Dienstag, 23. Februar 2021

Knotenroutine

 

Einen Zuschauer als „Helfer“ auf die Bühne zu holen vermag einen Auftritt spannender zu machen, da diese Person sozusagen die Sicht des Publikums „spiegelt“ und spontane Reaktionen ermöglicht. Wenn Sie allerdings an den falschen Kandidaten kommen oder ihn nicht richtig behandeln, kann das Ihre Vorstellung schwer ins Schlingern bringen. Ich habe die Problematik schon einmal ausführlich dargestellt:

https://diemagiedesgr.blogspot.com/2020/04/der-zuschauer-als-helfer.html

Bei der folgenden Routine ist die Mitwirkung einer Zuschauerin unerlässlich. Sie muss aber nur nachmachen, was der Magier ihr vorzeigt – und zum Schluss hat sie tatsächlich selber gezaubert! 

Effekt:

Der Vorführende demonstriert, dass es unmöglich ist, in ein Seil einen Knoten zu schlagen, ohne die Enden loszulassen. Schließlich probiert er es parallel mit einer Helferin, wobei sich bei dieser kein Knoten bildet – beim Zauberer schon. Der Versuch wird mit dem gleichen Ergebnis wiederholt. Beim dritten Mal gelingt er auch der Zuschauerin. Zum Schluss pflückt der Magier den Knoten einfach vom Seil!

Material:

Zwei mindestens 1 cm dicke Seile (jeweils ca. 1,50 m lang), ein Extraknoten aus dem gleichen Material (Knoten in ein Seil schlagen, diesen herausschneiden, mit Klebstoff fixieren); Salzstreuer

Routine und Vortrag: 

Bringen Sie eines der Seile zum Vorschein:

Meine Damen und Herren, nun ein internationales Kunststück mit einem Seil – auf Englisch „a rope“, auf französisch „une corde“, spanisch „una cuerda“ – italienisch... „Spaghetti“! 

Halten Sie das Seil waagrecht zwischen den Händen:

Ein logischer Gedanke ist stets geradlinig – wie dieses Seil. Wir Zauberer aber bringen in diese Logik den einen oder anderen Knoten…

Wahrscheinlich haben Sie einen oder mehrere „Zierknoten“ auf Lager (siehe z.B. Jochen Zmecks „Handbuch der Magie“, S. 211-220). Ansonsten schlagen Sie einen einfachen Knoten ins Seil, den Sie dann wieder lösen. 

Nun aber zum schwierigsten Knoten, dem „knotus solaris“, also dem Scheinknoten: Ich werde versuchen, einen Knoten in dieses Seil zu schlagen, ohne die Enden loszulassen! (Die entsprechende Technik finden Sie unter dem Titel „Der unmögliche Knoten“ in Jochen Zmecks „Handbuch der Magie“, S. 215-216.)

In Kürze: Halten Sie das Seil mit beiden Händen an den Enden vor sich. Gehen Sie dann mit dem rechten Ende (aus Ihrer Sicht) vor das linke Handgelenk (Fig. 1) und ziehen es dann dahinter nach unten: Es entstehen zwei „Seilfenster“ (Fig. 2). Fädeln Sie das rechte Seilende durch das linke „Fenster“ nach vorne (Fig. 3) und sofort durch das rechte „Fenster“ zu sich zurück (Fig. 4 und 5). Bringen Sie die Hände wieder auseinander. Wenn Sie nun die beiden Schlaufen von den Handgelenken nach unten rutschen lassen, die Enden jedoch festhalten, kommen Sie wieder in die Ausgangsposition, haben also ein unverknotetes Seil zwischen den Händen.





Illustrationen: www.tangofish.de

Probieren Sie diese Verschlingung mit dramatischer Geste: Es entsteht ein ziemliches Gewurstel, welches sich aber ohne Knoten wieder auflöst. Blicken Sie suchend um sich, als ob der Knoten eventuell zu Boden gefallen wäre. Führen Sie dann die Bewegungen ein zweites Mal durch und stutzen kurz:

„In der Anleitung sah das auch irgendwie anders aus…“.

Lassen Sie das Seil nochmals von den Handgelenken rutschen: wieder kein Knoten!

„Ja, und wenn Sie das öfters versuchen, werden Sie irgendwann erkennen: Es geht nicht…“ Lassen Sie eine Pause für den Lacher! „Sie verknoten sich dabei vielleicht sonst etwas, aber nicht das Seil.“ Während dieser Worte deuten Sie den Bewegungsablauf ein drittes Mal an.

„Hier, Sie können es gerne einmal selbst versuchen!“ Werfen Sie das Seil einer vorher von Ihnen ausgewählten) Zuschauerin zu, holen Sie dann das zweite aus der Ablage:

„Meine Damen und Herren, ich werde Ihnen nun ein Seilkunststück zeigen, möchte dies aber nicht allein tun, sondern mit einer Zuschauerin aus dem Publikum – am besten jemandem, der gerade zufällig ein Seil dabei hat!“ 

Lassen Sie bei diesen Worten Ihren Blick über das gesamte Auditorium schweifen und richten Sie es so ein, dass Sie am Ende des Satzes die Dame mit dem Seil fixieren. Machen Sie dann eine Pause und lächeln Sie die Person an!

Wenn Sie das Timing mit Text, Pause und Blick hinbekommen, wird diese Person mitmachen. Betonen Sie das Wort „Zuschauerin“, denn vielleicht hat Ihre Kandidatin das Seil schon weitergegeben, eventuell an einen Mann, den Sie als Helfer lieber nicht nehmen sollten! Notfalls hilft die Frage: „Sie wollten doch die Verantwortung nicht abschieben?“ (Ein Argument, das bei Frauen verlässlich wirkt!)

Holen Sie Ihre Helferin nach vorne und platzieren Sie sich rechts von ihr: „Danke, dass Sie sich freiwillig zur Verfügung stellen!“ (Kurze Pause, denn es kommt todsicher ein Lacher!) „Machen Sie jetzt bitte alles genau wie ich.“ Sie stehen beide frontal zum Publikum und halten die Seile ausgestreckt, die Hände erfassen sie jeweils zirka zehn Zentimeter von den Enden entfernt. „Ganz wichtig: Sie dürfen in den nächsten Minuten alles loslassen, was Sie wollen, aber nicht die Enden des Seils!“

Demonstrieren Sie ganz langsam und deutlich die Verschlingungsaktionen, warten Sie auf die Zuschauerin und korrigieren sie, wenn nötig (macht bei mir die Assistentin). Bloß keine Hektik! Notfalls beginnen Sie noch einmal von vorn.

Am Ende sollten Sie beide die gleiche Verschlingung hinbekommen haben. „Auf ‚drei’ lassen wir jetzt die Seilschlaufen von den Handgelenken abrutschen – NICHT DIE ENDEN LOSLASSEN – eins, zwei drei!“ Veranschaulichen Sie das Zählen durch kleine Auf- und Abwärtsbewegungen der Arme – bei „drei“ führen Sie die Trickbewegung durch: In dem Moment, wo die Seilschlaufen von den Handgelenken fallen, lassen Sie das rechte Seilende los und ergreifen das Seilstück darunter (in Fig. 6 schwarz gefärbt). Beim Auseinanderziehen der Hände bildet sich bei Ihnen ein Knoten, bei der Dame nicht!


Ohne Ihre Helferin zu beachten machen Sie einen Schritt nach vorn, blicken ins Publikum und rufen triumphierend: „Sie sehen, meine Damen und Herren, obwohl wir die Enden nicht losgelassen haben, haben wir beide einen Knoten…“

Wenn Sie das wiederum gut timen, kriegen Sie den Lacher automatisch. Erst dann fahren Sie herum, sehen die ziemlich ratlose Helferin und eilen zu ihr, während Sie den Knoten in Ihrem Seil wieder auflösen.

„Das macht nichts – Sie hätten mich mal beim Üben sehen sollen… Vielleicht nehmen Sie einmal mein Seil!“ Dieser Austausch (Sie bekommen dafür das andere) transportiert sehr subtil die Botschaft, dass an Ihrem Requisit „nichts dran“ sein kann, da es ja nun die Dame hat!

Die obigen Manöver werden ein zweites Mal durchgeführt – mit dem gleichen Ergebnis. Werfen Sie unmittelbar danach Ihr verknotetes Seil in eine Ablage und nehmen Sie der Zuschauerin ihres aus der Hand. „Nur nicht verzweifeln, das kriegen wir schon hin! Sie haben es doch vorhin auch so gemacht: Rechtes Seilstück über den linken Unterarm, dann mit rechts durch das linke ‚Fenster‘ nach vorne, umbiegen, nun wieder durch das rechte ‚Fenster‘ zurück. Ja?“ Bei diesen Worten rücken Sie ganz nahe an die rechte Seite der Zuschauerin und zeigen ihr die Verschlingungstour noch einmal. „Na eben, jetzt ergreifen Sie die beiden Enden, ziehen sie auseinander und… nehmen Ihren Applaus für den Knoten entgegen!“

Wenn Sie diesen Satz gut timen, kommt der Beifall wiederum von selber. Klatschen Sie ruhig mit, so hat die Kandidatin ihren abschließenden Erfolg! Holen Sie das Seil zurück, bedanken sich bei ihr und begleiten sie an ihren Platz.

Stellen Sie nochmals die Verschlingung her, ziehen Sie aber zum Schluss das linke Seilende durch die Schlaufe (Fig. 7), dann straff nach unten und geben sofort diesen Teil mit links frei: 

„Wird es nur ein Knoten, wenn man die Enden festhält? Okay, ich lass jetzt mal los…“  Ziehen Sie nun das rechte Seilende ebenfalls nach oben und decken Sie die Verschlingung in der Mitte mit der wieder haltenden linken Hand ab (Fig. 8), bis der sich bildende Knoten eng genug ist, um ihn vorzeigen zu können: „…dann wird es – auch ein Knoten, aber ein ganz besonderer!“ Wenn Sie alles richtig gemacht haben, ist ein Schleifenknoten entstanden.

Greifen Sie ein Seilende mit der linken Hand und lassen Sie das Seil nach unten hängen, bis das andere Ende am Boden aufkommt: „Ich nehme  nun etwas Zaubersalz und gebe es auf den Knoten.“ Holen Sie mit rechts Ihr Salzfässchen aus der Ablage, machen einige Streubewegungen und legen es zurück. Dabei nehmen Sie den Extraknoten heimlich mit und drücken ihn dann auf den Schleifenknoten.

Dabei steigen Sie mit dem linken Fuß auf das Seilende am Boden und ziehen per Straffung des Seils den Schleifenknoten (unter Deckung der rechten Hand) auf – sofort halten Sie den Extraknoten dicht ans Seil (Finger seitlich, damit man ihn sieht). Er wird sich etwa an der Seilmitte befinden.

Richten Sie Ihren Blick auf die am weitesten entfernten Beobachter: Können Sie da hinten den Knoten sehen? Oder soll ich ihn lieber nach oben ziehen? Oder für ein Kinderpublikum ganz tief? Na, doch besser in der Mitte! Fahren Sie entsprechend mit dem Knoten auf dem Seil auf und ab; lassen Sie den Zuschauern Zeit, diesen Effekt zu verarbeiten! Und wenn ich jetzt dreimal am Knoten ziehe, habe ich wieder ein ganzes Seil und einen Knoten! So viel zur Knotologie…“

Bei der dritten Bewegung ziehen Sie den Extraknoten vom Seil ab, halten dieses in der Senkrechten ganz hoch, werfen mit rechts den Knoten einmal in die Luft, fangen ihn, lassen die Hände sinken und verbeugen sich. Applaus!

Bei dieser Beschreibung geht es mir nicht in erster Linie um den speziellen „Trick“. Sollten Sie ein anderes Seilkunststück beherrschen, das sich mit einem Zuschauer vorführen lässt – nehmen Sie ruhig Ihres! Wichtiger sind mir die allgemeinen Prinzipien, die hier angewendet werden:

·         Das „Warmup“ am Beginn dient zur Einführung in das Thema (Knoten) und signalisiert, dass am Requisit wohl keine Präparationen vorhanden sind (siehe auch den späteren Austausch der beiden Seile).

·         „Einen Knoten schlagen, ohne die Enden loszulassen“ ist ein weit originelleres Gebiet als das oft gezeigte Seilzerschneiden, welches auch relativ wenig Spannung aufkommen lässt, da natürlich die Erwartungshaltung besteht, das gute Stück hinterher wieder ganz zu kriegen. Bei der hier beschriebenen Routine rechnet man eher nicht damit, dass es der Zuschauer „allein“ hinbekommen wird. Genial finde ich die abschließende Übergabe der Seilenden an den Helfer – obwohl man dabei ja beide Enden loslässt und somit ein Knoten entstehen kann, bin ich bei über 250 Vorführungen noch nie auf diese Lösung angesprochen worden! Der abschließende Höhepunkt (Knoten löst sich vom Seil) weicht stark von der vorherigen Linie ab und wirkt sehr überraschend.

·         Die Auswahl der Assistentin, die „zufällig ein Seil dabei hat“, ist originell und zwingend zugleich.

·         Die Zuschauerin erkennt relativ schnell, was sie zu tun hat, da der Magier es selber mitmacht.

·         Ein entscheidender Gesichtspunkt ist der abschließende „Erfolg“ der Helferin. Zwar erlebt sie zweimal, dass der Zauberer etwas besser kann (das wird wohl auch erwartet) – mit dem Schluss jedoch kann sie gut leben und bekommt Beifall.

·         Die Routine enthält etliche lustige Stellen, die eine gute Synchronisation von Bild, Text und Pausen erfordern. Nach meiner Erfahrung kann ich jedoch bei kaum einer anderen Abfolge die Publikumsreaktionen derart genau steuern! Als weiteren Gag verwende ich einen Streuer, der beim Salzen quietscht (oder alternativ mit hervorschießenden „Pfefferstrahlen“) – eine Auflockerung mehr!

·         Unbezahlbar ist das „One ahead-Prinzip“, das Sie bei vielen Effekten einsetzen können: Statt sich als „Allwissender und Allmächtiger“ aufzuspielen und so angreifbar zu machen, werden Sie selbst vom magischen Vorgang überrascht.

·         Eine Seilroutine können Sie vor einem kleineren Kreis ebenso zeigen wie auf einer großen Bühne.

·         Mit wenig Gepäck und null Präparationsaufwand präsentieren Sie so vier Minuten Entertainment!

Wenn Sie also nach „neuen Effekten“ suchen: Schauen Sie in alten Zauberbüchern nach!

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