Sonntag, 15. März 2015

Die ersten sechzig Sekunden



Sicherlich planten Sie schon einmal ein wichtiges Treffen mit einer Person, die Ihnen bislang unbekannt war – egal, ob es sich dabei um einen Handwerker, Arzt oder Versicherungsvertreter handelte. Vielleicht hatten Sie im Vorfeld sogar mit einem bestimmten Klischee zu kämpfen wie „unzuverlässig“, „Halbgott in Weiß“ oder „Halsabschneider“?

Meine Frage nun: In welcher Zeit nach dem ersten Kontakt hatten Sie eine ungefähren Eindruck davon, ob Ihnen Ihr neues Gegenüber angenehm oder unsympathisch war, Ihre Klischeevorstellungen erfüllte respektive es Ihnen schien, dass Sie damit auf dem Holzweg waren?

Ich vermute einmal, dass Sie dazu nicht lange brauchten: Oft merkt man schon am ersten Händedruck, einer freundlichen Frage zu Beginn oder einem Lächeln, ob man sich in einen vertrauensvollen Kontakt begeben möchte oder aber das Gefühl hat, die „Chemie“ stimme wohl nicht. Sicherlich hängt der Gesamteindruck dann auch vom weiteren Verlauf ab – generell anders aber fällt er abschließend kaum einmal aus.

Bei einer Zaubervorstellung treten genau diese Effekte auf! Sie dürfen davon ausgehen, dass deren Ankündigung bei vielen Gästen Klischeevorstellungen abruft, welche oft genug aus der frühen Kindheit stammen (Sternchenumhang, Spitzhut, Hokus-Pokus-Getue) oder von den zwischenzeitlichen Auftritten von Kollegen: In dem Fall ergibt sich eine riesige Spannweite von der „Flucht aus Alcatraz“ à la Copperfield bis hin zu läppischen Späßchen des „Zauber-Clowns“ bei der letzten Vereinsfeier. Eines jedoch ist praktisch sicher: Mit Ihrer Person, Ihrer geplanten Performance hat das wenig bis nichts zu tun.

Diese Vorurteile müssen Sie in der ersten Minute bereits widerlegen! Das primäre Interesse der Zuschauer gilt nicht dem, was Sie machen, sondern der Frage, wer Sie sind: Hält man Sie für freundlich, sympathisch, geistreich, geheimnisvoll, albern, unsicher oder distanziert? Diese Charakterisierung hängt zunächst von Ihrem Aussehen, Ihrer Mimik und Gestik ab (der optische Sinn ist beim Menschen der wichtigste!) – und erst in zweiter Linie von Ihrem Text und /oder der Begleitmusik.

Wenn Sie Wert auf Engagements außerhalb von Randgruppen legen, müssen Sie „mainstream“ herüberkommen, also so, wie es die Mehrzahl der Menschen als angenehm und sympathisch empfindet. Ein Tipp: Sehen Sie sich die ersten sechzig Sekunden von Fernseh- oder Bühnenshows erfahrener Entertainer (wie Jauch oder Gottschalk) an! Diese Leute haben jahrzehntelang an der „Wirkung des ersten Moments“ gefeilt und sind (bzw. waren) ziemlich erfolgreich damit.

Leider stehen uns Versatzstücke wie Laserlicht, Bodennebel, Pyroeffekte oder hübsche Balletttänzerinnen zur Verstärkung unserer Wirkung nur selten zur Verfügung. Musik allerdings ist machbar und hat einen hohen Ankündigungscharakter. Bei Stand up- oder Bühnenzauberei würde ich darauf zu Beginn (und bei der Schlussnummer) nie verzichten!

Wie auch immer Sie Ihren Typ und die Art Ihrer Zauberei gestalten wollen – Ihr Opening muss genau das, sozusagen „einreduziert“ enthalten – wie beim Kochen: Der erste Löffel Soße, den Ihnen der Küchenchef zum Probieren reicht, muss schmecken und Lust aufs ganze Menü machen.

Leider wird man bei realen Vorstellungen zu oft Zeuge davon, wie vorab die Küche aufgeräumt und die Zutaten eingekauft werden – sprich, der Kollege lässt zunächst einmal lange Reden vom Stapel oder, noch schlimmer, kämpft erstmal mit dem Mikrofon, der Verstärkeranlage oder bosselt noch an seinen Requisiten herum. Somit geht der primäre Eindruck eher in Richtung „geschwätzig“, „umständlich“ oder „unsicher“. Bedenken Sie: Man hat sie nicht als Redner, Techniker oder Bühnenarbeiter engagiert, sondern als Magier – also zaubern Sie, und zwar dalli!

Da die erste und wichtigste Information stets über die Optik läuft, empfehlen sich hier vor allem Produktionen. Es bedarf keiner weiteren Erklärungen, wenn Sie schöne Dinge (wie zum Beispiel Blumen oder Seidentücher) hervorzaubern, sich also quasi Ihr „Bühnenbild“ selber erschaffen. Gerade in den ersten Minuten muss die Effektdichte maximal sein, ihr Publikum sozusagen „atemlos“ machen. (Übrigens auch gut für Ihre Nerven: Bei einer ganzen Serie magischer Ereignisse ist es nicht ganz so schlimm, wenn ein Detail einmal nicht so ganz gelingt!)

Die Auftrittsnummer stellt auch aus anderen Gründen die riskanteste Phase Ihres Programms dar. Meist kommen ja Sie zu Ihren Kunden, nicht umgekehrt, und müssen daher ein Spiel auf fremdem Terrain bestreiten. Normalerweise können Sie Ihren Auftrittsort zwar vorab besichtigen, „zu Hause“ fühlen Sie sich – gerade anfangs – aber nicht. Zudem mussten Sie vielleicht kurz vorher eine ziemlich schreckliche Ansage des Veranstalters anhören, oder es laufen Ihnen beim Hereinkommen noch verspätete Gäste, Kinder, Hunde oder die Kellnerin mit einem vollen Tablett durchs „Bühnenbild“. Ob Mikro und Tonanlage wirklich gut arbeiten, hören Sie auch erst in diesem Augenblick.

Dass Sie an vielen dieser Faktoren unschuldig sind, nützt Ihnen wenig: Sie können doch zaubern, oder? Daher muss die erste Nummer stets die am besten Geübte des ganzen Programms sein: Hier ist überhaupt kein Platz für Requisiten, welche meistens funktionieren, Kunstgriffe, die normalerweise gut klappen oder einigermaßen gelernte Vorträge. Ich garantiere Ihnen: Gemäß „Murphys Law“ werden Gerätschaften genau in diesem Moment herumzicken, Handgriffe fummelig ausfallen – und in der anschließenden Hektik fallen Sie aus dem Text!

Daher am Beginn Hände weg von schwierigen Routinen – und zaubern Sie lieber zur Musik anstatt Ihrem Gehirn noch eine Textlinie als „multitasking“ anzutun! Dann haben Sie die Chance, Ruhe und Souveränität anstatt Anspannung plus Aufregung zu verbreiten. Die Ansprüche steigern können Sie in der Folge noch – und zwar auf der Basis des Kredits, den Ihnen das Publikum nach einem gelungenen Intro einräumt!

Fazit: In den ersten sechzig Sekunden fällt die Entscheidung, ob sich die Zuschauer überhaupt noch für den Rest Ihres Programms interessieren. Versuchen Sie in dieser Zeit, ihnen möglichst viele gute Gründe dafür zu geben!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Aus Ihrem Beitrag muss Ihr wahrer Name hervorgehen. Wenn Sie sich unter "anonym" einloggen, müssen Sie diesen im Text des Kommentars nennen. Unterlassen Sie bitte beleidigende und herabsetzende persönliche Angriffe! Nur Anmerkungen, welche diese Voraussetzungen erfüllen, werden veröffentlicht.

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.