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Sonntag, 29. August 2021

Meine magischen Gedanken 6

 

Mein Motiv, Beiträge zur Zauberkunst, zum Tango oder zu schulischen Verhältnissen zu verfassen, ist meist: Nicht über Themen zu schreiben, bei denen ich auch nicht viel anderes zu bieten hätte als das, was schon Tausende vor mir ausgedrückt haben.

Eher reizen mich Bereiche, wo sich die meisten so hoffnungslos einig sind – und wo ich dennoch das Gefühl habe, das Gegenteil könnte zutreffender sein. Ich nehme es gern in Kauf, dass dies bei vielen Missvergnügen auslöst – so lange es auch Leser gibt, welche genau meine Perspektive interessant und spannend finden.

Gerade bei der Zauberei für Kinder findet man Klischees haufenweise: Es sei ja viel einfacher, kleine Zuschauer zu täuschen, hierzu müsse man sich folglich weniger anstrengen und dürfe daher mit einem niedrigeren Honorar zufrieden sein: „Es ist ja nur für die Kleinen“. Daher brauche es auch keinen besonderen Rahmen: Es reiche, wenn der Zauberer auf einer Wiese vorm Haus stünde – „und die Kinder können sich ja auf den Boden setzen“.

Vorstellungen fürs junge Publikum unterscheiden sich aber gewaltig von denen für Erwachsene. Wer sich dieser speziellen Anforderungen nicht bewusst ist, sollte in diesem Metier lieber nicht zaubern.   

Näheres in meinem Video:

https://www.youtube.com/watch?v=t60VmTy00BU

Montag, 2. November 2020

Kinderzauberei – ein Beispiel

 

In meinem ersten Beitrag zum Thema hatte ich abschließend ein Video verlinkt, welches Teile des Auftritts eines Kollegen zeigt – verbunden mit der Ankündigung, diese Darbietung einmal zu besprechen:

https://diemagiedesgr.blogspot.com/2020/06/kinderzauberei-eine-andere-welt.html

Da ich die magische Szene ganz gut kenne, schicke ich voraus: Keinesfalls möchte ich mich dem Kollegen gegenüber respektlos zeigen. Ich weiß von vielen eigenen Vorstellungen, wie schwierig Zauberei vor Kindern ist. Selber bin ich generell nicht scharf darauf, Videos eigener Auftritte produzieren zu lassen – und wenn, leide ich ziemlich heftig unter den vielen Schwächen, die ich bei mir selber entdecke. 

Andererseits muss man öffentliche Kritik akzeptieren, wenn man eigene Aktivitäten ins Netz stellt. Ich freue mich immer, wenn diese dann sachlich ausfällt und sich nicht in persönlichen Abwertungen ergeht – heute im Internet keine Selbstverständlichkeit.

Hier noch einmal das Video, auf das ich per Zufall gekommen bin:


Wie man in der Beschreibung sehen kann, handelt es sich um den zweiten Teil eines Programms unter dem Titel „Der zauberhafte Dachboden“. Der Kollege erforscht dabei den Speicher seines Großvaters. Meldungen, die er dabei in einer Zeitung liest, dienen ihm zur Einleitung der jeweiligen Nummern.

Die Effekte:

·         Wasser verschwindet aus dem Schuh des Großvaters (bis ca. 1:50)

·         Wasserzeitung (bis 3:00)

·         Löffel verwandelt sich in Gabel (bis 4:45)

·         Finden dreier Karten mittels Zeitungszerschneiden (bis 8:00)

·         eine Art „Kümmelblättchen“ mit drei Enten, von denen eine quietscht (bis Ende) 

Technische Aspekte: 

Ohne Zweifel beherrscht der Kollege die Handhabung der einzelnen Touren. Man erkennt es schon daran, dass von den Kindern kein Widerspruch zu hören ist.

Beim Verschwinden des Wassers aus dem Schuh und der Zeitung verstehe ich nicht, warum der Vorführende so kleine Mengen nimmt und die Flüssigkeit zunächst aus einer glasklaren Flasche in einen undurchsichtigen grünen Becher füllt. Zudem sind die Abstände beim Umfüllen so gering, dass man das Wasser fast nicht fließen sieht.

Schön mit Comedy garniert ist die Verwandlung des Löffels in die Gabel. Die Idee, mit „vollem Mund“ Unverständliches zu äußern, macht den Kindern hörbar viel Spaß. Warum der Vorführende aber eine Banane isst, wurde mir nicht klar.

Den meisten Applaus erhält der Zauberer für das Finden dreier gezogener Karten, indem er eine gefaltete Zeitung so zurechtschneidet, dass sich die verschiedenen Kartenwerte ergeben. Nun mag das Merken von Kartenwerten angesichts des Alters der Kinder vertretbar sein – warum hier aber ein Spiel normaler Größe und nicht Riesenkarten eingesetzt werden, erschließt sich mir nicht. Außerdem wird die Bestätigung der drei Werte durch die jeweiligen Zuschauer nicht deutlich genug ausgespielt. Letztlich lebt der Erfolg der Routine vor allem vom Zeitungszerschneiden und nicht vom Finden der gezogenen Karten. 

Die letzte Routine lässt mich (und offenbar auch das Publikum) ratlos zurück. Klar, eine der drei kleinen, gleich aussehenden Enten quietscht, die anderen nicht. Nur muss man das auch klar betonen und berücksichtigen, dass der Quietschton durch das zu weit entfernte Headset nur schlecht hörbar ist. Gegen Schluss ist die Verwirrung (nach meinem Eindruck auf allen Seiten) groß – das Ende der Tour wirkt wie ein Abbruch. Ist da etwas schiefgegangen? Wieso schneidet man den Effekt dann nicht aus dem Video heraus?

Auch generell würde ich eine „Kümmelblättchen“-Routine in dieser Form nicht bei Kindern zeigen. Sie gehört ja zu den „Ätsch-Effekten“, bei denen das Publikum ständig daneben rät. Die Gefahr ist groß, dass sich kleine Zuschauer dadurch veralbert fühlen. Das müsste man zumindest bei der Einkleidung bedenken. 

Darstellung und Inszenierung

Anzuerkennen ist der Versuch, die einzelnen Effekte mit einer Rahmenhandlung zu verbinden, hier das Stöbern auf Großvaters Dachboden. Auch eine Zeitung kommt mehrfach zu Einsatz. Persönlich halte ich eine solche Dramaturgie nicht unbedingt für erforderlich – vor allem, wenn sie eventuell mehr einschränkt als nützt. Ein erfahrener Kollege sagte mir in meiner Anfängerzeit: „Der rote Faden ist die Persönlichkeit des Künstlers.“ 

Als Kostüm hat der Kollege ein kariertes Hemd und eine orange Latzhose inklusive schwarze Melone gewählt, was mich an Peter Lustig aus „Löwenzahn“ erinnert. Das etwas langweilige dunkle Jackett hätte ich weggelassen. Gut, zum Thema „Dachboden“ passt die ziemlich legere Bekleidung durchaus – generell meine ich jedoch, dass Zauberer gerade für Kinder etwas Besonderes sind, was sich auch in ihrem Outfit zeigen sollte.

Der Künstler gibt sich ziemlich sachlich, ja unterkühlt. Nun bin ich zwar überhaupt kein Freund von Kinderzauberern, welche in grellbunten Kostümen augenrollend und kreischend über die Bühne hampeln. Nur: Ein wenig mehr Ausdruck und Modulation, ein stärkerer Spannungsaufbau hätte der Vorstellung gut getan. Beispielsweise nützt der Vorführende die Stimmung, welche beim „Lieblingsgetränk Cola“ aufkommt, überhaupt nicht – eher scheint sie ihm unangenehm zu sein. Nein, dann doch lieber Wasser… Begeisterung löst dies nicht aus.

Was mich am meisten gestört hat: Fast alle verwendeten Requisiten sind für die große Bühne und den riesigen Saal schlicht zu klein. Wahrscheinlich hatte man die Show für einen bescheideneren Rahmen konzipiert.

Und hier rächt sich halt der Zwang, unbedingt ein festes „Programm“ darbieten zu müssen – natürlich mit einem Gesamtthema. Dieses Konzept wird schließlich bei den Zauberwettbewerben verlangt. Wehe dem Künstler, der es wagt, einfach eine Zusammenstellung toller Einzeleffekte zu präsentieren! Aber genau das Festhalten am ursprünglich entwickelten Konzept rächt sich hier. 

Ich hätte für diesen Rahmen erst einmal Effekte herausgesucht, die von der Größe her eine gute Sichtbarkeit garantieren – ja, die „Bühne füllen“. Viele davon kann man sicher für ein Kinderprogramm adaptieren. Weiterhin kann man nach Kriterien auswählen, ich schon einmal beschrieben habe:

https://diemagiedesgr.blogspot.com/2020/04/die-zusammenstellung-des-programms.html

Insgesamt kann ich nur meinen Appell wiederholen, sich beim Zaubern nicht zu sehr darauf zu verlassen, was einem Experten, Regisseure und anderes Fachpersonal raten. Jeder Künstler muss seine individuelle Persönlichkeit ausspielen und das Programm danach gestalten. Was bei anderen funktioniert, kann sich zur Katastrophe auswachsen, wenn man es unbesehen kopiert.

Als Zuschauer lege ich jedenfalls überhaupt keinen Wert darauf, dass ein Kollege eine Viertelstunde als Musikverkäufer, Eishändler oder nachgemachter Chinese über die Bühne tollt und dann ausschließlich mit Schallplatten, Eiswaffeln oder Fächern hantiert. Er soll einfach schön zaubern.

Mir würde das reichen.

Mittwoch, 14. Oktober 2020

Tricks speziell für Kinder?

Nach längerer Pause möchte ich meine Serie zur Kinderzauberei nun fortsetzen – mit einer Sichtweise, die manche Kolleginnen und Kollegen wahrscheinlich erstaunen dürfte. Viele von uns unterscheiden ja Kunststücke für Erwachsene und Kinder – wobei im zweiten Fall gerne ein „nur“ beigefügt wird.

Zauberhändler bieten eine Fülle von Effekten an, welche angeblich „bestens für die kleinen Zuschauer geeignet“ sind. Meist dreht es sich um Hasen und andere lustige Tiere, bunte Kisten mit Comicfiguren als Verzierung, märchenhafte Geschichten, Aufsitzereffekte mit garantiertem „Kreisch-Faktor“, die Produktion von Süßigkeiten, aber auch Routinen mit „pädagogischem“ Einschlag wie die „Verkehrsampel“.

Eins ist jedenfalls klar: Vor Erwachsenen kann man diese Kunststücke kaum zeigen, die würden sich oft nicht angesprochen fühlen. Und die Kinder?

Natürlich habe ich mir in den ersten Jahren meiner Zauberkarriere auch eine Menge dieser Requisiten angeschafft, die ja „speziell für Kinder“ gefertigt wurden. Ein „Schlüsselerlebnis“ hatte ich einmal, als ich mit einem Zauberkollegen Alexander de Covas „Purse Swindle“ diskutierte (nachzulesen in dessen Buch „Ein Profi packt aus“). Wer den Effekt nicht kennen sollte: Ein Seidentuch verschwindet in freier Hand und erscheint in verschiedenen Varianten in einer vorher leer gezeigten Geldbörse wieder. Nach über 300 Vorstellungen weiß ich: Dieser Effekt ist simpel, preiswert und doch unbezahlbar. 

Nun hatte ich mir als Höhepunkt und Abschluss ein Requisit zugelegt, mit dem sich das Tuch in der Hand eines Zuschauers in ein Höschen verwandeln ließ (bei einem nicht zu zimperlichen Publikum inzwischen der Abschluss dieser Routine). Auf meine Bemerkung „Nur schade, dass man dieses Ende nicht auch bei Kindern zeigen kann“ erwiderte mein Zauberfreund ungerührt: „Also, ich mach’ das schon!“. Beim Anblick meines wohl nicht allzu intelligenten Gesichtsausdrucks setzte er genießerisch hinzu: „Ja, warum denn nicht? Das ist doch die Mütze von einem Hasen…“

Nun habe ich diese Variante zwar bis heute doch nicht in einer Kindervorstellung präsentiert (mir fehlt die passende Geschichte), aber der Grundgedanke ließ mich nicht mehr los:

Kann man Effekte aus dem Erwachsenenprogramm nicht auch – in anderer Verpackung vor einem jungen Publikum zeigen?

Was macht denn ein Kunststück geeignet für Kinder? Ich sehe hier folgende Eigenschaften: 

·         vor allem optische Wirkung

·         einfacher Ablauf ohne viele Schnörkel

·         Spannung und Dynamik, Animationen

·         klare, unkomplizierte Sprache, keine Fremdwörter – Alternative: Musikbegleitung

·         keine speziellen Erwachsenen-Themen

·         keine Rechenoperationen oder Merken mehrerer Kartenwerte etc.

·         viel Komik (Text, begleitende Manöver)

·         möglichst undurchschaubare Effekte

Wenn man über diese Liste ein wenig nachdenkt, kommt man vielleicht zu dem Schluss: Die meisten Punkte zeichnen auch gute Kunststücke für ein Erwachsenen-Publikum aus! Wir Älteren wären manchmal auch froh, wenn der Künstler sich nicht in langweiligen, ausufernden Texten verlieren würde, der Ablauf klarer und prägnanter wäre sowie mehr Spannung und Dynamik aufwiese, man uns zum Lachen brächte und wir uns nicht ständig irgendwelche Kartenwerte merken oder Rechnereien ausführen müssten.

Daher behaupte ich: Der entscheidende Unterschied besteht in interessanten oder langweiligen Kunststücken, guten oder schlechten Präsentationen, und nicht in Effekten für Kinder und Erwachsene. 

Durchforsten Sie doch Ihr Repertoire und überlegen sich bei den stärksten Nummern, ob man die nicht durch Kürzung, Vereinfachung oder eine andere Textlinie für Kinder adaptieren könnte! Ich garantiere Ihnen: Sie werden etwas finden!  

Inzwischen habe ich eine ganze Reihe von Kunststücken aus meinem Repertoire so umgebaut, dass sie bei Kindern funktionieren. Oft muss man hierfür lediglich den Text ändern und einige Schleifen aus dem Ablauf entfernen, damit die Routine einfacher und direkter verläuft. Zudem gibt es die Metaebene dann ja sowieso, da das Kunststück aus dem Erwachsenenbereich stammt. Von daher sollte man durchaus die eine oder andere Wendung beibehalten, welche sich an diesen Zuschauerkreis richtet. Oft genug werden Sie vor einem altersmäßig stark gemischten Publikum stehen – mit diesem Konzept können Sie ein Programm zeigen, welches sich, in den Grenzen des Möglichen, an alle richtet.

Abschließend möchte ich Ihnen noch ein Beispiel beschreiben, das mir viel zu denken gegeben hat und das ich bereits im vorigen Artikel angesprochen habe: 

Im Bemühen um ein „kindgerechtes“ Kunststück zauberte ich in meiner Anfängerzeit öfters ein Stoffkaninchen aus einer „leeren“ Kiste, welches ich dann „zappelnd“ in den Händen hielt. Immer wieder erhielt ich dabei von älteren Kindern den Zuruf „Ej Mann, der ist ja gar nicht echt!“ (was natürlich auch die Illusion bei den Kleineren killte).

Inspiriert vom Film „Sein Freund Harvey“ mit James Stewart erfand ich eine Routine mit dem zwei Meter großen, unsichtbaren Hasen gleichen Namens. Das Ganze wirkte auf die Junioren bombig, und das Verrückteste ist: Noch nie hat ein Kind, gleich welchen Alters, die Existenz dieses Tiers bezweifelt – er war, im Gegensatz zum nachgemachten Fellknäuel, sozusagen „echt“!

Worum geht es? Eigentlich um nichts Sensationelles. „Harvey“ assistiert mir beim Finden einer gezogenen Karte.

Ich erzähle meinen Zuschauern, dass ich seit kurzer Zeit einen neuen „Assistenten“ hätte, welcher allerdings noch ziemlich ungeübt und nervös sei – vorsichtshalber hätte ich ihn draußen angeleint: einen zwei Meter großen unsichtbaren Hasen. Ob ich ihn trotzdem einmal hereinholen solle? Na klar! Ich gehe dann vor die Tür und inszeniere aus dem Off einen Wortwechsel (man hört nur mich – unsichtbare Hasen sprechen halt auch unhörbar) mit ziemlich viel Gerumpel und Getrappel. Schließlich komme ich wieder herein – hinter mir an einer Leine (starres Seil) besagtes Tier. Auf dessen Versprechen hin, sich ordentlich zu benehmen, wird das Seil gelöst (fällt schlaff herunter).

Den Effekt des starren Seils, das dann zusammenfällt, habe ich vor vielen Jahren als „India Seil“ in Eckhart Böttchers „Zauberbutike“ erstanden.

Harvey soll einen Kartentrick vorführen, ist aber sehr durstig und möchte zunächst ein Glas Himbeersaft (oder Milch). Dieses leert er mit einem Strohhalm (Flüssigkeitsspiegel im Glas sinkt bis fast zum Boden). Dann verlangt er einen Zauberstab, dessen Handhabung ich ihm zunächst zeige, wobei er ihn mir ständig aus der Hand ziehen will. Nach einigem Hin und Her („Wenn du jetzt lieb bist, darfst du heute Abend Bugs Bunny sehen“) soll schließlich ein Kind aus einem Spiel eine Karte ziehen, sie allen zeigen und wieder ins Päckchen zurückgeben, das egalisiert und abgelegt wird. Nun wird es dramatisch: Wie von Geisterhand gleitet die obere Hälfte der Karten nach außen, und beim Zurückfahren bleibt die vorher ausgewählte vorne. Harvey hat die richtige Karte gefunden! Er und das Kind kriegen ihren Applaus, der Hase wird wieder angeleint und nach draußen befördert.


Die verwendeten Kunststücke:

Verschwindende Milch (Zauber-Butike)

Hochsteigender Zauberstab

Geister-Karten (Fa. Viennamagic, Wien)

Auch wenn Sie diese Requisiten nicht besitzen sollten, werden Sie in Ihrer Sammlung wahrscheinlich etliche Animations-Effekte finden, beispielsweise eine Version des „Kartensteigers“. Für entscheidend halte ich die Idee des „unsichtbaren Assistenten“, der alles Mögliche treibt, was man durchaus beobachten kann. Testen Sie die Wirkung auf kleine und große Zuschauer – Sie werden verblüffende Erfahrungen machen! 

Das eigentliche Wunder entsteht jedenfalls nicht dadurch, dass man eine gezogene Karte findet – dies ist eigentlich nur der Vorwand für die Inszenierung. Alles hängt von Ihrer schauspielerischen Gestaltung ab. Sie müssen an den Hasen glauben, dann tun es auch Ihre Zuschauer! 

Glauben Sie mir: Ein für Kinder geeignetes Zauberkunststück zeichnet sich nicht dadurch aus, dass auf einem Requisit eine Mickymaus prangt!

P.S. Im ersten Artikel zum Thema „Kinderzauberei“ habe ich Ihnen ein Video gezeigt, über das Sie sich Gedanken machen sollten. Haben Sie? Im nächsten Artikel lesen Sie meine Überlegungen zu diesem Auftritt!

https://diemagiedesgr.blogspot.com/2020/06/kinderzauberei-eine-andere-welt.html

Samstag, 15. August 2020

Kinderzauberei – der Weg zur Erlebniswelt der Kleinen


Meine Art zu zaubern hat sich maßgeblich verändert, seit ich zum ersten Mal die „Grand-Prix-Nummer“ des legendären Fred Kaps sah:


Insbesondere der Schluss dieser preisgekrönten Routine wird mir unvergesslich
bleiben: Der Magier greift – zum wiederholten Male – zu einem kleinen Streuer mit Zaubersalz, jedoch scheinen die Löcher verstopft zu sein. Er schraubt den Deckel ab und schüttet den Inhalt in seine Faust. Aus jener rinnt dann ein nicht enden wollender Salzstrahl, das ursprüngliche Gefäß läuft über.

Kaps ist augenscheinlich völlig überrascht von diesem Effekt, wird mit der Zeit immer verlegener, versucht, die Fülle in der anderen Hand aufzufangen und Salz in die Tasche zu stecken, malt mit dem weißen Rinnsal Figuren auf den Boden und gestikuliert entschuldigend in Richtung Publikum. Längst ist die Musik zu Ende, er deutet händeringend in Richtung Kapelle, welche daraufhin noch mehrfach zum Finale ansetzt, mit komischer Verzweiflung blickt er auf den Salzhaufen zu seinen Füßen – schließlich, zu den letzten Takten der Begleitung, ein Leerzeigen der Hände: Die Illusion ist vorbei, und er geht ab.

Das Umwerfende daran ist, wieder einmal, nicht der Effekt (Salzvermehrung),
sondern die Präsentation:


Nicht der Vorführende, sondern „es“ zaubert!

Der wird von den Ereignissen genauso „überrollt“ wie das Publikum – und dieses „spiegelt“ seine Verblüffung.

Mit jenem Konzept ersparen Sie sich vor allem bei jüngeren Zuschauern die lästigen Fragen, „wie es geht“ – Sie wissen es ja selber nicht, die Effekte passieren einfach, scheinbar ohne Ihr Wollen. Sie verlassen so die angreifbare Position des Alleskönners und -Wissers, welche junge Zuschauer sehr gerne austesten, indem Sie sich (in dieser Hinsicht!) auf die Stufe der Kinder stellen.

Mit einer solchen Strategie können Sie die meisten Aufsitzereffekte auch vor jungem Publikum zeigen: Nachdem Sie längere Zeit die Proteste aus dem Zuschauerraum nicht verstanden haben, kapieren Sie endlich die Lösung, wiederholen sie lauthals (für alle, die den Plot noch  nicht erfasst haben) und „untersuchen“ die Requisiten entsprechend.

Groß ist Ihr Erstaunen, dass es wohl doch nicht so einfach funktionieren kann. Aber wie dann? Keine Ahnung – es ist halt Zauberei! Zumindest teilen Sie den Frust mit Ihren kleinen Zuschauern, und die sind beruhigt, dass ein Erwachsener ebenfalls nicht durchblickt.

Beim berühmten „Würfelkasten“ beispielsweise leuchtet Ihnen endlich ein, dass der Kubus nur hin- und her rutscht. Toll! Sie wollen ihn wieder herausholen und die Sache noch einmal probieren – doch er ist verschwunden. Nach Suchen und Grübeln kommen die Kinder wahrscheinlich selber darauf, einmal im Hut nachzusehen. Da ist er Gott sei Dank wieder, und Sie bedanken sich für den Tipp!

Die Metaebene betrifft die Älteren, welche selbstredend Ihre Taktik durchschauen, die darin liegende Raffinesse bewundern – und genauso wenig wissen, wie es wirklich geht!

Ein Zauberprogramm für Kinder muss stets komische Momente enthalten: Glücklicherweise lacht man in jugendlichem Alter (noch) gerne – und zwar am liebsten über Erwachsene, denen auch einmal etwas misslingt. Wenn Sie beispielsweise mit dem Zauberstab leicht auf Ihre Faust klopfen, den Schlag aber zu stark dosieren und sich anschließend vor Schmerzen krümmen, wird die Begeisterung von Siebenjährigen kein Ende kennen! Insofern hat das scheinbare Misslingen von Kunststücken einen hohen Unterhaltungswert.

Nicht nur im Kasperltheater wirkt das schon angesprochene „One ahead-Prinzip“ bei Kindern grandios, da ja wiederum eine Situation eintritt, in der sie dem Erwachsenen auf der Bühne einen Schritt voraus sind (alle sehen das Krokodil, bloß der Kasper nicht). Ein schönes Beispiel bietet das Kunststück „Run Rabbit Run“ (oder auch „Häschenburg“), bei dem die Zuschauer längst bemerkt haben, dass der Hase von der einen zur anderen Seite gesaust ist – nur nicht der Vorführende.

Hierbei müssen Sie allerdings ein feines Gespür dafür entwickeln, welchen Grad an eigener Dämlichkeit Ihnen die Kinder noch abnehmen. Zudem nutzen sich sämtliche Strategien in einem Programm ab, daher ist auch dieses Manöver kein Allheilmittel für einen ansonsten spannungsarmen Auftritt!

Kleine Zuschauer sind fasziniert von skurrilen Geschichten mit möglichst
absonderlichen Requisiten: Ein Zauberstab, der in die Luft springt, von dem die Enden abfallen oder der sich in einen Kochlöffel oder gar eine Klobürste verwandelt, bereitet ihnen oft mehr Vergnügen als der magische Höhepunkt einer Routine. Überlegen Sie, mit welchen komischen Zwischenspielen Sie den Ablauf würzen können:

Der Weg ist das Ziel!

Merke: Aus der Sicht von Kindern beschäftigen sich Erwachsene mit
„ernsthaften“ Dingen – ein Zauberer dagegen „spielt“: Dies bildet das größte Faszinosum für die Kleinen!

Doch verwenden Sie auch solche Stilmittel nicht im Übermaß! Ein Erwachsener,
der zum fünften Mal rechts und links verwechselt oder dem schon wieder ein Seidentuch herunterfällt, wirkt bereits auf Kleinkinder unglaubwürdig. Zudem treten Sie als Zauberer auf, nicht als Clown (eine ganz eigene Kunstgattung, deren Erlernen sicher nicht einfacher ist als unsere Profession). Ersterer zeichnet sich jedoch dadurch aus, dass ihm Dinge gelingen, zu denen normale Menschen nicht fähig sind, bei Letzterem ist eher das Gegenteil der Fall – ein Widerspruch, der prinzipiell nicht auflösbar ist.

Große Komiker wie Charly Chaplin oder Jaques Tati kamen oft sehr konventionell daher, nur misslingt ihnen dieses Streben nach Anpassung immer wieder grandios – und aus dem Kontrast entsteht das Vergnügen, welches sie uns bereiten: Der Darsteller ist eher ernst – lustig finden wir ihn! Oder stellen Sie sich Freddie Frinton in seinem legendären Sketch „Dinner for one“ einmal im Clownskostüm statt in der Butler-Livree vor! Übrigens haben große Clowns wie Charlie Rivel diese „ernsten“ Anteile stets berücksichtigt und waren weit mehr als „Possenreißer“!

Insofern habe ich bei Kollegen, welche in schreiend bunter Aufmachung mit Bommelnase plus komischem Hütchen vor Kindern auftreten und sich gerne als „Clown-Zauberer“ bezeichnen, meine Bedenken: Oft genug erlebt man ein (nicht immer besonders gekonntes) Herumgeblödel, das mit wenigen simplen Zaubereffekten versehen wird. Das mag ja bei Kleinkindern halbwegs funktionieren, doch wie steht es um die bereits angesprochene Metaebene? Ältere Kinder und Jugendliche lehnen eine solche Darbietung vielleicht eher als „Babykram“  oder gar „Quatsch“ ab, und bei Erwachsenen etabliert sich die Vorstellung, die Zauberkunst basiere vor allem auf klamottigen Gags und nicht auf feinsinnigen und undurchschaubaren Illusionen. Steigert man nach einem solchen Auftritt seine Chancen, für ein Erwachsenenprogramm gebucht zu werden?

Komik ist in unserem Metier ein Stilmittel, welches die Wirkung von
Täuschungen fördern kann – mehr aber auch nicht!

Wie bereits angedeutet, ordnen gerade Kleinkinder Gegenständen (noch dazu außergewöhnlichen wie beim Zaubern) die Rolle von Lebewesen zu. Bauen Sie an geeigneten Stellen unbedingt Animationen ein, indem Sie den Requisiten Namen oder andere persönliche Eigenschaften geben – vielleicht ist ein Seil ja in Wirklichkeit eine Schlange, eine hohe Säule ein Riese, ein Tuch ein Schmetterling usw.

Bedienen Sie die reichhaltig vorhandene Fantasie der jungen Zuschauer! Im Bemühen um ein „kindgerechtes“ Kunststück zauberte ich in meiner Anfängerzeit öfters ein Stoffkaninchen aus einer „leeren“ Kiste, welches ich dann „zappelnd“ in den Händen hielt. Immer wieder erhielt ich dabei von älteren Kindern den Zuruf „Ej Mann, der ist ja gar nicht echt!“ (was natürlich auch die Illusion bei den Kleineren killte), worauf ich den Effekt nur noch bei Senioren zeigte (wo er sehr gut ankam).

Inspiriert vom Film „Sein Freund Harvey“ mit James Stewart erfand ich später eine Routine mit dem zwei Meter großen, unsichtbaren Hasen gleichen Namens, dessen Aktionen ich mit diversen Zaubereffekten animierte. Das Ganze wirkte auf die Junioren bombig, und das Verrückteste ist: Noch nie hat ein Kind, gleich welchen Alters, die Existenz dieses Tiers bezweifelt – er war, im Gegensatz zum nachgemachten Fellknäuel, sozusagen „echt“!

Insgesamt bilden Auftritte vor Kindern immer eine Gratwanderung, bei der man das eine tun muss, ohne das andere zu lassen:

·         Verwenden Sie eine leicht verständliche Sprache, ohne in „Babygeplapper“ zu verfallen.
·         Zeigen Sie einfache, stark optische Effekte, die aber auch für Größere undurchschaubar sind.
·         Arbeiten Sie anschaulich und mit Animationen!
·         Verwenden Sie skurrile Zwischenspiele.
·         Setzen Sie Tempo und Pausen situationsgerecht ein.
·         Lernen Sie die Unruhe so zu steuern, dass sie produktiv bleibt.
·         Seien sie nett und freundlich, ohne die Inszenierung aus der Hand zu geben.
·         Schaffen Sie Möglichkeiten der Publikumsbeteiligung, die den Gesamtablauf nicht gefährden.
·         Leisten Sie sich scheinbare „Pannen“, aber behaupten Sie Ihre Alpharolle.
·         Arbeiten Sie mit Metaebenen für die verschiedenen Altersstufen.
·         Bleiben Sie für Ihre kleinen Gäste ansprechbar, aber nicht ständig und in jeder Situation.
·         Registrieren Sie Zwischenrufe, aber bestimmen Sie Ihre eigene Art der Reaktion darauf.
·         Setzen Sie Komik ein, ohne in niveauloses Gealbere zu verfallen.
·         Bestehen Sie auf geeigneten Rahmenbedingungen – auch auf die Gefahr hin, dass Ihnen einmal ein Engagement entgeht.

Und schließlich: Denken Sie darüber nach, ob Sie Kinder mögen – nur dann sollten Sie solche Vorstellungen geben!

Niemand hat behauptet, dass dies alles einfach sei. In seinem sehr empfehlenswerten Buch „Kinderzauberei – (k)eine Kunst?!“ schreibt Marc Dibowski:

„Für Kinder muss man zaubern wie für Erwachsene – nur besser.“