Samstag, 9. April 2016

Was nix kost‘…



„Zauberer und Ärzte haben etwas gemeinsam:
Sie kommen zwar manchmal vergeblich, aber nie umsonst!“
(Standardsatz in meinen Zauberprogrammen)

Kaum ein Künstler kommt an dieser Frage vorbei: Sicherlich hat man seine festen Honorarvorstellungen für einen Auftritt, ein Bild, die Gestaltung einer Website… aber:
Soll man das von Verwandten, guten Freunden oder engen Arbeitskollegen wirklich verlangen?

Bei meinen Zauberauftritten geriet ich immer wieder in solche Dilemmas:

·         Was, wenn eine nahestehende Person ein Fest feiert und die Einladung mit dem Wunsch nach einer Vorstellung verknüpft? Soll man ihr diese dann „schenken“?
·         Wie ist es mit Events an der eigenen Arbeitsstelle?
·         Soll man großzügig sein, wenn ein geplagter kirchlicher Seniorenbetreuer (oder Tangoveranstalter) glaubhaft versichert, sein schmaler Etat gäbe die übliche Honorierung nicht her?
·         Was ist mit „Wohltätigkeitsveranstaltungen“ zugunsten von sonstwas? Die anderen Künstler verzichten ebenfalls auf ihre Gage…
·         Sollte man die nicht eben großzügigen Bezahlungen in öffentlichen Bildungseinrichtungen (z.B. Volkshochschulen) klaglos akzeptieren?

Jeder in diesen Metiers könnte die Reihe an „Rabattgründen“ sicherlich noch fortsetzen… Öfters habe ich mich auf eine reduzierte Gage eingelassen oder gleich gar nichts verlangt. Da ich meine Einnahmen sowieso der Deutschen Welthungerhilfe spende, erschien es mir gelegentlich eine diplomatische Lösung, den Gastgeber zur eigenen Abgabe einer Spende aufzufordern. (Ob er dies auch tat, konnte ich natürlich meist nicht nachprüfen.)

Na gut – wenn man sich dann schon auf solche Deals einlässt, wird der Gastgeber doch sicherlich seine Dankbarkeit und Wertschätzung zeigen, indem er einen „auf Händen trägt“, sprich: beste Arbeitsbedingungen verschafft, oder?

Das wollte ich einmal genau wissen!

Glücklicherweise führe ich über meine Zauberauftritte exakt Buch und kennzeichne sie mit einer Bewertungszahl von 1 (= furchtbar, wäre beinahe gleich wieder heimgefahren) bis 6 (= beste Arbeitsbedingungen). Bei dieser Einschätzung kommt es mir vor allem auf diese Gesichtspunkte an:

·         Verhalten des Veranstalters im Vorfeld (genaue Beschreibung der Verhältnisse vor Ort, pünktliche Lieferung von Informationen und der endgültigen Abmachung)
·         Übereinstimmung der tatsächlichen Vorführbedingungen mit den vorherigen Angaben
·         Engagement des Organisators rund um den Auftritt; Krisenmanagement bei Problemen
·         Serviceleistungen anderer beteiligter Personen (vor allem Gastronomen)
·         Aufgeschlossenheit des Publikums
·         korrekte und pünktliche Bezahlung

Ich habe meine Buchführung von 2002 (Euro-Einführung, seither haben sich meine Preise nicht verändert) bis 2015 einmal in dieser Hinsicht überprüft. Die Ergebnisse geben mir zu denken:

Stichprobenumfang: 336 Auftritte
Die durchschnittliche Bewertungszahl bei Vorstellungen mit dem üblichen Honorar war 4,99. (Zunächst einmal ein gutes Zeichen: In der Regel bekam ich gute Vorführbedingungen, bis auf Kleinigkeiten lief alles einwandfrei.)
Bei ermäßigter oder fehlender Gage lag der „Güteindex“ allerdings im Schnitt bei 4,96!
Diese leichte Abweichung nach unten dürfte zwar statistisch nicht signifikant sein – die Regel lautet allerdings mit Sicherheit: Was nix kost‘, ist auch nicht mehr wert!

Was mich noch mehr beunruhigt: Bei satten 25 Prozent der Auftritte habe ich ganz oder teilweise auf eine Bezahlung verzichtet! Nach meiner Auswertung hätte ich insgesamt gut 7000 € mehr einnehmen können, wenn jeweils das volle Honorar entrichtet worden wäre.

War es das wert? Nein.

Die Information, eine künstlerische Leistung mit deutlichem Rabatt oder gar umsonst zu erhalten, motiviert Gastgeber überhaupt nicht dazu, sich dafür in irgendeiner Weise besonders erkenntlich zu zeigen. Ich kann mich an Fälle erinnern, wo es für Gratisvorstellungen hinterher nicht einmal einen Blumenstrauß, eine Flasche Wein oder wenigstens ein Dankeskärtchen gab. Auf der anderen Seite des Spektrums stehen (meist private und selten reiche) Veranstalter, welche mehr als den vereinbarten Betrag zahlen oder hinterher bei den Gästen nochmal den Hut rumgehen lassen, weil der Künstler doch für die Welthungerhilfe zaubert…

Könnte ich noch einmal mit der Magie beginnen, würde ich den Anteil der „Gratisauftritte“ bei fast Null halten. Auch gute Bekannte dürfen einmal in die Tasche greifen und ihren Anteil für meine Aufwendungen entrichten. Ich bekomme ja meine Requisiten, Kleidung sowie das Benzin für die Fahrt in solchen Fällen auch nicht geschenkt! Wenn ich die Wahl habe, auf den Charakter oder den Geldbeutel meiner Mitmenschen zu setzen, fällt meine Entscheidung inzwischen eindeutig aus.

Mir wären in 14 Jahren maximal 40 Auftritte entgangen (also jeder zweite mit „Rabatt“), dafür aber auch etliche menschliche Enttäuschungen…

Und die armen Organisatoren vorwiegend sozialen Tuns? Ich erinnere mich an eine Diskussion mit der Leiterin eines katholischen Frauenkreises, welche mir in tränentreibender Manier schilderte, wie wenig Geld die Kirche für solche Aktivitäten übrig habe. Meine Entgegnung: „Wer den Papst eine Woche lang beerdigen kann, hat genügend Geld.“

Ich bekam meine volle Gage (und in der Folge noch mehrere Engagements)!

Freitag, 8. April 2016

Krist & Münch: Zaubertheater der Extraklasse



Schon die Location, welche die beiden Münchner Magier Alexander Krist und Christian Münch seit 2012 bespielen, dürfte ziemlich einmalig sein: Edles Ambiente im Kontrast zum Wirtshaus-Nebenzimmer, in welchem die Zauberei heute ja oft einen traurigen Rückzugsort zugewiesen bekommt. Alles hat Stil – vom eleganten Foyer bis zum „Table Magic Theater“, wo man von fünf aufsteigenden Stuhlreihen beste Sicht auf den großen Tisch hat, auf dem sich die meisten Wunder abspielen. Bühnen-Management, Beleuchtungsanlage, Tontechnik – alles vom Feinsten und absolut professionell gehandhabt.

Zu sehen gab es gestern das Programm von Alexander Krist: „MAGIE – live und hautnah 2“. Schon der Opener weist in die Richtung der eleganten „Salonmagie“ eines Johann Hofzinser: Krist philosophiert über Zeit (Armbanduhr) und seine Lieben (Ehering sowie Foto seiner beiden Töchter). Alle Requisiten verschwinden und tauchen, da zeitlos wertvoll, natürlich zum Schluss wieder auf. Geschliffene Texte, zur emotionalen Wirkung öfters mit Musik untermalt – eine ideale Startrampe, welche das Publikum zum Abheben bringt!

Alexander Krist verfügt über eine unglaublich professionelle Technik. Seine Kartenroutine stellt eine Ansammlung von Höchstschwierigkeiten dar, welche ein Amateur nur staunend bewundern kann. Allein seine Version der „Ambitious Card“, bei welcher zum Schluss eine Karte mit abgerissenem Index in einem verpackten Spiel nach oben steigt, katapultierte für mich diesen Klassiker in eine neue Dimension. Er beschränkt sich nicht darauf, nur eine Karte zu finden – nein, in 13 Sekunden memoriert er scheinbar die exakte Reihenfolge eines vom Zuschauer gemischten Spiels!

Gekonnt setzt Krist psychologische Talente ein, wenn er Gedanken der Gäste errät (Würfel-Augenzahl unter Bechern). In seiner „Las Vegas“-Nummer, mit welcher er den ersten Teil seiner Vorstellung beschließt, bietet er alles auf, was in der Mentalmagie gut, schwierig und teuer ist: ein geniales „Halbfinale“!

Auch nach der Pause setzen sich die „Kracher“ fort: Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die fulminante Version des Becherspiels. Alexander Krist beweist sich wiederum als exzellenter Manipulator, dem das Beste nie gut genug ist – so erscheinen als Climax unter drei Bechern nicht drei Zitronen, sondern selbstredend vier! Einen „gut durchgemischten“ Rubik‘s Cube wirft er mal eben so auf den Tisch – und schon ist er sortiert!  Noch wahnsinniger der umgekehrte Effekt: In einer Dreiviertelminute bekommt er einen Zauberwürfel exakt so hin, wie die Zuschauer ein anderes Exemplar verdreht haben! Im Finale des Programms zeigt er eine gigantisch gut durchdachte Version des Klassikers „Karte in Zitrone“ (hier ist es ein Hühnerei).

Auch in seiner Persönlichkeit verfügt der Künstler über alles, was einen Spitzenmagier ausmacht: umwerfenden Charme, gepaart mit großem rhetorischen Talent und hoher Bühnenpräsenz. Immer wieder gelingt es ihm, den Rhythmus von Zauberei, Begleitmusik und Text stimmig zu halten (für mich eines der wichtigsten Kriterien in der Magie).

Sein Ehrgeiz, der ihn zu solchen Spitzenleistungen führt, hat allerdings auch kleine Schattenseiten: Streckenweise verliert er sich in der Mentalmagie in zu vielen Vorhersagen, Kontrollen und Details. Dazu kommt die in der modernen Magie offenbar unverzichtbare „Beschäftigungstherapie“ fürs Publikum. Ich war sehr froh, nicht in der ersten Reihe zu sitzen und mich dort mit ständigen „Assistenzaufgaben“ herumschlagen zu müssen. Gerne hätte ich mich öfters zurückgelehnt, anstatt wegen des Bombardements mit Karten- und Zahlenwerten ständig mein Gehirn einzuschalten! Warum muss man eine wunderbare Chink a Chink-Routine (zuerst mit Kronkorken, dann wegen des beruflichen Erfolgs mit Silbermünzen) in einem solchen Eilzugtempo durchbrettern?

„Keep it simple“ – dieser Ratschlag unseres Großmeisters Dai Vernon könnte auch dabei helfen, nicht zu sehr mit Fingerfertigkeit zu prunken. Zeigt man allzu deutlich, wie geschickt man hierin ist, schwächt das die anschließenden Wunder eher ab. (Tony Slydini hätte niemals einen Zauberstab wiederholt akrobatisch durch die Finger wirbeln lassen!)

Außerdem sollte Alexander Krist aufpassen, dass er seinem Rollenbild vom „idealen Schwiegersohn“ nicht zu viel Zucker (oder gar Saccharin) gibt: Beim x-ten Mal wirkt ein strahlendes Lächeln oder eine entsprechende Gestik dann schon mal manieriert – und die „Hirschhausen – Philosophie“ vom Glück in mehreren Epilogen dann etwas dick aufgetragen.

Und ob man ein Tischprogramm mit der Kubus-Illusion (assistiert vom herrlich verschrobenen Christian Münch) beenden muss? Na ja, originell war’s schon, zumal die sichtbare Hand nochmal schnell den Rubik’s Cube sortierte…

Diese kleinen, subjektiven Stirnrunzler meinerseits können jedoch das Gesamturteil kaum schmälern: Diese Show, ja das ganze Theater, ist eine exzellente Werbung für die heutzutage so gebeutelte Zauberkunst! Eine Zauberbühne, welche mehrmals die Woche bespielt wird und fast stets (zu Recht) ausverkauft ist – wo gibt es das noch?

Was sicherlich nicht wenig zum Erfolg beiträgt: Das gesamte Team kümmert sich aufopferungsvoll um seine Gäste – vom freundlichen Empfang über die charmante Bedienung und Ansprache der Zuschauer bis hin zu mit Namensschildern gekennzeichneten Plätzen. Und natürlich kann man mit den Künstlern nach Programmende im Foyer zwanglos plaudern.

Wer also in der Münchner Gegend wohnt oder einmal dorthin kommt: Unbedingt Plätze (rechtzeitig!) reservieren, hingehen, staunen und genießen!
   
http://www.magic-theater.de

Dienstag, 23. Februar 2016

Zauberhafte Operette



Vor einigen Tagen durfte ich zusammen mit dem Salonensemble Ingolstadt, der Sopranistin Karin Law Robinson-Riedl (Vorsicht Nepotismus – ist meine Gemahlin) und dem Bariton Rudolf Eduard Laué die Aufführung der Operette „Frau Luna“ mitgestalten.

Nun kann bei einer szenischen Bearbeitung, welche naturgemäß nicht die gesamte Handlung wiedergeben kann, ein Moderator nicht schaden, welcher das Publikum durch das (operettentypisch ziemlich skurrile) Geschehen führt. Zudem musste die Umkleidezeit überbrückt werden: Die beiden Sänger verkörperten im Wechsel knapp ein Dutzend Rollen des Stückes – und es gelang ihnen, musikalisch und darstellerisch, prächtig.

Ich wollte allerdings auch zaubern. Warum? Abgesehen davon, dass dies zu meinen Leidenschaften zählt: Ein Problem von Musikdarbietungen ist sicherlich, dass die optische Schiene, über die der Mensch mindestens zwei Drittel seiner Informationen bezieht, ziemlich vernachlässigt wird. Die Musiker stehen halt die ganze Zeit an der gleichen Stelle und bedienen ihre Instrumente – was auch sonst? Und da wir uns Tänzerinnen, Bühnenfeuerwerk, Bodennebel oder Lasershow nicht leisten konnten, gab es magisch was auf die Augen!

Selbstredend ist es wichtig, dass die Effekte nicht allzu aufgesetzt wirken – man muss Bezüge zur Handlung suchen: Wenn also Theophil, der Haushofmeister des Mondes, oder die Luna-Zofe Stella mit ihren Staubwedeln agieren, kann man die gelegentlich mal färben; ebenso den Fächer, mit dem Frau Luna „inkognito“ einen Walzer tanzt. Entsprechend bietet sich beim „Expressballon“ eine Schwebe an – und am Schluss erscheinen das „Triumphgemüse“ für die Mitwirkenden sowie die Konfetti natürlich magisch! Ebenso kann das korrekte Verlassen des Zuschauerraums zur Pause mittels „Exit“ erklärt werden…

Sicherlich ist man bei solchen Auftritten weitestgehend an optisch sich selbst erklärende Effekte gebunden – eine „Sprechnummer“ zwischendurch würde als Fremdkörper empfunden. Und, an meine Kollegen von der „Nur Alltagsgegenstände“-Fraktion: Nö, das ganze Operettenflair ist künstlich und fantastisch, da würde man Glimmerröhren glatt vermissen!

Was mir besonders wichtig war: Nicht nur Zauberroutinen, sondern auch Musikaufführungen benötigen einen durchlaufenden Rhythmus. Nichts ist gefährlicher als unmotivierte Pausen, welche die Zuschauer aus der Illusion holen. Dies zu verhindern ist wohl die Hauptaufgabe eines (zaubernden) Moderators.

Eine Rundfunkreporterin stellte mir nach der Aufführung die (vorhersehbare) Frage, warum mich die Kombination von Operette und Zauberei so reize. Meine Antwort: Es gäbe wohl kaum weitere Sujets, die so aus der Zeit gefallen wären. Daher sollte man sie kombinieren…

Klar, klassische Zauberkunst mit Federblumen und Seidentüchern ist ein „alter Hut“ – und dem wahren Musikliebhaber erscheint die Operette handlungsmäßig schwachsinnig und musikalisch primitiv.

Ich konnte die Probenarbeit der Musiker zeitweise begleiten und darf daher versichern: Der Komponist Paul Lincke gehört nicht zur „Hansi-Hinterseer-Abteilung“ – die Partitur enthält jede Menge „Amateurbremsen“. Was der Fagottist Hartwig Simon hier allein bei der Bearbeitung der einzelnen Stimmen leistete, bemisst sich in einer dreistelligen Zahl von Arbeitsstunden. Nicht weniger Mühe gab sich die Chefin Swetlana Gilman (Violine) bei der Einstudierung mit ihren Kolleginnen Stephanie Fischer (Viola), Beate Hacker (Klarinette) und Gabi Mamikonian (Klavier) – allesamt Vollblutmusikerinnen, welche bei der Aufführung über sich hinauswuchsen. Nicht vergessen dürfen wir Bettina Kollmannsberger, die als "Kammerzofe" hinter den Kulissen die vielen Kostümwechsel erst ermöglichte!

Und das Libretto? Es ist erstaunlich frisch, frech, schnoddrig und ironisch. Ich musste als Autor weiß Gott schon schlechtere Texte bearbeiten! Und wenn man in der Handlung nach einem Sinn fahndet, findet man ihn sogar: Auf der Suche nach Exotik und Abenteuer treibt es einen bis zum Mond – und was findet man da? Nur sich selber…

Wir hatten ein volles Haus, und – gemessen an der Publikumsreaktion – brachten wir den Spaß (der Handlung und unseren eigenen) über die Rampe. Was wollen wir mehr?

Dies war nun – in wechselnden Besetzungen – schon die vierte Aufführung von „Frau Luna“. Weitere sind geplant, und ganz egoistischerweise freue ich mich darauf. Warum? Ich bin einfach gerne an guten Sachen beteiligt!

Montag, 28. Dezember 2015

Ende der Winterzeit



Neulich auf einer Adventsfeier mit stimmungsvoller Musik kam ich auf den naheliegenden Gedanken, zum Schlusstitel mit dem Kunststück „Wintertime in China“ meinen Auftritt zu beenden. Und wirklich gelang es in dieser Kombination, das Publikum in den romantischen, schwerelosen Flair mitzunehmen: Riesenapplaus und verträumte Mienen, als die Flocken wirbelten!

Der Pferdefuß traf mich einige Zeit später, als mir der Veranstalter ein Reengagement in just dem gleichen Lokal mit den Worten anbot: „Ich muss Sie aber vorwarnen – vielleicht werden Sie vom Wirt schwach angeredet. Die haben sich beim letzten Mal enorm über die weißen Konfetti geärgert, die Sie verstreut haben.“

Nun muss man wissen, dass ich keineswegs in einem Fünf-Sterne-Restaurant gezaubert hatte, sondern in einem Etablissement, welches der Bayer liebevoll als „Dorf-Boaz’n“ bezeichnet: Ein Wirtshaus einfacher Art, in dem einen nicht nur Maggidünste und altes Frittierfett, sondern auch der Renovierungsbedarf ohne langes Suchen anspringen. Der Boden: sauber gekachelt, ohne Perserteppiche. Ich nehme an, der Schaden hätte sich vermittelst eines starken Staubsaugers, welchen ich in einem solchen Unternehmen eigentlich voraussetze, binnen weniger Minuten beheben lassen.

Zudem hatte ich, fragen Sie mich nicht wieso, Kehrichtschaufel und Besen mitgenommen, um selber zur Reinigung zu schreiten. Aber wie das so ist: Nach der Vorstellung herrschten Friede, Freude sowie Eierkuchen, niemand sprach mich darauf an, und meine Musikerinnen hatten es eilig, zum nächsten Konzert zu kommen – in der Eile verzichtete ich aufs Schneeräumen.

Ich habe „Wintertime“ bislang zirka hundertfünfzig Mal vorgeführt, und nur in einem einzigen Fall, welcher mir allerdings unvergesslich bleibt, hatte man mich auf dieses Problem angesprochen: Vor Jahren zauberte ich in der Vorweihnachtszeit auf einem Kindergeburtstag und zog mir aus schwer rekonstruierbaren Gründen den Unwillen des Töchterleins zu, welches sieben Jahre wurde. Vielleicht hätte ich ihre ständigen neunmalklugen Sprüche zum tricktechnischen Hintergrund nicht ignorieren oder sie öfter „drannehmen“ sollen, was weiß ich! Jedenfalls war Madame mit meiner Darbietung, welche ich mit „Wintertime“ beendete, gänzlich unzufrieden und schloss sich nicht ihren Freundinnen an, welche sich wie üblich begeistert mit dem „Schnee“ bewarfen. Zudem stand der Herr Vater voll unter ihrem Pantoffel (und vermutlich auch dem von Mutti), was sie wohl ermutigte, sich mir mehrmals in den Weg zu stellen und mir anzudrohen, ich käme hier erst raus, wenn ich „den ganzen Dreck“ beseitigt hätte.

Ich erklärte der Bonsai-Schnepfe schließlich, dass es am Theater Schauspieler und Bühnenarbeiter gebe, und überließ ihr die konkrete persönliche Zuordnung. Ich jedenfalls sei ein Schauspieler… Unter den stechenden Blicken von Vater und Tochter verließ ich damals ziemlich rasch den ungastlichen Ort.

Was die junge Dame dennoch positiv von den Gaststättenbetreibern unterschied: Sie hatte mich wenigstens zur Reinigung aufgefordert! Stattdessen ließen Letztere ihren Unwillen hinterher beim Veranstalter aus. Da ich solche Dinge nicht gerne im Raum stehen lasse, telefonierten wir umgehend mit den Wirtsleuten und konnten die Wogen glätten. Unsere Frage, wie es sich eigentlich bei einem Faschingsball verhielte, wurde jedenfalls eindeutig beantwortet: Auch in dem Fall seien Konfetti verboten. Da kommt doch Stimmung auf…

Das eigentliche Elend besteht in der Einstellung eines beträchtlichen Teils der deutschen Gastronomie: Der Satz vom Gast, welcher König sei, ist offenbar reine Nostalgie. Man verkauft Essen und Getränke sowie eventuell Hotelzimmer, am Wohlbefinden der Besucher allerdings ist man kaum interessiert. Manchmal habe ich den Eindruck, am liebsten wäre es den Wirten, der Kunde würde Mahlzeiten bestellen und bezahlen, jedoch auf deren Einnahme verzichten – ginge dann noch müheloser! Der eingeladene Künstler gar gilt für viele als „Störfaktor“, für den man nun auch noch nach einer Steckdose suchen oder einen Garderobenraum bereitstellen soll (und wenn es die Kegelbahn ist). Die Chance, dass Gäste, die sich gut unterhalten fühlen, länger bleiben, mehr bestellen oder eventuell wiederkommen, wird ignoriert. Wahrlich, wenn ich wieder einmal einen Gastronomen über sinkende Umsätze klagen höre, schwebt der in höchster gesundheitlicher Gefahr…

Bin ich denn völlig aus der Zeit gefallen mit meiner Erwartung, der Gastgeber müsse auf den Gast zukommen statt umgekehrt? Was oft schon normale Restaurantbesucher erleben, wenn sie eine Viertelstunde auf die Kellnerin warten, trifft das Schaustellergewerbe noch weit heftiger: Gewöhnlich wird man schon beim Eintreffen in die Rubrik „Feuerschlucker, Bauchtänzerin, Zauberer“ eingeordnet und fürderhin in höchst spiritueller Weise ignoriert. Und selbst wenn man in weiser Voraussicht auf einen Garderobenraum und sonstige Hilfestellungen verzichtet und eine „Auspacknummer“ bietet – eingekeilt zwischen einer depperten Anordnung der Tische und dem dampfenden Großraumbüfett – müssen im Zweifelsfall noch die Konfetti herhalten…

Nun gut – wir haben den neuerlichen Auftritt am gastlichen Ort unbehelligt vom Wirt hingekriegt und natürlich keinerlei Effekte mit Konfetti, Flüssigkeiten oder Bodennebel gezeigt. Als eine meiner Musikerinnen in der Pause von der Damentoilette zurückkam, berichtete sie mir: „Auf dem Klo schwimmt’s – ich bin gerade auf Zehenspitzen durch die Bescherung getappt“. Meine reflexartige Vermutung: „Ja, hat denn da ein Kollege die Ganga gezeigt?“

P.S. Schleichwerbung: Wer die Geschichte nicht ganz verstanden hat, weil er „Wintertime in China“ nicht kennt – in meinem Zauberbuch beschreibe ich diesen Klassiker detailliert auf den Seiten 88-94.

Donnerstag, 3. Dezember 2015

Zwei Tage im Advent



Seit Wochen schon stand das „magische Großkampfereignis“ an: zwei längere Auftritte beim Weihnachtsmarkt einer Weltfirma!

Ein Foto aus früheren Tagen zeigte zwar eine eher kleine, aber wenigstens überdachte Bühne – immerhin mit Beleuchtung plus Tonanlage inklusive Funkmikrofon. Garderobe? Die Vorbereitungen musste ich halt irgendwie im Auto oder hinter der Deckung meiner Zauberkiste hinkriegen. Und seit Tagen war schlechtes Wetter angesagt…

Eine Stunde vor dem ersten Auftritt würden wir erscheinen, so hatten wir avisiert, und dann eine Einweisung des Organisators benötigen. Pünktliche Ankunft bei leichtem Nieselregen und Schneetreiben. Der Markt wenig besucht, die Bühne vollgestellt mit allerlei Gerümpel, nassgeregnet und halb angefroren, von der versprochenen Technik nichts greifbar – und auf der Firmenseite niemand zu sehen. Eine Ankündigung unserer Vorstellungen? Die Budenbesitzer wussten von nichts.

Schließlich trieben wir zwei Azubis auf: Zauberei? Keine Ahnung! Ob sie wohl mal den Bühnenboden wischen sollten? Ach ja, gute Idee… Weitere Kontaktversuche mit dem Firmenvertreter landeten auf dessen Mailbox. Endlich richtete man uns aus: Er werde in 15 Minuten da sein.

Ich ließ unser Gepäck vorsichtshalber im Wagen, und nach weiteren 20 Minuten Einsamkeit verließen wir das imposante Gelände der Weltfirma – vorbei an einem großen Veranstaltungsforum, auf dem schon Weltstars aufgetreten waren. Na gut, gehören wir halt nicht dazu…

Später firmenseits Kontakte per Handy und Mail mit den üblichen „könnte, hätte, würde“-Wortschatz. Interessierte mich nicht mehr – und schon gar nicht das uns als Verpflegung zugedachte „exklusive Menü“. Ich möchte beim Zaubern an meine eigenen Grenzen gehen statt unter denen anderer zu leiden.

Am Sonntagnachmittag dann eine „Mugge“ mit meinen beiden Musikerinnen: zaubernde Moderation adventlicher Klänge bei einer Organisation mit Klientel eher im Seniorensegment: Dorfgasthaus, statt Garderobe ein Tisch im hintersten Bereich.

Anders als bei dem Großunternehmen tippte mir der Veranstalter schon dreißig Sekunden nach meinem Eintreffen auf die Schulter: Herzliche Begrüßung – ob denn alles in Ordnung sei? Die Gage übergab er mir gleich, natürlich gegen Unterschriften auf hochwichtigen Formularen.

Das Konzert nicht ganz stressfrei – der Platzmangel zwang mich zu etlichen Pirouetten zwischen Stühlen und Faltwand: Nur nichts vergessen, schließlich war es ein völlig neues, auf die Musikwünsche des Organisators zugeschnittenes Programm.

Nach einer Stunde herzlicher Applaus mit der dringenden Bitte um eine Zugabe: Meine Musikerinnen hatten mich mit größter Sicherheit durch das Programm getragen und einige Schnitzer von mir souverän verdeckt. Dann in Windeseile einpacken – die beiden Damen hatten am Abend noch ein Adventskonzert zu spielen. Dabei blieb mir die dankbare Rolle des Zuhörers.

Abends in der örtlichen Dorfkirche: Ein wunderschön aufgebautes „Bühnenbild“, der Ablauf ein perfektes Zusammenspiel von Kirchenchor, Instrumentalisten sowie dem Pfarrer als Vorleser stimmungsvoller, aber nicht kitschiger Weihnachtsgeschichten.

Schon der Einmarsch des Chors mit Kerzen in den Händen und zu einer getragenen Musik war so zauberhaft wie der Rest des fast anderthalbstündigen Programms. Alles hundertmal geübt und dennoch wie neu! Am Schluss standing ovations und Besucher, denen noch draußen vor der Kirche die Ergriffenheit anzumerken war.

Das Geheimnis: Die Mitwirkenden kennen einander schon seit vielen Jahren und arbeiten völlig selbstlos zusammen. Podeste für den Chor beispielsweise? Kein Problem, einer der Sänger ist Schreiner und macht sie halt „so nebenher“ selber!

Auf dem Weg zum Auto fiel mir ein Satz ein, mit dem der Vertreter der Weltfirma einen Tag zuvor sein Zuspätkommen gerechtfertigt hatte: Die „Arbeitszeitgesetze“ hätten ihm einen früheren Dienstantritt verboten.

Wie viele Welten doch zwischen zwei Tagen liegen können!