Mittwoch, 14. Oktober 2020

Tricks speziell für Kinder?

Nach längerer Pause möchte ich meine Serie zur Kinderzauberei nun fortsetzen – mit einer Sichtweise, die manche Kolleginnen und Kollegen wahrscheinlich erstaunen dürfte. Viele von uns unterscheiden ja Kunststücke für Erwachsene und Kinder – wobei im zweiten Fall gerne ein „nur“ beigefügt wird.

Zauberhändler bieten eine Fülle von Effekten an, welche angeblich „bestens für die kleinen Zuschauer geeignet“ sind. Meist dreht es sich um Hasen und andere lustige Tiere, bunte Kisten mit Comicfiguren als Verzierung, märchenhafte Geschichten, Aufsitzereffekte mit garantiertem „Kreisch-Faktor“, die Produktion von Süßigkeiten, aber auch Routinen mit „pädagogischem“ Einschlag wie die „Verkehrsampel“.

Eins ist jedenfalls klar: Vor Erwachsenen kann man diese Kunststücke kaum zeigen, die würden sich oft nicht angesprochen fühlen. Und die Kinder?

Natürlich habe ich mir in den ersten Jahren meiner Zauberkarriere auch eine Menge dieser Requisiten angeschafft, die ja „speziell für Kinder“ gefertigt wurden. Ein „Schlüsselerlebnis“ hatte ich einmal, als ich mit einem Zauberkollegen Alexander de Covas „Purse Swindle“ diskutierte (nachzulesen in dessen Buch „Ein Profi packt aus“). Wer den Effekt nicht kennen sollte: Ein Seidentuch verschwindet in freier Hand und erscheint in verschiedenen Varianten in einer vorher leer gezeigten Geldbörse wieder. Nach über 300 Vorstellungen weiß ich: Dieser Effekt ist simpel, preiswert und doch unbezahlbar. 

Nun hatte ich mir als Höhepunkt und Abschluss ein Requisit zugelegt, mit dem sich das Tuch in der Hand eines Zuschauers in ein Höschen verwandeln ließ (bei einem nicht zu zimperlichen Publikum inzwischen der Abschluss dieser Routine). Auf meine Bemerkung „Nur schade, dass man dieses Ende nicht auch bei Kindern zeigen kann“ erwiderte mein Zauberfreund ungerührt: „Also, ich mach’ das schon!“. Beim Anblick meines wohl nicht allzu intelligenten Gesichtsausdrucks setzte er genießerisch hinzu: „Ja, warum denn nicht? Das ist doch die Mütze von einem Hasen…“

Nun habe ich diese Variante zwar bis heute doch nicht in einer Kindervorstellung präsentiert (mir fehlt die passende Geschichte), aber der Grundgedanke ließ mich nicht mehr los:

Kann man Effekte aus dem Erwachsenenprogramm nicht auch – in anderer Verpackung vor einem jungen Publikum zeigen?

Was macht denn ein Kunststück geeignet für Kinder? Ich sehe hier folgende Eigenschaften: 

·         vor allem optische Wirkung

·         einfacher Ablauf ohne viele Schnörkel

·         Spannung und Dynamik, Animationen

·         klare, unkomplizierte Sprache, keine Fremdwörter – Alternative: Musikbegleitung

·         keine speziellen Erwachsenen-Themen

·         keine Rechenoperationen oder Merken mehrerer Kartenwerte etc.

·         viel Komik (Text, begleitende Manöver)

·         möglichst undurchschaubare Effekte

Wenn man über diese Liste ein wenig nachdenkt, kommt man vielleicht zu dem Schluss: Die meisten Punkte zeichnen auch gute Kunststücke für ein Erwachsenen-Publikum aus! Wir Älteren wären manchmal auch froh, wenn der Künstler sich nicht in langweiligen, ausufernden Texten verlieren würde, der Ablauf klarer und prägnanter wäre sowie mehr Spannung und Dynamik aufwiese, man uns zum Lachen brächte und wir uns nicht ständig irgendwelche Kartenwerte merken oder Rechnereien ausführen müssten.

Daher behaupte ich: Der entscheidende Unterschied besteht in interessanten oder langweiligen Kunststücken, guten oder schlechten Präsentationen, und nicht in Effekten für Kinder und Erwachsene. 

Durchforsten Sie doch Ihr Repertoire und überlegen sich bei den stärksten Nummern, ob man die nicht durch Kürzung, Vereinfachung oder eine andere Textlinie für Kinder adaptieren könnte! Ich garantiere Ihnen: Sie werden etwas finden!  

Inzwischen habe ich eine ganze Reihe von Kunststücken aus meinem Repertoire so umgebaut, dass sie bei Kindern funktionieren. Oft muss man hierfür lediglich den Text ändern und einige Schleifen aus dem Ablauf entfernen, damit die Routine einfacher und direkter verläuft. Zudem gibt es die Metaebene dann ja sowieso, da das Kunststück aus dem Erwachsenenbereich stammt. Von daher sollte man durchaus die eine oder andere Wendung beibehalten, welche sich an diesen Zuschauerkreis richtet. Oft genug werden Sie vor einem altersmäßig stark gemischten Publikum stehen – mit diesem Konzept können Sie ein Programm zeigen, welches sich, in den Grenzen des Möglichen, an alle richtet.

Abschließend möchte ich Ihnen noch ein Beispiel beschreiben, das mir viel zu denken gegeben hat und das ich bereits im vorigen Artikel angesprochen habe: 

Im Bemühen um ein „kindgerechtes“ Kunststück zauberte ich in meiner Anfängerzeit öfters ein Stoffkaninchen aus einer „leeren“ Kiste, welches ich dann „zappelnd“ in den Händen hielt. Immer wieder erhielt ich dabei von älteren Kindern den Zuruf „Ej Mann, der ist ja gar nicht echt!“ (was natürlich auch die Illusion bei den Kleineren killte).

Inspiriert vom Film „Sein Freund Harvey“ mit James Stewart erfand ich eine Routine mit dem zwei Meter großen, unsichtbaren Hasen gleichen Namens. Das Ganze wirkte auf die Junioren bombig, und das Verrückteste ist: Noch nie hat ein Kind, gleich welchen Alters, die Existenz dieses Tiers bezweifelt – er war, im Gegensatz zum nachgemachten Fellknäuel, sozusagen „echt“!

Worum geht es? Eigentlich um nichts Sensationelles. „Harvey“ assistiert mir beim Finden einer gezogenen Karte.

Ich erzähle meinen Zuschauern, dass ich seit kurzer Zeit einen neuen „Assistenten“ hätte, welcher allerdings noch ziemlich ungeübt und nervös sei – vorsichtshalber hätte ich ihn draußen angeleint: einen zwei Meter großen unsichtbaren Hasen. Ob ich ihn trotzdem einmal hereinholen solle? Na klar! Ich gehe dann vor die Tür und inszeniere aus dem Off einen Wortwechsel (man hört nur mich – unsichtbare Hasen sprechen halt auch unhörbar) mit ziemlich viel Gerumpel und Getrappel. Schließlich komme ich wieder herein – hinter mir an einer Leine (starres Seil) besagtes Tier. Auf dessen Versprechen hin, sich ordentlich zu benehmen, wird das Seil gelöst (fällt schlaff herunter).

Den Effekt des starren Seils, das dann zusammenfällt, habe ich vor vielen Jahren als „India Seil“ in Eckhart Böttchers „Zauberbutike“ erstanden.

Harvey soll einen Kartentrick vorführen, ist aber sehr durstig und möchte zunächst ein Glas Himbeersaft (oder Milch). Dieses leert er mit einem Strohhalm (Flüssigkeitsspiegel im Glas sinkt bis fast zum Boden). Dann verlangt er einen Zauberstab, dessen Handhabung ich ihm zunächst zeige, wobei er ihn mir ständig aus der Hand ziehen will. Nach einigem Hin und Her („Wenn du jetzt lieb bist, darfst du heute Abend Bugs Bunny sehen“) soll schließlich ein Kind aus einem Spiel eine Karte ziehen, sie allen zeigen und wieder ins Päckchen zurückgeben, das egalisiert und abgelegt wird. Nun wird es dramatisch: Wie von Geisterhand gleitet die obere Hälfte der Karten nach außen, und beim Zurückfahren bleibt die vorher ausgewählte vorne. Harvey hat die richtige Karte gefunden! Er und das Kind kriegen ihren Applaus, der Hase wird wieder angeleint und nach draußen befördert.


Die verwendeten Kunststücke:

Verschwindende Milch (Zauber-Butike)

Hochsteigender Zauberstab

Geister-Karten (Fa. Viennamagic, Wien)

Auch wenn Sie diese Requisiten nicht besitzen sollten, werden Sie in Ihrer Sammlung wahrscheinlich etliche Animations-Effekte finden, beispielsweise eine Version des „Kartensteigers“. Für entscheidend halte ich die Idee des „unsichtbaren Assistenten“, der alles Mögliche treibt, was man durchaus beobachten kann. Testen Sie die Wirkung auf kleine und große Zuschauer – Sie werden verblüffende Erfahrungen machen! 

Das eigentliche Wunder entsteht jedenfalls nicht dadurch, dass man eine gezogene Karte findet – dies ist eigentlich nur der Vorwand für die Inszenierung. Alles hängt von Ihrer schauspielerischen Gestaltung ab. Sie müssen an den Hasen glauben, dann tun es auch Ihre Zuschauer! 

Glauben Sie mir: Ein für Kinder geeignetes Zauberkunststück zeichnet sich nicht dadurch aus, dass auf einem Requisit eine Mickymaus prangt!

P.S. Im ersten Artikel zum Thema „Kinderzauberei“ habe ich Ihnen ein Video gezeigt, über das Sie sich Gedanken machen sollten. Haben Sie? Im nächsten Artikel lesen Sie meine Überlegungen zu diesem Auftritt!

https://diemagiedesgr.blogspot.com/2020/06/kinderzauberei-eine-andere-welt.html

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