigen Bemerkungen absichern und weitere Zwischenrufe ignorieren – meist hören diese irgendwann auf.

Ein probates Mittel, wieder etwas Ruhe in die Vorstellung zu bekommen, ist eine stumme Nummer zu Musikbegleitung. Seltsamerweise verebbt der Lärm dann – vielleicht, weil nun bei den Kindern eine andere Art der Wahrnehmung angesprochen wird. Ich habe jedenfalls bei einem solchen Programmpunkt noch nie Zwischenrufe vernommen (eventuell war auch die Musik zu laut…).

Andere heikle Situationen bilden „Mitmach-Nummern“. Stellen Sie bitte niemals die Frage: „Wer will mir denn jetzt einmal beim Zaubern helfen?“ Während bei Erwachsenen daraufhin ein betretenes Wegschauen begänne, würden sich Ihre kleinen Zuschauer umgehend zu einem Sturm auf die Bühne rüsten. In beiden Fällen gilt: Nur Sie wählen die betreffende Person aus!

Freilich müssen Sie bei Kindern diplomatisch verfahren und können in der Regel den „Ehrengast“, der seinen Geburtstag feiert, nicht übergehen. Dennoch sollten Sie darauf achten, ob dieser Ihnen zu schüchtern oder vorlaut erscheint. In dem Fall betrauen Sie ihn mit einer Aufgabe, bei der er nichts falsch machen kann (z.B. ein Requisit bewachen), und suchen sich für eine schwierigere Routine einen geeigneteren Helfer!

Generell halte ich auch in diesem Metier nichts davon, sich für jede zweite Nummer einen „Assistenten“ nach vorn zu holen – die Tour nützt sich ab, und die Risiken häufen sich:
Wenn Ihr kleiner Helfer bei einem längeren Ablauf mitmachen soll, muss er beschäftigt werden und nicht nur als Alibi für „Kinderfreundlichkeit“ vorne auf einer Kiste stehen. Er braucht jedoch noch mehr Anleitung und Unterstützung als ein Großer – schon bei der Feinmotorik (z.B. Halten eines Schwammballs) könnte es Probleme geben, welche zumindest den Fortgang der Handlung verzögern und Ihnen so wieder Einbrüche bei der Konzentration bescheren.

Besser ist es, die Kinder insgesamt zu einer Mitwirkung zu animieren, indem sie beispielsweise im Chor einen Zauberspruch aufsagen, via Pusten „magischen Wind“ erzeugen oder ihre Lieblingsfarbe rufen. Hierbei kann kaum etwas schiefgehen, und Sie ersparen sich nebenbei das Gezerre, wer denn nun mitmachen dürfe und wer nicht! Weiterhin steuern Sie damit eine kontrollierte Entladung der Emotionen und bestimmen, wann und wie die Zuschauer sich verbal bemerkbar machen sollen.

Insgesamt gilt hier mehr noch als bei Erwachsenen die strikte Regel:
Legen Sie sich nie mit dem Publikum an!

So schwer es Ihnen auch fallen mag: Behalten Sie Ihre private Ansicht zum Grad der Unerzogenheit des Publikums für sich – Sie können eh nichts daran ändern. In diesem Metier sind Sie ganz schnell „unten durch“, und die Sympathie der Eltern gehört stets dem Spaßmacher, nicht dem Spaßverderber. Sollte Ihnen trotz Beachtung der Rahmenbedingungen ein Auftritt zu entgleiten drohen:

Fallen Sie nicht aus der Rolle, sondern spielen Sie diese noch aktiver!

Steigern Sie sich schauspielerisch, modulieren Sie Ihre Stimme deutlicher, lassen Sie keine ungeeigneten Pausen, verzetteln Sie sich nicht in fruchtlose Diskussionen, bieten Sie eine gut getimte Folge von optischen Eindrücken und interessanten Anreizen, kurz:

Machen Sie Power – und so bald wie möglich Schluss!

Aus den Anfangstagen....