Dienstag, 21. Januar 2025

Bezauberung oder Challenge?

 

Kürzlich machte man mich auf den deutschen Zauberkünstler Marc Weide aufmerksam, der in einer Sendung der ARD beim Gastgeber Eckhart von Hirschhausen auftrat.

Ich beschäftige mich schon länger nicht mehr mit den Stars der deutschen magischen Szene, wobei ich zugeben muss: Marc Weide nicht zu kennen ist sicherlich eine Bildungslücke. Mit 11 Jahren begann der Mittdreißiger seine Zauberkarriere, er konnte sich mehrfach bei deutschen Meisterschaften platzieren und wurde 2018 Weltmeister in der Sparte „Parlour Magic“ (Salonmagie). Zudem arbeitete er als Fernsehmoderator.

https://de.wikipedia.org/wiki/Marc_Weide

In der oben genannten Sendung stellte er sich einer besonderen Herausforderung: Kann er vier prominente Gäste täuschen?

Ich habe mir das Programm angesehen und muss sagen: Das magische Können des Zauberers ist wirklich Weltklasse. Auch in meinen besten Zeiten hätte ich als Amateur einen großen Bogen um fast alle Effekte gemacht (soweit mir der technische Hintergrund überhaupt klar ist). Weiterhin verfügt Marc Weide über großes Showtalent, platziert seine rhetorischen Pointen sehr geschickt und kann sich auf seine Gäste wirklich gut einstellen. Er hat sich seinen Applaus redlich verdient!

Um die Spannung nicht herauszunehmen, will ich den Ausgang der „Challenge“ nicht verraten. Es sei nur so viel gesagt: Wie ich auch aus eigener Erfahrung weiß, ist es für einen Mann deutlich schwieriger, andere Männer zu täuschen – vor allem im Eins zu Eins-Kontakt. Für dieses Geschlecht gerät ein solches Unternehmen fast stets zur Konkurrenz um Ruhm und Ansehen. Spaß am magischen Effekt haben die Kerle höchstens, wenn sie ihn durchblicken (oder es jedenfalls meinen).

Aber ich rege mich schon gar nicht mehr darüber auf, dass Zauberkünstler heute unentwegt Laien-Mitspieler benötigen, um sie mit ihren Künsten zu traktieren. Mal einfach allein zaubern gilt als uncool. Mich selber würde es nerven, als Gast ständig mit irgendwelchen Aufgaben beschäftigt zu werden. Manche Künstler verwenden es gar als Drohung, gleich jemanden auf die Bühne zu holen. Aber egal – darüber habe ich längst geschrieben:

https://diemagiedesgr.blogspot.com/2020/04/der-zuschauer-als-helfer.html

Und ein Video von mir gibt es dazu auch:

https://www.youtube.com/watch?v=AJe6YcoF42A

 

Alles wird auf den nackten Effekt reduziert: Ein Tuch verschwindet aus einer Flasche, eine unterschriebene Karte landet in der Brieftasche, das T-Shirt des Künstlers wechselt die Farbe.

Die Aussage der magischen Ereignisse spielt keine Rolle. Magier, die Geschichten erzählen, den Vorgängen eine Bedeutung verleihen, sind offenbar ausgestorben.

Für mich das Schlimmste: Der Künstler hat sich hier einer Herausforderung zu unterziehen, wie viele Zuseher er zu täuschen vermag. Ich habe heute eine Musikerin gefragt, ob sie sich auf einen Wettbewerb einließe, wie viele Töne eines schwierigen Stücks man falsch spiele. Sie war vom Vorschlag nicht begeistert. Wer gewinnt dann? Sicher derjenige, welcher die Partitur mit technischer Perfektion umsetzt. Ausdruck, Interpretation, Stimmung? Gar die Botschaft der Musik? Darauf kommt es dann nicht an. Hauptsache „richtig“

Ich hätte mich nie auf eine „Challenge“ eingelassen, in der festgestellt wird, welchen Anteil des Publikums ich täuschen kann. Für mich geht diese Frage meilenweit an dem vorbei, was Zauberei sein und bewirken kann.

Ich behaupte: Gerade im Zeitalter des Internets kriegt man die Wie der meisten Effekte heraus, indem man lange genug googelt. Was die Suchmaschinen nicht liefern, ist die zauberhafte Stimmung eines gelungenen Auftritts.

Im Lauf der vielen Jahre (Amateur-)Zauberei hat mich immer weniger interessiert, wer „auf den Trick kommt“. Es gibt halt Leute, deren Gefühle man kaum erreicht, die mit Eiseskälte analysieren, was man tut – und wie es geht. Na gut, sollen sie! Untersuchen die dann bei einem Gemälde die Herkunft der Farben und den Bau der verwendeten Pinsel? Für sie ist die Zauberei eh nichts – vielleicht sogar die Kunst insgesamt.

Natürlich heißt das nicht, dass man auf der Bühne technisch unfertiges Zeug bieten darf. Sonst würde man ja auch die mit der Nase auf das Geheimnis stoßen, welche es gar nicht wissen wollen.

Die Zauberei setzt ein stillschweigendes Einverständnis zwischen Magier und Publikum voraus: Der Künstler verbirgt etwas, das für den Zuseher Nebensache ist.

Weil es beiden um etwas anderes geht.       

Und hier der Link zur Show (abrufbar bis 18.1.27):

https://www.ardmediathek.de/video/die-hirschhausen-show-was-kann-der-mensch/kann-zauberer-marc-weide-hirschhausens-prominente-gaeste-hinters-licht-fuehren/wdr/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLXNvcGhvcmEtODVlM2VlMjAtYjM1ZC00MjliLTk0OGItZDk1YTk3ZjA2M2U1

Donnerstag, 12. Dezember 2024

Zehn Jahre Pörnbacher Adventskonzert

Erstmals 2014 setzten meine Frau Karin und ihre Freundin Bettina die Idee eines adventlichen Konzerts mit dazu passenden Texten um. Damals trug Pater Franz Purainer die „Heilige Nacht“ von Ludwig Thoma vor (die er übrigens auswendig beherrscht).

Da dieses Format hervorragend ankam, gab es Jahr für Jahr eine neue Ausgabe. Das ganze Jahr vorher sichtet und sammelt Karin dazu Musik und Texte. Ihr Ehrgeiz ist stets, diese unter ein gemeinsames Motto zu stellen. Letztes Jahr beispielsweise war das Thema „Hebe deine Augen auf“.

Heuer lautet der Titel „Heimat ohne Grenzen“. Die Texte stammen unter anderem von Kurt Tucholsky, Friedrich von Bodelschwingh, Rüdiger Woog und Siegfried von Vegesack.

Zweimal fiel das Konzert wegen Corona aus, so dass es heuer zum achten Mal stattfindet. Leider muss Pater Purainer als Sprecher krankheitsbedingt verzichten, so dass ich ihn nun bereits zum dritten Termin vertrete.

Das Pörnbacher Adventskonzert ist inzwischen zum „Kult“ geworden und zieht Fans von nah und fern an. Besonders eindrucksvoll ist vielleicht, dass die Veranstaltungen „aus eigener Kraft“ durchgeführt werden. Die stolzen Pörnbacher verzichten also auf „eingekaufte“ Künstler von außerhalb.

Die Zusammenarbeit der Mitwirkenden ist bewundernswert, und das Klangbild des Chors inzwischen unverwechselbar harmonisch. Dazu kommt eine Instrumentalgruppe mit Geige, Querflöte, Gitarre, Akkordeon und sogar einer Harfe. Die Stimmung, welche damit in die Pörnbacher Pfarrkirche gezaubert wird, bewundere ich jedes Jahr aufs Neue.

Zu Ehren unseres nigerianischen Pfarrers Amos hat man heuer ein Lied in seiner Landessprache Tiv einstudiert.

Wer das Adventskonzert einmal selber erleben möchte, ist herzlich eingeladen:

„Heimat ohne Grenzen – Gedanken zum Advent in Wort und Musik“

Sonntag, 15.12.2024, 16.00 Uhr

Pfarrkirche St. Johannes Baptist, Kirchplatz 6, 85309 Pörnbach

Der Eintritt ist frei.

Wir freuen uns auf Ihren Besuch!


 

Mittwoch, 7. August 2024

Bitte recht freundlich?

 

Ich muss mich oft tagelang überwinden, um mir Fotos oder Videos meiner Auftritte anzusehen, die mir wohlmeinende Leute öfters zuschicken. Meistens sehe ich darauf die ganzen Dinge, die ich hätte besser machen sollen. Nun gut – ein heilsames Feedback!

Noch schlimmer finde ich es, dass die meisten, welche solche Bilddokumente herstellen, wenig Ahnung davon haben, wie man das gut und interessant hinbekommt. Das gilt ebenso, wenn der Chef der Musikgruppe extra einen „Videofilmer“ bestellt (wovon man bis kurz vor dem Konzert meist keine Ahnung hat).

Die künstlerische Fertigkeit solcher Kameraschwenker erschöpft sich meist darin, mich so unvorteilhaft wie möglich abzulichten – also dann auf den Knopf zu drücken, wenn ich gerade möglichst blöd schaue, schief und krumm dastehe oder mir der halbe Kopf fehlt. Oder die Kamera bleibt eine Minute auf die Lieblingsmusikerin fokussiert, während ich nebenan unter Ausschluss der Öffentlichkeit moderiere oder zaubere.

Gut, wenigstens kriege ich hinterher die Ergebnisse zu sehen und könnte Einspruch erheben. Aber man will die Kollegen ja nicht einschränken und nimmt es hin, dass suboptimales Zeug noch jahrelang im Netz kursiert.

Neulich bei einem Konzert erlebte ich die nächste Stufe des Wahnsinns:

Während man früher meist vor Beginn gefragt wurde, ob man denn fotografieren dürfe, scheint es inzwischen üblich zu sein, dass zahlreiche Zuschauer mit hoch erhobenen Smartphones ganze Passagen knipsen oder auf Video festhalten.

Als Zauberer weiß ich, dass manche Zeitgenossen nachher per Einzelbildschaltung das Geheimnis lüften wollen – und dabei durchaus erfolgreich sein können. Daher achten wir bei der Veröffentlichung meiner Zaubervideos darauf, dass sie „wasserdicht“ sind. Doch wie soll ich es überprüfen, falls ich das Zeug (wenn überhaupt) erst sehe, wenn es zu spät ist?

Bei besagtem Termin kam erschwerend hinzu, dass ich gesundheitlich angeschlagen und durch andere Belastungen ziemlich erschöpft war. Die 30 Grad Raumtemperatur machten es nicht besser. Ich wurstelte mich zwar mit viel Routine halbwegs durch das Programm, und wir bekamen viel Lob und Applaus.

Dennoch macht es mich verrückt, wenn ich daran denke, dass nun Bilder existieren, wo ich sehr wahrscheinlich blass, abgekämpft sowie verschwitzt agiere und dastehe wie ein Schluck Wasser in der Kurve – also ungefähr das Gegenteil von dem, was man auf der Bühne darstellen möchte.

Und weiß einer von uns ganz sicher, wo solche Aufnahmen im heutigen Internet landen? Das Urheberrecht ist die eine Seite – durchsetzen lässt es sich oft nicht.

Klar, unser Fehler war, dass wir im Vorfeld nicht deutlich darauf hingewiesen hatten, Kameras und Smartphones sollten gefälligst in der Tasche bleiben. Möglichst noch ausgeschaltet. Ich werde das bei künftigen Auftritten zur Bedingung machen – auch, wenn das manchen nicht gefallen sollte. Im Zweifel haben sie dann freien Austritt und kriegen ihr Eintrittsgeld zurück.

Ich frage mich nur, in welchen Zeiten wir inzwischen gelandet sind. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie eine Person fotografiert, ohne sie vorher um Erlaubnis zu fragen. Schon gar nicht habe ich je Bilder ohne Genehmigung ins Netz gestellt. Und für die Herstellung eines Smartphone-Videos bin ich eh zu dämlich. Anderen scheint der Besitz eines technischen Geräts den Charakter zu ersetzen.

Wenn ich ein Konzert oder eine andere Aufführung besuche, brauche ich zur Abspeicherung keine elektronischen Schaltkreise. Wenn es schlecht war, freuen sich meine Satire-Synapsen – und im anderen Fall ist in meinem Herzen viel Platz. Das Gefühl, welches sich einstellte, kann ich noch nach Jahren reproduzieren.

Ob Vidioten das nach dieser Zeit noch in ihrem Handyspeicher haben, weiß ich nicht. Ich bin nur sicher: Nützen wird es ihnen nichts. Weil ihnen jedes Gespür für richtige Kunst fehlt. Und sie Bildung mit Abbildung verwechseln.

Manchmal sind das genau die Leute, die sich lauthals über vom Smartphone besessene Jugendliche beklagen…

Recht freundlich werde ich in solchen Fällen zukünftig nicht sein!