Freitag, 8. April 2016

Krist & Münch: Zaubertheater der Extraklasse



Schon die Location, welche die beiden Münchner Magier Alexander Krist und Christian Münch seit 2012 bespielen, dürfte ziemlich einmalig sein: Edles Ambiente im Kontrast zum Wirtshaus-Nebenzimmer, in welchem die Zauberei heute ja oft einen traurigen Rückzugsort zugewiesen bekommt. Alles hat Stil – vom eleganten Foyer bis zum „Table Magic Theater“, wo man von fünf aufsteigenden Stuhlreihen beste Sicht auf den großen Tisch hat, auf dem sich die meisten Wunder abspielen. Bühnen-Management, Beleuchtungsanlage, Tontechnik – alles vom Feinsten und absolut professionell gehandhabt.

Zu sehen gab es gestern das Programm von Alexander Krist: „MAGIE – live und hautnah 2“. Schon der Opener weist in die Richtung der eleganten „Salonmagie“ eines Johann Hofzinser: Krist philosophiert über Zeit (Armbanduhr) und seine Lieben (Ehering sowie Foto seiner beiden Töchter). Alle Requisiten verschwinden und tauchen, da zeitlos wertvoll, natürlich zum Schluss wieder auf. Geschliffene Texte, zur emotionalen Wirkung öfters mit Musik untermalt – eine ideale Startrampe, welche das Publikum zum Abheben bringt!

Alexander Krist verfügt über eine unglaublich professionelle Technik. Seine Kartenroutine stellt eine Ansammlung von Höchstschwierigkeiten dar, welche ein Amateur nur staunend bewundern kann. Allein seine Version der „Ambitious Card“, bei welcher zum Schluss eine Karte mit abgerissenem Index in einem verpackten Spiel nach oben steigt, katapultierte für mich diesen Klassiker in eine neue Dimension. Er beschränkt sich nicht darauf, nur eine Karte zu finden – nein, in 13 Sekunden memoriert er scheinbar die exakte Reihenfolge eines vom Zuschauer gemischten Spiels!

Gekonnt setzt Krist psychologische Talente ein, wenn er Gedanken der Gäste errät (Würfel-Augenzahl unter Bechern). In seiner „Las Vegas“-Nummer, mit welcher er den ersten Teil seiner Vorstellung beschließt, bietet er alles auf, was in der Mentalmagie gut, schwierig und teuer ist: ein geniales „Halbfinale“!

Auch nach der Pause setzen sich die „Kracher“ fort: Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die fulminante Version des Becherspiels. Alexander Krist beweist sich wiederum als exzellenter Manipulator, dem das Beste nie gut genug ist – so erscheinen als Climax unter drei Bechern nicht drei Zitronen, sondern selbstredend vier! Einen „gut durchgemischten“ Rubik‘s Cube wirft er mal eben so auf den Tisch – und schon ist er sortiert!  Noch wahnsinniger der umgekehrte Effekt: In einer Dreiviertelminute bekommt er einen Zauberwürfel exakt so hin, wie die Zuschauer ein anderes Exemplar verdreht haben! Im Finale des Programms zeigt er eine gigantisch gut durchdachte Version des Klassikers „Karte in Zitrone“ (hier ist es ein Hühnerei).

Auch in seiner Persönlichkeit verfügt der Künstler über alles, was einen Spitzenmagier ausmacht: umwerfenden Charme, gepaart mit großem rhetorischen Talent und hoher Bühnenpräsenz. Immer wieder gelingt es ihm, den Rhythmus von Zauberei, Begleitmusik und Text stimmig zu halten (für mich eines der wichtigsten Kriterien in der Magie).

Sein Ehrgeiz, der ihn zu solchen Spitzenleistungen führt, hat allerdings auch kleine Schattenseiten: Streckenweise verliert er sich in der Mentalmagie in zu vielen Vorhersagen, Kontrollen und Details. Dazu kommt die in der modernen Magie offenbar unverzichtbare „Beschäftigungstherapie“ fürs Publikum. Ich war sehr froh, nicht in der ersten Reihe zu sitzen und mich dort mit ständigen „Assistenzaufgaben“ herumschlagen zu müssen. Gerne hätte ich mich öfters zurückgelehnt, anstatt wegen des Bombardements mit Karten- und Zahlenwerten ständig mein Gehirn einzuschalten! Warum muss man eine wunderbare Chink a Chink-Routine (zuerst mit Kronkorken, dann wegen des beruflichen Erfolgs mit Silbermünzen) in einem solchen Eilzugtempo durchbrettern?

„Keep it simple“ – dieser Ratschlag unseres Großmeisters Dai Vernon könnte auch dabei helfen, nicht zu sehr mit Fingerfertigkeit zu prunken. Zeigt man allzu deutlich, wie geschickt man hierin ist, schwächt das die anschließenden Wunder eher ab. (Tony Slydini hätte niemals einen Zauberstab wiederholt akrobatisch durch die Finger wirbeln lassen!)

Außerdem sollte Alexander Krist aufpassen, dass er seinem Rollenbild vom „idealen Schwiegersohn“ nicht zu viel Zucker (oder gar Saccharin) gibt: Beim x-ten Mal wirkt ein strahlendes Lächeln oder eine entsprechende Gestik dann schon mal manieriert – und die „Hirschhausen – Philosophie“ vom Glück in mehreren Epilogen dann etwas dick aufgetragen.

Und ob man ein Tischprogramm mit der Kubus-Illusion (assistiert vom herrlich verschrobenen Christian Münch) beenden muss? Na ja, originell war’s schon, zumal die sichtbare Hand nochmal schnell den Rubik’s Cube sortierte…

Diese kleinen, subjektiven Stirnrunzler meinerseits können jedoch das Gesamturteil kaum schmälern: Diese Show, ja das ganze Theater, ist eine exzellente Werbung für die heutzutage so gebeutelte Zauberkunst! Eine Zauberbühne, welche mehrmals die Woche bespielt wird und fast stets (zu Recht) ausverkauft ist – wo gibt es das noch?

Was sicherlich nicht wenig zum Erfolg beiträgt: Das gesamte Team kümmert sich aufopferungsvoll um seine Gäste – vom freundlichen Empfang über die charmante Bedienung und Ansprache der Zuschauer bis hin zu mit Namensschildern gekennzeichneten Plätzen. Und natürlich kann man mit den Künstlern nach Programmende im Foyer zwanglos plaudern.

Wer also in der Münchner Gegend wohnt oder einmal dorthin kommt: Unbedingt Plätze (rechtzeitig!) reservieren, hingehen, staunen und genießen!
   
http://www.magic-theater.de

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