Sonntag, 22. November 2020

Vom Gymnasium zur Irrealschule

 

Manchmal haben die Schüler nicht mal nach dem Abitur genug von einem. So fragten mich 2005 die Abiturienten, ob ich nicht auf ihrem Abschlussball zaubern könnte.

Ich schrieb damals ein spezielles Programm für diesen Anlass – und nachdem gerade das G 8 eingeführt worden war, machte mir das noch mehr Spaß als sonst. 

Den Text habe ich kürzlich wiedergefunden und möchte ihn hier veröffentlichen. Er zeigt besonders deutlich, dass ich stets versucht habe, bei meinen Auftritten Kabarett und Zauberei zu verbinden. Viel Vergnügen!

 

Hochverehrtes Publikum,

danke für die Blumen (in jeder Hand erscheint ein Blumenstrauß) und herzlich willkommen zu meinem kabarettistischen Zauberprogramm:

„Schulische Illsuionen – vom Gymnasium zur Irrealschule“,

speziell bearbeitet für die K 13 des Gymnasiums … unter dem Motto:

„Der Hopfen stirbt zuletzt!“ 

Bekanntlich wohnen ja mindestens zwei Seelen in meiner Brust: Lehrer und Zauberer – eine wahrhaft faustische Existenz! (noch zwei Blumensträuße erscheinen)

Habe nun ach, Biologie, Chemie und ein wenig Juristerei

durchaus studiert, mit heißem Bemühn.

Da steh ich nun, ich armer Tor,

und bin so klug als wie zuvor!

Heiße Magister – warum nicht Doktor gar,

und ziehe schon bald dreißig Jahr

herauf, herab und quer und krumm,

meine Schüler an der Nase herum –

und sehe, dass wir nichts wissen können.

(Ein Buch mit dem Titel „Magie“ wird leer gezeigt.)

 

Zwar bin ich gescheiter als alle Laffen,

Direktoren, Minister Schneider und Pfaffen.

Dafür ist mir auch alle Freud entrissen,

bilde mir nicht ein, was Rechts zu wissen,

bilde mir nicht ein, ich könnte was lehren,

die Schüler bessern und bekehren –

drum hab ich mich der Magie ergeben! 

Befürchten Sie nun nicht, dass ich den ganzen Faust zitiere, aber ich wollte Ihnen einmal die Goethesche Metamorphose zeigen: von  der Seite zur Seide, vom Text zur Textilie – oder, etwas einfacher fürs G 8 – vom Buch zum Tuch!

(Seidenstreamer erscheint aus Buch.)

Doch womit beschäftigt sich ein Lehrer den lieben langen Tag? Doch zumeist mit leeren Inhalten! (Große Kiste wird leer gezeigt, aus ihr erscheinen dann die Requisiten wie Pyroschnur, lange Bahnen Druckerpapier, große Tücher und Würfel.)

Ein Magier dagegen lebt von Erscheinungen! Doch was erscheint schon an der Schule aus diesem Konglomerat aus langer Leitung, Geistesblitzen (Pyroschnur), Milch der frommen Denkungsart (Milkpitcher) sowie den Sporen des Amtsschimmels (Locher mit Konfetti)? Schließlich leben wir in einer Zeit, in der man die schönsten Zeugnisse von besonders netten Computern erhält – und nicht alles, was gedruckt wird, muss flach sein, aber es erleichtert den Druckvorgang erheblich.

(Beginn Papierstreamer-Produktion)) 

O sähst du, voller Mondenschein,

zum letzten Mal auf meine Pein,

den ich so manche Mitternacht

mit Korrekturen zugebracht!

Dann, über Büchern und Papier,

trübsel’ger Geist, erscheinst du mir! 

Doch besteht unser Leben wirklich nur aus Tatsachen, nicht auch aus Träumen, Idealen, Illusionen? Lassen Sie sich heute Abend nichts vorzaubern, sondern verzaubern, nichts vorführen, sondern entführen! Fragen Sie nicht nach dem Woher und Wohin, sondern lassen Sie den gnädigen Schleier des Geheimnisses über dem Rätselvollen!

(Beginn Tücherproduktion)

Etwas erscheint aus dem Nichts und bliebe doch ein Nichts, wäre da nicht das Geheimnis, welches verborgen bleibt… Doch wäre Magie nur die Kunst der Täuschung, so wäre jeder Bildungspolitiker ein Magier. Was ihm fehlt, ist, die Täuschung so amüsant zu gestalten, dass sie nicht zur Enttäuschung wird, Bezauberung zurückbleibt und kein fauler Zauber. 

Die Sehnsucht des Menschen nach dem Schein, welcher trügt, ist uralt – dieses Kunststück beispielsweise stammt aus der Jungsteinzeit, nur benutzte man damals statt Seidentüchern Mammutfelle. Von der Freude am schönen Schein profitierten die Tempelpriester aller Kulturen, die Gaukler des Mittelalters, die Fakire Indiens und die deutschen Ärzte: Der Glaube allein entscheidet – niemals die Mittel, sondern immer nur die Wirkung. Nur den Stoff, aus dem die Träume sind, den gibt es nicht auf Rezept!

(Stoffkaninchen, Beginn Würfelproduktion) 

So ist die Zauberei mehr als ein Überbleibsel aus versunkenen Zeiten, ein alter Hut, aus dem gewohnheitsmäßig noch die Karnickel steigen. Sie werden Bauklötze staunen! Die Würfel für die Magie sind noch nicht gefallen, sollten Sie Gefallen an diesen Würfeln finden! Würfel und Magie sind vielseitig und eine letzte Zuflucht des Unfasslichen in einer Welt, die von vermeintlicher Berechenbarkeit regiert wird. Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis – das Unerklärliche, hier wird’s Ereignis – und das, meine Damen und Herren, ist doch des Pudels Kern!

(weißes Tuch erscheint)

Ein pudelnacktes Bildnis!

Doch auf unsern deutschen Bühnen

probiert ein jeder, was er mag,

drum schonet mir an diesem Tag

Prospekte nicht und nicht Maschinen!

 

Aber was muss ich sehen?

Kann das natürlich geschehen?

Ist es Schatten? Ist’s Wirklichkeit?

Wie wird mein Pudel lang und breit!

Er hebt sich mit Gewalt,

das ist nicht eines Hundes Gestalt!

(Verwandlung des weißen Tuches in eines mit Kaninchenbild – Spiegelröhre)

 

Schluss mit Goethe!

Nicht Wünschelrute, nicht Alraune –

Die Zauberei liegt in der guten Laune! 

(Zauberstab wird zu Spazierstock – ArCane) 

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen… nein:

Liebe Kollegiatinnen und Kollegiaten – ich verwechsle das immer öfter, dabei ist es ganz einfach: Kollegiaten sind die ohne Rucksack. 

Sie haben sich in Ihrer Abiturzeitung ein IKEA-Motto zurechtgedübelt: „Wohnst du noch oder lebst du schon?“ Was die cleveren Kiefernbrett-Dealer wirklich meinen, ist natürlich: „Wohnst du noch bei deinen Eltern oder lebst du schon selbstständig?“ Diesen Unterschied zwischen Theorie und Praxis bezeichnet man als „Geld“.

So ist es auch in der Bildungspolitik: Vor der Wahl war noch Geld da – nach der Wahl reicht es gerade noch für ein Gymnasium Marke „Billy“, wie bei IKEA: Von der Koryphäe zur Konifere – das ist der Imbusschlüssel der Bildung: G 8, also zweimal Hartz 4!

(Paper to Money rückwärts)

Das erinnert mich daran, wie ich zum Zaubern kam…

(Geldscheinvermehrung: Six Bill Repeat)

Es ist das schöne Vorrecht von uns älteren Menschen, die Musik der jungen Generation grauenhaft zu finden – zumal, wenn sie es wirklich ist…

(Schallplattenfärbung nach Eckhard Böttcher) 

Die meisten Zauberer haben ja einen Künstlernamen – unser Gymnasium hat noch gar keinen. Wie soll man sich einen Namen machen, wenn man keinen hat? Derzeit sucht unsere SMV händeringend nach Vorschlägen. Ich hatte ja schon einige präsentiert, zum Beispiel „Gymnasium rechts der Autobahn“ oder „Bonsai-Gymnasium …“. Heute eine Idee, welche einer Zweidrittelmehrheit würdig ist: Benennen wir die Schule doch nach unserem Landrat: „Rudi Engelhard-Gymnasium“! Im Schülerjargon wird daraus vielleicht der  Spitzname: „Rudis Reste-Rampe“… 

Sie sehen, Zauberer sind völlig verrückt…

(Alexander de Covas Seilroutine „Ropemare“) 

Ich möchte Ihnen noch schnell 51 Prozent meines Programms vorstellen: meine Assistentin Karin! 

Meinen ganz herzlichen Dank den Abiturienten für ihren Wunsch, sich meine Sprüche auch noch nach der Schule anzuhören! Es hat mir einen Riesen-Spaß bereitet, mich hier um Kopf und Kragen reden zu dürfen.

(Ringspiel / Rosenproduktion mit „Mignon“, jeweils mit Musikbegleitung)

Zum Abschluss: Bekanntlich sind Karin und ich ja auch dem Tanzen verfallen, speziell dem Tango argentino. Und wenn wir schon in einem Etablissement zaubern, das sich „Rennbahn“ nennt, muss es unbedingt ein bestimmtes Tangostück sein: Es stammt vom berühmten Sänger Carlos Gardel und nennt sich „Por una Cabeza“. Um eine Kopfeslänge verliert das Rennpferd, auf das ein Mann alles gesetzt hat: Pech im Spiel und auch in der Liebe.

Was ich Ihnen wünsche: Dass Sie stets darauf setzen, was Ihnen wirklich am Herzen liegt, auch wenn Sie dabei einmal verlieren sollten – um eine Nasenlänge: Por una Cabeza!

(Karin und ich tanzen zu dem Tangostück)

 

Schlussbemerkungen:

Zauberkollegen werden die Kunststücke kennen, die ich kurz angedeutet habe – und ja: Es sind ungewöhnlich viele Produktionseffekte. Aber wir arbeiteten in einem riesigen Saal mit großer Tanzfläche und dem üblichen Trubel bei Bällen von jungen Leuten. Daher entschlossen wir uns, optische Effekte in den Vordergrund zu stellen.

Zudem gilt bei mir stets: Der Text ist mindestens so wichtig wie die magischen Touren. In diesem Fall transportieren sie die kabarettistischen Pointen meines Vortrags, der halt hier auf Schule und Bildungspolitik zugeschnitten war.

Die Bilder illustrieren also eher den Text als umgekehrt. Ich finde, über dieses Konzept lohnt es sich nachzudenken!


Samstag, 21. November 2020

Meine schönsten Zaubererlebnisse II


Weiter geht es mit meiner kleinen Serie von Geschichten aus fast 35 Jahren Zauberei. So unglaublich diese auch fallweise klingen mögen: Ich habe sie alle selbst erlebt und ohne jede Übertreibung aufgeschrieben. Viel Vergnügen! 

Auftrittsplätze

bringen einen gelegentlich zum Grübeln: Ob der Veranstalter schon jemals eine künstlerische Darbietung erlebt haben mag? Ein kleines „Best Of“:

·         Auf der stählernen Ladefläche eines LKW legten wir an einem Sommertag eine heiße Sohle hin!

·         In der überfüllten Turnhalle eines heilpädagogischen Zentrums hingen die Kinder sogar über uns an Kletterstangen.

·         Der Auftritt in einem Nobelhotel wurde kurzfristig in den „Spiegelsaal“ (mit Rundumeinsicht!) verlegt.

·         der unüberdachte Treppenabsatz vor einer Haustür (ca. 1 m2) nebst plötzlich einsetzendem Regen

·         Bierzelt, nach längerem Regen, mit einigen über den Matsch gelegten Brettern als „Künstlereingang“

·         Partyzelt auf einer abschüssigen Wiese: Wir boten einen ziemlich schrägen Auftritt nebst umfallendem Zaubertisch!

·         Der Burggraben eines Schlosses erzwang ca. 30 m Abstand zwischen Publikum und Künstler; die Brücke war über 300 m entfernt – ein „spontan“ assistierendes Kind musste bereits vor Beginn ans richtige Ufer verbracht werden!

·         schmutziger Dachboden mit Vorhang (= Wäscheleine + Decke); Aufstieg über Hühnerleiter (gerechterweise hatte ich meine Tonanlage vergessen)

·         Schlafzimmer: auf der einen Seite des Bettes die Zuschauer, auf der anderen ich – Requisiten auf dem Bett liegend

·         Elefantenhaus in einem Tierpark: Als ich den „verschwindenden Elefanten“ vorführte, fühlte sich das ebenfalls anwesende Flusspferd nicht angesprochen und tauchte unter lautem Grunzen ab!

·         Christmette in einer evangelischen Kirche: Der (ziemlich unkonventionelle) Pfarrer hatte sich neben Reisschalen, Bambusrohren und Buschtrommeln einen Zauberer eingebildet, der zu reichlich abstrusen Texten passende (?) Effekte zeigen sollte. Die braven Kirchgänger starrten mich an, als sei ich einer geschlossenen Anstalt entsprungen – ich dagegen fühlte mich in einer solchen angekommen…

 

Technische Anlagen vor Ort

haben mich längst dazu gebracht, mir eine Tonanlage nebst drahtlosem Mikrofon anzuschaffen. In grauer Vorzeit verließ ich mich auf das Equipment der Veranstalter… 

·         Der laut Vertrag „leistungsfähige Cassettenrecorder“ bei einem Kindergeburtstag erwies sich als riesige Mickymaus von Tchibo, der man, sollte die Musik ertönen, den Schnabel zuhalten musste – ähnliche „Kaffeezugaben“ wurden uns noch mehrfach angedient!

·         Bei einer ziemlich noblen Geburtstagsfeier mit Barpianisten und Buffet von „Käfer“ spielte die Edel-Hifi-Anlage statt meiner Auftrittsmusik die Verkehrsdurchsage von Bayern 5 („zwischen den Anschlussstellen …und … kommt Ihnen ein Zauberer entgegen“).

·         Ein großes Hotel musste kurz vor Auftrittsbeginn (20 Uhr) einen Elektriker holen, der die völlig desolate Installation in einer halben Stunde reparierte – 150 Zuschauer warteten so lange…

·         Einmal reiste ich ca. 80 km an, um mir im Vorfeld die Licht- und Tonanlage einer Stadthalle anzusehen. Kommentar des Hausmeisters: „Meinen Sie, dass ich extra wegen Ihnen jetzt da raufsteige?“ Meine Antwort: „Meinen Sie, dass ich extra wegen Ihnen unverrichteter Dinge wieder fahre?“

·         Vertraulich war auch die Anrede eines Gastwirts in ähnlicher Situation, der mich mehrfach mit „guter Mann“ titulierte, bis ich ihn dann ebenso ansprach. Hinfort war er tödlich beleidigt! Ein anderer Vertreter dieser Zunft erlaubte sich die Frage: „Was ist eigentlich, wenn ich das jetzt nicht mache?“ Na klar: „Dann fahr’ ich halt wieder und krieg’ mein Geld trotzdem!“

·         In einer noch feudaleren Stadthalle freute ich mich schon auf die Super-Bühnentechnik. Leider erfuhr ich, dass ich auf der Vorbühne zu arbeiten hatte. Aber wenigstens farbiges Licht wollte ich haben, ging aber nicht: Man hätte (14 Tage vorher!) vermittelst einer Leiter hochsteigen müssen, um die Scheinwerfer neu einzurichten…

·         In einem äußerst noblen Casino mit modernster Ausstattung wollte ich mein drahtloses Mikrofon über die hauseigene Anlage laufen lassen. Auskunft im Vorfeld: Kein Problem, der Techniker, der diese installiert habe, sei persönlich anwesend. Der bastelte dann am Abend eine halbe Stunde herum, doch es gelang diesem Idioten nicht, das Scheißding in Gang zu bringen – bis zu diesem Moment: Mein vorstehender Kommentar wurde an die hundert hochrangigen Gäste übertragen!

·         Zurückgeschlagen haben wir auch, als sechzig Essensgäste plötzlich mit ihrem Besteck ins Dunkle stießen: Wir hatten wohl beim Rumprobieren zwischen Saal- und Bühnenbeleuchtung etwas den Überblick verloren.

·         Eine Kleinkunstbühne auf dem Lande warb gekonnt mit Portraits des Regisseurs, der Marketingleiterin sowie des Licht- und Toningenieurs. Am Abend des Auftritts reduzierte sich das Personal auf eine Bedienung, die mir zeigte, wie man, in einer staubigen Seitengasse kniend, den Stecker unter Aussendung bläulicher Funken in die Dose praktizieren musste, auf dass die Bühnenbeleuchtung ansprang!

·         Selten wird uns zu viel Technik aufgedrängt, aber den Alleinunterhalter, der uns nach jedem Effekt „Tüsche“ und elektronischen Applaus einspielte, brachten wir schleunigst zur Ruhe!

·         Das Intro ist wahrlich der spannendste Moment eines Auftritts, da es sich in der ersten Minute entscheidet, ob man das Publikum gewinnt oder nie mehr erreicht. Schön, wenn da plötzlich die Begleitmusik ausfällt! Dies schafften u.a. ein professioneller DJ (die Anlage war für mehrere Minuten defekt) und der leicht eifersüchtige Gatte einer Kundin, der zweimal hintereinander den Stecker aus der Dose zog (wie sinnig!).


Die Ansage

bildet ja die vorweg genommene Rache des Veranstalters am Künstler. Wenn man die, hilflos in den Kulissen wartend, überstanden hat, ist der Auftritt selber das kleinere Übel. 

Oft wird als erstes betont, dass ich meine Gage für eine Wohltätigkeitsorganisation spende, so nach dem Motto: Mag es auch nichts Besonderes sein, so ist es doch immerhin für einen guten Zweck. Welchen nun genau, unterliegt der Kreativität des Moderators: Statt der Deutschen Welthungerhilfe wird schon mal die „Weltkinderhilfe“ (gibt’s die?), die Innere Mission, Misereor oder sonst was Leidendes genannt.

Gegen Rufmorde anderer Art kann man sich beim eigenen Intro revanchieren. Als ich einmal in einem Reisebüro auftrat, meinte der Chef: „Nun, es ist zwar nicht David Copperfield…“, was bei mir zur Replik führte: „Nun, ich zaubere zwar heute nicht für die TUI…“. Ein Bandleader formulierte wie folgt: „Jetz’ kimmt a Super-Zauberer, der…wia hoaßt er überhaupt?“ Ich dankte anschließend der Super-Musikgruppe, den… Mir wollte der Name partout nicht einfallen!

Loriot-reif war die Ansage eines Mitglieds der Familie Hoppenstedt: Akribisch schon die Planung – ich bekam eine Kopie des Textes, in dem die jeweiligen Publikumsreaktionen (Lachen, Klatschen) schon verzeichnet waren… Gut, wenn man seine Lieben so genau kennt! 

Einen Künstlernamen (möglichst noch auf „-ini“ endend) mochte ich mir nie zulegen – der wirkliche Name oder allenfalls „Die Magie des G.R.“ sollte reichen. Doch leider vereint sich hier die geballte Kreativität von Veranstaltern und Journalisten. Im Laufe meiner magischen Laufbahn erfanden Organisatoren und Presse fast ein Dutzend falscher Namen. Wer Näheres erfahren will:

https://diemagiedesgr.blogspot.com/2015/03/ein-zauberer.html

 

Vor der Show 

gilt vor allem: Ruhe bewahren und warten! 

Der häufigste Satz, den wir beim (fast immer pünktlichen) Eintreffen am „Tatort“ zu hören bekommen, lautet: „Wir sind noch beim Essen.“ Wegen der Serviererei kann man noch nicht alles fertig aufbauen. Beim Eintritt der Sättigung soll man dann aber blitzartig auftreten, wird oft zu früh angesagt und kämpft dann mit diversen Haken und Ösen. Dies riss einen Veranstalter einmal zu der Ankündigung hin: „Er kimmt glei, aber er bringt sei’ Schleiferl no ned zua!“ 

Nett gemeint ist sicherlich das Angebot, derweil an leiblichen Genüssen teilzunehmen. („Kommen Sie doch schon zwei Stunden früher, dann können Sie mit uns essen!“) Es ist schwer vermittelbar, dass vorheriges Herumsitzen im Publikum weder dramaturgischen Gesetzen entspricht noch mit dem steigenden Adrenalinspiegel kompatibel ist. „Aber hinterher die Nachspeise müssen Sie probieren!“ Geduld, dazu kommen wir später… 

Leider setzt bei der Ankündigung magischer Ereignisse in der Verdauungsphase bei Erwachsenen ein umfassender Run zum Klo ein. (Gut, wenn das nicht die Garderobe war!)

Die letzte Minute vor dem Auftritt ist auch die passende Gelegenheit, mir noch wichtige Fragen zu stellen („Wie sollen wir Sie ansagen?“, „Dürfen wir während der Vorstellung fotografieren?“ oder „Wie lange dauert denn Ihre Show?“)

Tritt man dann auf  bzw. ein, so kollidiert man gerne mit der Kellnerin, welche noch ein letztes Bier bringt, dem Haushund oder freilaufenden „Pampers-Rockern“.

 

Nach dem Auftritt 

und einer knappen Stunde Text, Zaubertechnik, Ablenkung, Mimik, Gestik, Schauspielerei und Spontanreaktionen bleibt künstlerseits eine gewisse körperliche und geistige Leere zurück. Zudem muss man ja blitzartig seine Requisiten vor neugierigen Kindern jeden Alters retten, welche zumeist schon 30 Sekunden nach Auftrittsende dringend ihren in der Garderobe aufgehängten Mantel oder das dort deponierte Geburtstagsgeschenk benötigen und mit dem Satz „Ich schau’ schon nicht!“ hereingestürmt kommen.

Obwohl man sich also mit Fragen wie „Toll! Ein Bier?“ oder allenfalls „Haben Sie einen Prospekt für mich?“ zufriedengeben würde, muss man – sofern einen die Assistentin nicht rettet – längere Gespräche führen:

Aufbauend ist die Frage, ob man den Zauberkollegen NN aus XYZ nicht kenne – also, was der alles drauf habe – super! Gemeinerweise kann ich mich an solche Leute generell nicht erinnern! 

Nach einer Vorstellung für gute Freunde (also gagenfrei) rühmte einer der Verwandten die Leistungen eines Kollegen derart penetrant, dass ich schließlich wissen wollte, was denn nun an dessen gezeigten Effekten so toll gewesen sei. Die Antwort: „Na, das kann man nicht vergleichen, der nimmt für jede Vorstellung fünfhundert Euro!“  Meine Antwort: „Den Trick kann ich auch…“ 

Bezeichnenderweise wurde mir eine Bemerkung dieses Zuschauers vor meinem Auftritt kolportiert: „Jetzt noch den Zauberer, dann haben wir’s hinter uns!“ 

Da war mir die Feststellung einer älteren Dame schon lieber, sie hätte seit dem legendären Kalanag keine derart gute Darbietung mehr gesehen – auch wenn dann die Nachfrage ergab, dass die Zuschauerin seit damals überhaupt keinen Zauberer mehr gesehen hatte…

Bei einigen Reengagements waren die Veranstalter voll des Lobes über meinen früheren Auftritt, den ich leider anhand der Beschreibung nicht wiedererkannte – man hatte wohl die Telefonnummern verwechselt, was mich nicht an einer Zusage hinderte! Einmal bekam ich sogar zu hören, man wolle mich wegen der guten Musik wieder als Alleinunterhalter – als ich einwarf, der ebenfalls aufgetretene Zauberkünstler zu sein, nahm die Begeisterung merklich ab…

Fast unvermeidlich ist der bei Verwandtschaftstreffen häufige Onkel Fritz, welcher einem nach einigen einleitenden Sprüchen freudig mitteilt, er könne auch zaubern, und daher sein Kartenspiel zückt, auf dass man daraus umgehend eine Karte ziehe… Wow! 

Gelegentlich wird man nach der letzten Verbeugung von „Experten“ beiseite genommen und mit dunkler Verschwörer- und Insiderstimme in „fachliche“ Diskussionen verwickelt, so nach der Prämisse: Ich weiß eh, wie’s geht, möchte aber noch die Feinheiten Ihrer Methode erörtern… Meine Devise: Reden lassen (tun die eh am liebsten)! Von einem solchen gut unterrichteten Herrn (ein Berufskollege von ihm zaubert auch) erfuhr ich, dass es drei Sparten der Magie gebe: Fingerfertigkeit, Apparatezauberei und Gedankenlesen. In welcher davon ich denn tätig sei? Ich unterdrückte die Antwort: „Nicht in einer Ihrer Schubladen…“

Kaum entziehen kann man sich der nachherigen Beteiligung bei Dessert, Kaffee, Kuchen sowie „gemütlichem Beisammensein“. Die künstlerseitige Nahrungsaufnahme wird von Publikumsblicken begleitet, die zwischen Mitleid und der Befriedigung schwanken, dass nun auch hungrige Kleindarsteller satt werden können. Zudem muss man mit vollem Mund originelle Fragen beantworten im Stile von „Seit wann zaubern Sie schon?“ , „Müssen Sie viel üben?“ und „Das Wichtigste ist ja wohl die Fingerfertigkeit?“. Ideal geeignet ist diese Situation zur Äußerung lang gehegter Wünsche wie „Können Sie mir nicht ein Bier herzaubern?“ oder „Lassen Sie doch mal meine Frau verschwinden!“ Meine (ebenfalls standardisierte) Antwort: „Magie ist die Kunst der erhabenen Zwecklosigkeit – bei den nützlichen Dingen versagt sie!“

Ergreift man nach hastigem Verzehr nicht schnell genug die Flucht, erhält man eventuell noch einen profunden Einblick in akute sowie chronische Erkrankungen einzelner Familienmitglieder, deren hochwichtige Berufe nebst gesellschaftlichen und politischen Grundvorstellungen. Und wenn man nicht schnell genug wegkommt,  droht schon die nächste Darbietung, die man dann wohl oder übel absitzen muss: Schwager Heinz und Gemahlin Gertje sagen ein sich hinten reimendes Geburtstagsgedicht auf – gewürzt mit witzigen Geschenken wie Schlankheitspillen, Klopapierrollen…

Gerne wird bei solchen Anlässen auch der Hauptberuf des Künstlers zum Mittelpunkt angeregter Erörterungen, wobei man in meinem Fall endlich alle Klischees über den Paukerstand loswird  „Leerer ohne ‚h’ (kicher, kicher), da haben Sie ja viel Zeit für Ihr Hobby!“ Einmal revanchierte ich mich beim leitenden Angestellten eines gerade in die Schlagzeilen gekommenen Großkonzerns: „Und Sie arbeiten bei dieser Schmiergeldfirma?“ 

Den Vogel schoss ein Vertreter der höheren Bildungshierarchie ab, als ich einmal beim Geburtstag eines Schulleiters zauberte: „Das war ja ein professioneller Auftritt – kaum zu glauben, dass Sie Lehrer sind! Was sagt eigentlich Ihr Chef zu dieser ausgedehnten Nebentätigkeit?“ Nur der Hinweis, dass ich meine Gagen spende, hielt ihn wohl von dienstlichen Nachforschungen ab! 

Und man weiß: Nach der Show ist vor der Show!

Fortsetzung folgt…


 

Freitag, 20. November 2020

Meine schönsten Zaubererlebnisse I

 

Hochverehrtes Publikum,

vor fast 8 Jahren begann ich mit dem Notieren von Anekdoten, Bonmots sowie lustigen und tragischen Geschichten aus meiner nun fast 35-jährigen Zauberkarriere – auf dass diese nicht dem Vergessen anheimfielen - damals sechs Seiten. Doch damit nicht genug!

Jahr für Jahr kamen weitere „Nachträge“ dazu, insgesamt neun. Nicht verändern möchte ich aber die Grundstruktur, immer mal wieder – ohne großes System – neue Geschichten zu erzählen. Es soll wie im (Zauberer-)Leben sein: Alles passiert durcheinander! 

Ich habe mich nun entschlossen, die Schilderungen in Fortsetzungen auf meinem Blog zu veröffentlichen: Für die lieben Kollegen zum Trost, dass nicht nur ihnen so etwas passiert – und den Laien als Information, dass wir unsere Gage oft wirklich sauer genug verdienen müssen.   

Meine Zaubergeschichten sind allesamt authentisch, wenngleich so weit wie möglich anonymisiert – auf jeden Fall war speziell der Auftritt bei Ihnen völlig problemlos und außergewöhnlich erfolgreich, so dass Ähnlichkeiten mit den folgenden Ereignissen rein zufällig wären… und außerdem war das alles für mich ein pures Vergnügen, zumindest, wenn man so manche Katastrophe nach Jahren noch einmal Revue passieren lässt!

Alsdann, es geht los – und viel Vergnügen!

 

Wie bekommt man ein Engagement?

Fast immer per Telefon, da der Kunde von heute nicht gerne schreibt (und wenn, dann kurze E-Mails). Zu 90 Prozent rufen Frauen an – offenbar ist es Männern peinlich, ihr Bedürfnis nach solchem Hokuspokus zu äußern. Beginnt der Anruf mit den Fragen, „wie lang so was dauert und was des kost’“, ist es zu 99 Prozent eine Mutter, die einen Kindergeburtstag organisieren muss (siehe: „Theorie und Praxis der Emanzipation“).

Meist sind ja auch nur die Mütter (evtl. mit der Oma oder besten Freundin) beim Event anwesend. Machen (in höchstens einem Zehntel der Fälle) auch die Väter mit, wirken die Kinder durchwegs besser (da zu zweit) erzogen!

  • Bei einem besonders nervigen Auftritt wunderte ich mich schon beim Reingehen über die besonders unaufgeräumte Wohnung, z.B. das Sofa mit den vielen zerknüllten Decken. Nach der Vorstellung begann sich dieser Stapel zu regen: Darunter schlief seelenruhig der „Hausherr“, trotz Schallpegelspitzen bis zu 110 dB (A)!
  • Gefährlich klang die telefonische Anfrage eines älteren Herrn: Ob ich ihm gegen seine Schwester helfen könne, welche nachweislich den bösen Blick habe? Seither vermeide ich in meinen Annoncen den Begriff „Magier“! Öfters passiert es nach Mentaleffekten (Gedankenlesen, Zukunftsvorhersage), dass ein(e) Zuschauer(in) mit leuchtenden Augen fragt, ob ich nicht vielleicht doch den „7.Sinn“ habe. Wenn ich dann versichere, dass es sich bei der „weißen Magie“ um reine Täuschungen handelt, ist mein Abstieg in der Rangordnung mit Händen zu greifen!
  • Manchmal kriegt man die versprochene „Mugge“ dann doch nicht. Ein besonders originelles Beispiel: An einem Samstagvormittag rief eine junge Dame an. Ob sie nicht heute Abend eine Vorstellung zu ihrem Geburtstag haben könne? Da ich nichts vorhatte und der Auftrittsort in der Nähe war, ließ ich mich ausnahmsweise darauf ein. Nach dem Gespräch telefonierte ich noch mal zurück, da ich eine wichtige Einzelheit vergessen hatte, aber die Nummer stimmte nicht! Im Telefonbuch fand ich die richtige, aber die Inhaber dieses Namens waren sehr überrascht von der nahenden Zaubervorstellung zum 16. Geburtstag ihrer Tochter – offenbar hatte eine „Freundin“, die nicht eingeladen war, sich mit dieser fingierten Buchung revanchiert!
  • Ständige Bitten um rechtzeitige Terminreservierungen bewahren einen nicht vor spontanen Anfragen. Spitzenreiter: Ein Anruf nach 20 Uhr aus 40 km Entfernung: Man säße gerade so lustig beisammen, ob ich nicht zaubern kommen wolle? Nein, lieber nicht…

 

Geburtstage für Kinder jeden Alters

Generell sieht man schon bei der Anfahrt, was auf einen zukommt: Das Haus weist den traditionellen Wiegenfest-Ballonschmuck auf. Stressigere Auftritte sind zu erwarten, wenn im Eingangsbereich die Fahrräder kreuz und quer durcheinander liegen. Öffnet beim Klingeln die Mutter (und nicht ein an der Klinke hängender Nasenbohrer), sind die Machtverhältnisse noch einigermaßen stabil. Auf das Gegenteil weist ein Stapel von Kleidungsstücken und Schuhen im Flur hin, über die man samt Requisiten kraxeln muss. Tritt man dabei auch noch auf Kekse, steht die Katastrophe bevor...

  • Einmal zauberten wir bei einer Bauernfamilie. Auf dem riesigen Innenhof waren wir im Nu von der finster dreinblickenden Landjugend (um die 8 Jahre) eingekreist, die lauthals zu wissen begehrte, was wir eigentlich hier wollten – von den Erwachsenen keine Spur! Umso mehr aber von einem riesigen Hofhund, der uns verachtungsvoll den Vorderreifen vollpinkelte…
  • Ausnahmen bestätigen die Regel: Einmal war der Vater anwesend, der allerdings total unter dem Pantoffel seiner mega-zickigen Tochter stand. Wegen des Generves der Siebenjährigen („kenn ich schon / weiß, wie’s geht / mich nimmst Du nie dran“) kürzte ich (zu ihrem Verdruss) das Programm auf die gagenrettende Mindestlänge und endete mit dem Erscheinen von „Schnee“ (weiße Konfetti). Nach Vorstellungsende packte die Göre die „Hausfrauen-Nummer“ aus: Solange ich den „Dreck“ nicht wegmache, käme ich hier nicht raus! Nach meinem Kommentar hierzu („es gibt eben Künstler und Bühnenarbeiter“) hatte ich zwei neue Todfeinde, in deren Stereo-Blickehagel ich knapp entkam…
  • Ein ähnliches Problemkind männlichen Geschlechts tobte bereits vor Programmbeginn: Erst wollte er nicht rein, dann wieder raus, schließlich doch nicht, da er mit seinem Gebrüll und Geheul zum Mittelpunkt der Darbietung wurde. Seine sechzehnjährige Schwester bemerkte düster, sie mache gerade ein Praktikum im Kindergarten und vermisse daher entsprechende pädagogische Kenntnisse bei mir. Da sich die feindselige Haltung innerfamiliär ausbreitete, lieh ich mir gegen (baldiges) Auftrittsende für einen Zaubereffekt einen Hundertmarkschein, den ich nicht mehr herausrückte. Beim Einpacken wurde ich von den Gastgebern scharf beobachtet, ob ich nicht noch was mitgehen ließe…
  • Ein besonders eloquenter, da im Rheinland beheimateter Herr nervte uns drei lange Telefonate mit dem Geburtstag seines Vaters, den er (schon aus Erbschaftsgründen) organisieren müsse. Zu diesem Zwecke werde ein Dampfer gemietet, mit allerlei Prominenz (mit der er auf Du und Du stehe) bestückt und ein dreitägiges rauschendes Fest gefeiert, bei dem wir (vor allem meine Frau Karin) flächendeckend zur Verfügung stehen sollten. Kleinliche Zeitbedenken meinerseits galten nicht: Kein Problem, er lasse mich dann eben mit dem Hubschrauber einfliegen! Nach Zusendung des Vertrags hörte ich dann nie wieder von ihm – war der Hubschrauber abgestürzt oder der Dampfer im Rhein versunken?
  • Ein ebenfalls sehr gut gelaunter Herr schilderte mir eine tolle Gartenparty, wo ich für die Kinder zaubern sollte. „Wissen Sie, wir Erwachsenen können uns ja die Birne zuknallen, aber für die Kleinen soll halt auch was los sein!“ Die Aussicht auf eine Melange von Alkohol und Gedöns ließ mich die Gage in eine Höhe schrauben, in der mir eine Absage gewiss war!
  • Grenzenlos ist der Optimismus, ab welchem Alter die Kinder einem magischen Programm mit der nötigen Konzentration folgen können – bisheriger Rekord bei mir waren vier Dreijährige („mein Kind versteht das schon“), für die man extra einen Zauberkünstler kommen lassen wollte. Derzeit harre ich noch des Engagements in einer Entbindungsstation!
  • Sehr hell war eine Stimme am Telefon: Ob ich für „zehn Mädels“ auftreten wolle? Ich fragte nach dem Alter der „Kinder“: So um die Dreißig – ein Junggesellinnenabschied! Man wolle etwas Zauberhaftes, bevor man „um die Häuser ziehe“. Das ließ ich mir nicht entgehen: In einem Dachgarten, im Hintergrund das herrliche Panorama der Großstadt, waren die ziemlich aufgerüschten „Mädels“ die eigentliche Attraktion!
  • Kleinkinder können einen auf unterschiedlichste Weise „versenken“. In meiner Anfangszeit musste ich auf einer Riesenplattform auftreten. Da ich allein war und zahlreiche Kids über die Bühne wuselten, wagte ich es nicht, schon alle Requisiten vorführfertig aufzubauen. Am Hinterrand stand als einzige „Deko“ ein riesiger Wassereimer mit mehreren jungen Birken (lichte Höhe ca. 4 m). Prompt wurde ich zu früh angesagt, raste zwecks finaler Präparation über die Bühne und streifte dabei einen Birkenzweig, worauf sich das Arrangement neigte und ich dem anschließenden Tsunami nur knapp entkam: Szenenapplaus schon vor Auftrittsbeginn!

 

Besondere Vorkommnisse

  • Gefahren drohen mitunter auch kinderlos: In einem höchst rustikal-verwinkelten Feinstschmeckerlokal wollte der Schlussapplaus kaum enden. Ich verbeugte mich rückwärts gehend immer wieder – noch ein Schritt, und ich hing über dem Geländer der sehr abschüssigen Treppe: beinahe ein unheimlich starker Abgang!
  • In Ausnahmefällen nimmt man sehr kurzfristige Buchungen an, beispielsweise bei Erkrankung eines Kollegen. Einmal wurde ein Auftritt für den nächsten Tag geordert, denn die Bauchtänzerin habe Grippe… Als ich diesen Satz bei der Anmoderation brachte, wollte das Vergnügen kaum enden!
  • Wie realistisch diese Gefahr ist, erfuhr ich beim Geburtstag eines vierzigjährigen Bekannten, für den die Gemahlin eine Bauchtänzerin bestellt hatte. Im abendlich illuminierten Garten entwand diese sich einem Geschenkkarton, tanzte anmutig-erotisch und verabschiedete sich mit Kusshänden, dabei in die Garderobe (= Gartengeräte-häuschen) trippelnd, wo ich meines Auftritts harrte. Nach Schließen der Tür war ihr erster Satz: „Arschkalt is’ da draußen!“
  • Auch nicht eleganter war die Reaktion einer jungen Balletteuse, die mit ihren Kolleginnen von einer Kindertanzgruppe vor meinem Auftritt dran war und nachher in der ersten Reihe saß. Als ich eine Schallplatte färbte, bildete sich bei den Damen eine gewisse Hypothese heraus, die ich mit dem Zeigen der gleichfarbigen Rückseite entkräftete. Kommentar der Minielfe im rosa Tutu: „Scheiße!“
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Der Kampf ums Revier: Garderoben- und Auftrittsräume

Wer hätte (trotz mehrfacher Hinweise und Passus im Auftrittsvertrag) daran gedacht, dass Zauberer einen Platz zur ungestörten Vorbereitung sowie Bewahrung der Geheimnisse benötigen (und nicht, wie es immer von Laien genannt wird: „zum Umziehen“ – wobei in den seltensten Fällen wenigstens ein Kleiderhaken existiert)? Garderoben-Spitzenreiter waren bisher

  • eine Scheune mit Traktoren, Sprühgeräten und Giftkanistern
  • ein Stühlelager unter der Bühne mit 1,20 m lichter Höhe (und selbstredend voller Sitzmöbel)
  • ein ungeheizter, mit Gerätschaften voll gestopfter Gartenschuppen  im Winter (Zugang zum Auftrittsort durch den Schnee)
  • das Weinlager eines Nobelrestaurants (Wartezeit 45 Minuten bei konstant 7 °C – ultracool!)
  • der versiffte Umkleideraum in einem Sportheim (auf dem Tisch die schmutzigen Trikots vom letzten Punktspiel) nebst einem Vereinswirt, der meiner Assistentin den Hintern tätschelte
  • diverse Küchen (Zauberer jeweils zwecks Blickschutz unter der Anrichte kniend); einmal die Futtermittelküche eines Zoos zwischen Bergen von Kartoffel- und Möhrenschnitzeln 
  • ein Treppenhaus in einem Geschäftsgebäudekomplex – als hinter uns die Tür zufiel, verschafften uns erst mehrere Handyanrufe nach 15 Minuten die Befreiung
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  • Fortsetzung folgt!  

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