Dienstag, 16. Juni 2020

Kinderzauberei – eine andere Welt


„Wir brauchen unsere Kinder nicht erziehen, sie machen uns sowieso alles nach.“
(Karl Valentin)

Der tragische Irrtum: „Es ist ja nur für die Kleinen“

Oft genug hört man als Zauberkünstler diesen Satz von den entsprechenden
Gastgeberinnen (ob es nun Kindergärtnerinnen sind oder Mütter, welche die Geburtstagsfeier ihres Sprösslings planen – Väter dagegen rufen kaum jemals an).

Spätestens kommt er beim Thema Gage und soll bedeuten: „Da Sie sich ja nicht besonders anstrengen müssen, darf es auch weniger kosten.“ Großes Erstaunen erzeugt dann stets meine Feststellung, dass ich – ausgehend von der Arbeitsleistung – eigentlich mehr verlangen sollte als bei Erwachsenen.

Es gibt eine beträchtliche Anzahl von erfahrenen, sogar berühmten Kollegen, die sich strikt weigern, vor Kindern aufzutreten. Und womit tun sie das? Mit Recht! Es gibt (ausgenommen vielleicht besoffene Rocker) kein schwierigeres Publikum!

Ich möchte hier nicht das große Lamento anstimmen über die „heutigen Kinder“, bei denen (mit welcher Verlässlichkeit auch immer) Verhaltensstörungen wie ADHS diagnostiziert werden und die angeblich nur noch mit einer kräftigen Dosis Psychopharmaka davon abgehalten werden können, über Tische und Bänke zu gehen. Aus meiner 35-jährigen Tätigkeit als Gymnasiallehrer weiß ich, dass dies ein Klischee ist – allerdings ebenso wie die Einstellung, man dürfe die „armen Kleinen“ nicht mit „überkommenen“ Benimmregeln in der Erlangung ihrer Selbstständigkeit behindern.

Sicher ist allerdings: Bei einem erwachsenen Publikum ist die Bandbreite des Verhaltens eher klein – sicherlich gibt es tolle Zuschauer und auch solche, welche von Natur und/oder Alkoholpegel her sicherlich nicht dem Wunschtraum von Magiern entsprechen.

Dennoch können Sie sich fast immer darauf verlassen, dass Sie – selbst wenn es nicht so gut läuft – zumindest Höflichkeitsapplaus erhalten und Zwischenrufe wie „Ej Mann, das kenn’ ich schon“ oder ein plötzlicher Heulanfall mit 110 Dezibel kaum vorkommen. Ebenso müssen Sie nicht fürchten, dass volljährige Gäste immer näher rücken, bis sie schon fast mit der Nase an Ihrem Zaubertisch kleben oder gar unter diesem herumkriechen. Oder bei einer Gartenparty ein vorbeiflitzendes Eichhörnchen Ihre tolle Routine im Bewusstsein absolut auslöscht. Oder ein Zuschauer plötzlich aufsteht und Ihnen eine Geschichte erzählen will, die mit Ihrem Programm genau nichts zu tun hat. Oder…  

Bei Kindern habe ich so ziemlich jedes Extrem schon erlebt:

Da gibt es Auftritte, nach denen ich eigentlich gar nicht wegfahren möchte, weil meine kleinen Zuschauer derartig toll mitgegangen sind. Und wenn dann an der Autotür noch eine kleine Prinzessin mit riesigen Kulleraugen versichert „Das war so schön, Herr Zauberer“, möchte man fast die Gage wieder zurückgeben…

Auf der anderen Seite gibt es Kinderfeste, welche praktisch nur aus Gebrüll und völlig überdrehten Kids bestehen, die vor allem Süßigkeiten in sich reinstopfen, Egozentrik pur bei null Konzentrationsfähigkeit und Empathie sowie einem höchstens zweistelligen IQ – Kürzung des Programms bei Rettung der Gage und  Evakuierung der Requisiten vor den heranstürmenden Kleinen in letzter Sekunde bei vollem Körpereinsatz.

Natürlich ist mir inzwischen klar, dass ich gerade in meiner Anfangszeit nicht selten durch elementare eigene Fehler in solche Situationen geraten bin. Dennoch stimmt der eingangs zitierten Satz von Valentin: Die lieben Kleinen können nichts dafür, wenn ihre Eltern eklatante Mängel im Sozialverhalten aufweisen. Und unfähig sind, ihren Kindern etwas abzuverlangen. Bei manchen Auftritten hatte ich das Gefühl, der erste Mensch zu sein, der bei den Kindern in dieser Richtung agierte.

Wer‘s nicht glaubt, sollte einmal über eine Erfahrung von mir nachdenken: Private Kinderfeste verliefen stets harmonischer, wenn beide Eltern anwesend waren und sich um die kleinen Gäste kümmerten. Häufig aber waren die Väter absent – aus welchem Grund auch immer. (In einem Fall entdeckte ich den männlichen Erzeuger nach dem Auftritt unter einer Decke schlafend auf der Couch!)      

Ich erlebte also genügend Horrorszenarien, bei denen mir bis heute kein Gegenmittel einfällt – außer das Engagement nicht anzunehmen, wenn sich im Vorfeld gewisse „Warnzeichen“ zeigen (davon später). Bedenken Sie daher:

Bei Auftritten vor Kindern kann vom größten Triumph bis zur krachenden
Niederlage alles passieren – und manches davon haben Sie nicht in der Hand. Sollte Ihnen dieses Risiko zu hoch sein, zaubern Sie lieber nur vor Erwachsenen!

Persönlich habe ich es immer als spannend empfunden, mich auf ein solches Spiel einzulassen und herauszufinden, wie ich es im Sinne der Zauberkunst beeinflussen kann – ein gutes Drittel meiner Auftritte (also über 300) fand in diesem Metier statt.

Weiterhin ist es kaum vermeidbar, öfters vor gemischtem Publikum aufzutreten; gerade bei Familienfesten oder „Tagen der offenen Tür“ mit einem beträchtlichen Anteil junger Gäste. Hierbei benötigen Sie ebenfalls gewisse Kenntnisse über diese sehr spezielle Art von Publikum.

In welcher Hinsicht weichen Auftritte vor Kindern von solchen bei Erwachsenen ab?

·         Die einzelnen Altersgruppen reagieren sehr unterschiedlich; die Vorstellung muss genau hierauf abgestimmt sein. Daher stellen sich die größten Probleme, wenn Sie eine Melange von Drei- bis Vierzehnjährigen vor sich haben!
·         Das Verhalten der Kinder hängt extrem von den äußeren Bedingungen ab: der Art des Festes, dem sonstigen Programm, den sozialen Beziehungen untereinander und zu den anwesenden Erwachsenen, den Sicht- und Platzverhältnissen, Verfügbarkeit von Essen und Getränken, diversen Störquellen von außen usw.
·         Kinder denken sehr direkt und sind stark von der Optik beeinflussbar. Längere Texte, welche vom Zaubergeheimnis ablenken sollen, wirkt vor allem bei sehr jungen Zuschauern wenig. Ihr Denken verläuft noch nicht in mehreren Spuren: Die schönste Geschichte kann sie nicht davon abbringen, Ihnen genauestens auf die Finger zu sehen!
·         Auch unter Kollegen herrscht oft die Meinung, man müsse sich vom technischen Hintergrund her bei Kindern wenig Mühe geben – die könne man leicht täuschen. Nach meiner Erfahrung ist das Gegenteil richtig. Wenn Sie mit einem Manöver bei Erwachsenen durchkommen, kann es durchaus sein, dass die lieben Kleinen Ihnen die (richtige) Erklärung zurufen!
Das liegt an der einfachen Denkweise junger Zuschauer: „Wenn’s nicht mehr in der linken Hand ist, kann’s ja nur in der rechten sein!“ – Erwachsene würden eher meinen: „So simpel ist es sicher nicht!“
·         Bei kleinen Zuschauern ist die Schwelle, direkt ins Geschehen einzugreifen, äußerst niedrig: Eine Unachtsamkeit Ihrerseits (z.B. das „Blitzen“ eines palmierten Gegenstands) werden Ältere meist höflicherweise übersehen – bei Kindern kriegen Sie unverzüglich einen entlarvenden Zwischenruf: „Du hast es ja nur in der Hand versteckt!“
·         Kinder wollen sich beteiligen, also wählen Sie mehr Effekte mit direktem Zuschauereinsatz! Die Gefahr ist jedoch groß, dass die kleinen Akteure Ihnen dabei die Inszenierung aus der Hand nehmen. Die kluge Steuerung des „Mitmachens“ ist eine der größten Herausforderungen in diesem Bereich!
·         Anspielungen, Ironie oder gar „Killerphrasen“ wirken bei Jüngeren überhaupt nicht. Allenfalls kommt die Botschaft an, dass der „Zauberer sie nicht mag“ – und dies ist noch weniger empfehlenswert als bei volljährigen Zuschauern!
·         Auch Aufsitzer-Routinen funktionieren, je nach Alter, entweder gar nicht oder können zu einer feindseligen Stimmung führen, da sich die Kinder nicht ernst genommen oder gar veralbert fühlen. Hier ist höchste Sensibilität gefragt!
·         Negative Veränderungen (z.B. Konzentrationsabfall, Desinteresse, Ablenkung durch Störungen) stellen sich bei Kindern sehr rasch ein. Dem müssen Sie mit erhöhter Flexibilität begegnen (z.B. Abkürzung einer Routine oder des ganzen Programms, Ausweichen auf alternative Effekte).
·         Die schauspielerische Gestaltung ist in diesem Bereich noch wichtiger als sonst; übertreiben Sie, wo es nur geht – vor diesem Publikum dürfen Sie deutlich exzentrischer agieren als gewöhnlich. Nicht so sehr das Unerklärliche fasziniert kleine Zuschauer (eher verwirrt es sie oft), sondern der Weg dorthin, der möglichst spannend und komisch gestaltet werden sollte.
·         Und schließlich: Kinder applaudieren von sich aus kaum – warten Sie also nicht darauf! Bestenfalls ahmen sie das Händeklatschen älterer Gäste nach; es bleibt jedoch mehr ein Ritual denn eine echte Anerkennung.

O je, wie soll man das alles hinkriegen? Ich werde in der nächsten Zeit auf diesem Blog einige Ideen und Tipps dazu veröffentlichen.

Für heute wollte ich Ihnen jedoch klarmachen: In keiner anderen Sparte der Magie liegt die Messlatte für den Künstler derartig hoch. In seinem hervorragenden Buch „Seriously silly“ findet der amerikanische Kinderzauberer David Kaye hierzu ein schönes Bild:

„Wenn ein Popsänger, unterstützt von Dutzenden Helfern und einem großen Bühnenaufbau, seinen Auftritt beginnt, erwarten die Besucher, dass er singen kann. Wenn sich der Vorhang zu einer Musicalaufführung mit über hundert Mitwirkenden hebt, erwarten die Zuschauer, dass die Darsteller singen, tanzen und schauspielern können.
Wenn Sie als Kinderzauberer Ihre vier Koffer in den 6. Stock wuchten, wo die siebenjährige Susi ihren Geburtstag feiert, erwartet Ihr Publikum, dass Sie alles
können!“

Bis dahin eine kleine „Hausaufgabe“: Wie gefällt Ihnen dieser Auftritt vor Kindern? Was kommt beim kleinen Publikum wie an? Anhand der Reaktionen ist das ganz gut abschätzbar. Meine Sichtweisen dazu erfahren Sie demnächst!


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