Montag, 2. November 2020

Kinderzauberei – ein Beispiel

 

In meinem ersten Beitrag zum Thema hatte ich abschließend ein Video verlinkt, welches Teile des Auftritts eines Kollegen zeigt – verbunden mit der Ankündigung, diese Darbietung einmal zu besprechen:

https://diemagiedesgr.blogspot.com/2020/06/kinderzauberei-eine-andere-welt.html

Da ich die magische Szene ganz gut kenne, schicke ich voraus: Keinesfalls möchte ich mich dem Kollegen gegenüber respektlos zeigen. Ich weiß von vielen eigenen Vorstellungen, wie schwierig Zauberei vor Kindern ist. Selber bin ich generell nicht scharf darauf, Videos eigener Auftritte produzieren zu lassen – und wenn, leide ich ziemlich heftig unter den vielen Schwächen, die ich bei mir selber entdecke. 

Andererseits muss man öffentliche Kritik akzeptieren, wenn man eigene Aktivitäten ins Netz stellt. Ich freue mich immer, wenn diese dann sachlich ausfällt und sich nicht in persönlichen Abwertungen ergeht – heute im Internet keine Selbstverständlichkeit.

Hier noch einmal das Video, auf das ich per Zufall gekommen bin:


Wie man in der Beschreibung sehen kann, handelt es sich um den zweiten Teil eines Programms unter dem Titel „Der zauberhafte Dachboden“. Der Kollege erforscht dabei den Speicher seines Großvaters. Meldungen, die er dabei in einer Zeitung liest, dienen ihm zur Einleitung der jeweiligen Nummern.

Die Effekte:

·         Wasser verschwindet aus dem Schuh des Großvaters (bis ca. 1:50)

·         Wasserzeitung (bis 3:00)

·         Löffel verwandelt sich in Gabel (bis 4:45)

·         Finden dreier Karten mittels Zeitungszerschneiden (bis 8:00)

·         eine Art „Kümmelblättchen“ mit drei Enten, von denen eine quietscht (bis Ende) 

Technische Aspekte: 

Ohne Zweifel beherrscht der Kollege die Handhabung der einzelnen Touren. Man erkennt es schon daran, dass von den Kindern kein Widerspruch zu hören ist.

Beim Verschwinden des Wassers aus dem Schuh und der Zeitung verstehe ich nicht, warum der Vorführende so kleine Mengen nimmt und die Flüssigkeit zunächst aus einer glasklaren Flasche in einen undurchsichtigen grünen Becher füllt. Zudem sind die Abstände beim Umfüllen so gering, dass man das Wasser fast nicht fließen sieht.

Schön mit Comedy garniert ist die Verwandlung des Löffels in die Gabel. Die Idee, mit „vollem Mund“ Unverständliches zu äußern, macht den Kindern hörbar viel Spaß. Warum der Vorführende aber eine Banane isst, wurde mir nicht klar.

Den meisten Applaus erhält der Zauberer für das Finden dreier gezogener Karten, indem er eine gefaltete Zeitung so zurechtschneidet, dass sich die verschiedenen Kartenwerte ergeben. Nun mag das Merken von Kartenwerten angesichts des Alters der Kinder vertretbar sein – warum hier aber ein Spiel normaler Größe und nicht Riesenkarten eingesetzt werden, erschließt sich mir nicht. Außerdem wird die Bestätigung der drei Werte durch die jeweiligen Zuschauer nicht deutlich genug ausgespielt. Letztlich lebt der Erfolg der Routine vor allem vom Zeitungszerschneiden und nicht vom Finden der gezogenen Karten. 

Die letzte Routine lässt mich (und offenbar auch das Publikum) ratlos zurück. Klar, eine der drei kleinen, gleich aussehenden Enten quietscht, die anderen nicht. Nur muss man das auch klar betonen und berücksichtigen, dass der Quietschton durch das zu weit entfernte Headset nur schlecht hörbar ist. Gegen Schluss ist die Verwirrung (nach meinem Eindruck auf allen Seiten) groß – das Ende der Tour wirkt wie ein Abbruch. Ist da etwas schiefgegangen? Wieso schneidet man den Effekt dann nicht aus dem Video heraus?

Auch generell würde ich eine „Kümmelblättchen“-Routine in dieser Form nicht bei Kindern zeigen. Sie gehört ja zu den „Ätsch-Effekten“, bei denen das Publikum ständig daneben rät. Die Gefahr ist groß, dass sich kleine Zuschauer dadurch veralbert fühlen. Das müsste man zumindest bei der Einkleidung bedenken. 

Darstellung und Inszenierung

Anzuerkennen ist der Versuch, die einzelnen Effekte mit einer Rahmenhandlung zu verbinden, hier das Stöbern auf Großvaters Dachboden. Auch eine Zeitung kommt mehrfach zu Einsatz. Persönlich halte ich eine solche Dramaturgie nicht unbedingt für erforderlich – vor allem, wenn sie eventuell mehr einschränkt als nützt. Ein erfahrener Kollege sagte mir in meiner Anfängerzeit: „Der rote Faden ist die Persönlichkeit des Künstlers.“ 

Als Kostüm hat der Kollege ein kariertes Hemd und eine orange Latzhose inklusive schwarze Melone gewählt, was mich an Peter Lustig aus „Löwenzahn“ erinnert. Das etwas langweilige dunkle Jackett hätte ich weggelassen. Gut, zum Thema „Dachboden“ passt die ziemlich legere Bekleidung durchaus – generell meine ich jedoch, dass Zauberer gerade für Kinder etwas Besonderes sind, was sich auch in ihrem Outfit zeigen sollte.

Der Künstler gibt sich ziemlich sachlich, ja unterkühlt. Nun bin ich zwar überhaupt kein Freund von Kinderzauberern, welche in grellbunten Kostümen augenrollend und kreischend über die Bühne hampeln. Nur: Ein wenig mehr Ausdruck und Modulation, ein stärkerer Spannungsaufbau hätte der Vorstellung gut getan. Beispielsweise nützt der Vorführende die Stimmung, welche beim „Lieblingsgetränk Cola“ aufkommt, überhaupt nicht – eher scheint sie ihm unangenehm zu sein. Nein, dann doch lieber Wasser… Begeisterung löst dies nicht aus.

Was mich am meisten gestört hat: Fast alle verwendeten Requisiten sind für die große Bühne und den riesigen Saal schlicht zu klein. Wahrscheinlich hatte man die Show für einen bescheideneren Rahmen konzipiert.

Und hier rächt sich halt der Zwang, unbedingt ein festes „Programm“ darbieten zu müssen – natürlich mit einem Gesamtthema. Dieses Konzept wird schließlich bei den Zauberwettbewerben verlangt. Wehe dem Künstler, der es wagt, einfach eine Zusammenstellung toller Einzeleffekte zu präsentieren! Aber genau das Festhalten am ursprünglich entwickelten Konzept rächt sich hier. 

Ich hätte für diesen Rahmen erst einmal Effekte herausgesucht, die von der Größe her eine gute Sichtbarkeit garantieren – ja, die „Bühne füllen“. Viele davon kann man sicher für ein Kinderprogramm adaptieren. Weiterhin kann man nach Kriterien auswählen, ich schon einmal beschrieben habe:

https://diemagiedesgr.blogspot.com/2020/04/die-zusammenstellung-des-programms.html

Insgesamt kann ich nur meinen Appell wiederholen, sich beim Zaubern nicht zu sehr darauf zu verlassen, was einem Experten, Regisseure und anderes Fachpersonal raten. Jeder Künstler muss seine individuelle Persönlichkeit ausspielen und das Programm danach gestalten. Was bei anderen funktioniert, kann sich zur Katastrophe auswachsen, wenn man es unbesehen kopiert.

Als Zuschauer lege ich jedenfalls überhaupt keinen Wert darauf, dass ein Kollege eine Viertelstunde als Musikverkäufer, Eishändler oder nachgemachter Chinese über die Bühne tollt und dann ausschließlich mit Schallplatten, Eiswaffeln oder Fächern hantiert. Er soll einfach schön zaubern.

Mir würde das reichen.

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