Mittwoch, 9. Dezember 2020

Meine schönsten Zaubererlebnisse V

 

Weiter geht es mit meiner Sammlung von komischen, skurrilen und nervigen Ereignissen aus 35 Jahren Zauberei. Viel Vergnügen!

Der Zuschauer als Assistent

ist wegen der direkten Kontaktaufnahme gerade bei Kindervorstellungen unverzichtbar. Der Reiz besteht auch darin, auf das spontane Verhalten des Gegenübers reagieren zu müssen (oder zu dürfen!) – und so manche „Zwischenfälle“ geraten derart unterhaltsam, dass man sie beim nächsten Mal geradezu anstrebt (aber da kommen dann wieder andere…).

Ich bitte erst nach einiger Dauer der Vorstellung einen Helfer zu mir, damit sich ein gewisses Vertrauensverhältnis einstellen kann. Leider sind die Zuschauer bei Kollegen oft das Opfer ziemlich herber Scherze, wodurch es nicht leichter wird, einen Erwachsenen nach vorne zu bekommen. Bei Kindern gilt das Gegenteil: „Wer möchte mir beim nächsten Kunststück helfen?“ ist gleichbedeutend mit der Aufforderung zur Erstürmung der Bühne! Daher immer einen der Kleinen gezielt ansprechen!

Es gilt das Prinzip: Der Zuschauer hat immer Recht, egal, wie dämlich er sich anstellen mag. Daher nütze ich die Zeit, mir jemand auszuwählen, und zwar nicht den „Betriebskomiker“, der sich durch das Zauberprogramm sowieso in den Schatten gestellt fühlt und freudig die Gelegenheit ergreift, die Inszenierung in seinem Sinne zu übernehmen. Ebenso wenig geeignet ist natürlich der Schizoide in der letzten Reihe mit stoischem Gesichtsausdruck.

Wenn ich die Vorstellung eines Zauberkollegen besuche, hoffe ich inständig, nicht „dranzukommen“. Erstens entspricht das meinem im Grunde schüchternen Naturell, und zweitens befürchte ich, als Insider unnatürlich zu reagieren. Zweimal hat es mich bisher getroffen; in einem Fall war es besonders amüsant, ein Kunststück, das ich selber öfters zeige, mal von der anderen Seite zu erleben. Inzwischen weiß ich, wie ich diese „Auftritte“ hätte vermeiden können: Kein Jackett (da für gewisse Effekte unverzichtbar) tragen! Der Typus „männlich, älter, ohne Sakko“ rangiert an letzter Stelle der Auswahlpräferenzen… 

Bei einer Betriebsweihnachtsfeier (Nobelhotel, Kaminzimmer, Barpianist, 500 m Anmarsch über Tiefgarage und Nadelfilz) zeigte ich ein Kunststück mit vier Seidentüchern, von denen die Zuschauer eines auswählen sollten. Plötzlich stieg mein Adrenalinspiegel: Eines der Tücher war verschwunden! Ich wurstelte mich irgendwie bis zum nicht mehr voll überzeugenden Schlusseffekt durch. Nach der Vorstellung bekam ich das Tuch von einem der „wichtigen Herren Manager“ huldvoll zurück. Er habe es heimlich eingesteckt, um einmal zu sehen, wie ich reagiere – sein Kompliment: Ich hätte die Panne sehr geschickt überspielt! Da antwortet man am liebsten mit Dieter Hildebrandt: „Ihr Lob trifft mich in keiner Weise!“

An besagtem Abend ging es aber noch 90 km weiter ins gegenteilige soziale Milieu: Geburtstagsfeier in einer Dorfwirtschaft. Hier hatte ich das Glück, eine sehr nette und vor allem nüchterne Zuschauerin um ihre Assistenz zu bitten - der große Rest des Publikums hatte seinen ohnehin auf Knäckebrotebene dümpelnden IQ mittels reichlich Alkohol noch drastisch gesenkt. Tiefpunkt war ein älterer Mann, der während meines Auftritts mit glasigen Augen meine Zaubertische umkurvte und sodann Richtung Klo verschwand…

In einem anderen Nobelrestaurant war die Publikumsassistentin ebenso Klasse – hier allerdings wie die meisten Gäste. Bei einem Effekt mit zwei Schwammbällen bezeichne ich den einen Ball als „Nummer eins“  und frage dann: „Wissen Sie, wie man den anderen  nennt?“ Auf die fällige Antwort („Nummer zwei“) pflege ich zu entgegnen: „Ach, Sie kennen den Trick schon?“ Als an diesem Abend die Replik allerdings lautete: „Nummer drei?“, schnappte ich nach Luft, um mich sodann mit dem Spruch zu retten: „Aha, ein Opfer der Mengenlehre!“ 

In meiner Anfängerzeit durfte ich einmal für glatte 50 DM bei einer recht hemdsärmeligen Gartenparty zaubern (Ambiente: Hinterhof mit Würstlgrill und Sandkasten nebst ziemlich prolligem Zuschauerkreis). Bei Eckhard Böttchers „Tuch-Färbung-Ei“ kam bei der Textzeile: „Sie müssen das Ei in der Hand verbergen“ zum wiederholten Mal ein „origineller“ Zwischenruf: „Da braucht man aber große Hände!“ Mein schon ziemlich angegriffenes Nervenkostüm löste den Rückenmarksreflex aus: „Oder kleine Eier!“

Bei einem meiner Lieblingseffekte soll sich ein Herr auf die Gedanken einer Dame konzentrieren, die ihm den Wert einer gezogenen Spielkarte überträgt, auf dass diese in einer Kristallkugel erscheine. Was der Assistent aber zunächst erblickt, ist die (stilisierte!) Zeichnung einer nackten Frau. Doch trotz vieler Hilfsfragen („Tier, Pflanze, Mineral, Mensch?“) sträuben sich viele Männer gegen die Benennung des erfreulichen Anblicks. Die Antworten gehen dann über verschiedene Fantasie-Kartenwerte bis hin zu „ein nackter Mann“ (??). Hartnäckig Verklemmte beteuern, rein gar nichts zu sehen, während ihre Gesichtsfarbe zwischen bleich und knallrot oszilliert. Wenn dann (notfalls durch Austausch des Helfers) die richtige Benennung endlich erfolgt ist, lautet mein Spruch (wegen dessen ich das Ganze eigentlich vorführe): „Beruhigen Sie sich, meine Damen und Herren, das ist bei Männern in diesem Alter ganz normal!“

Das Pendant zum erwachsenen „Witzbold“ ist um die sieben Jahre und erhebt sich kurz nach Vorstellungsbeginn, um wichtige Fragen oder seine Erfahrungen mit Zauberern zu äußern. Da Nichtbeachtung die Penetranz steigern kann, versucht man zur Ablenkung die Einbeziehung in die laufende Handlung. In diesem Fall sollte sich der junge Mann zwischen drei verschiedenfarbigen Seidentüchern entscheiden: rot, gelb oder grün. Seine Wahl, bei der er felsenfest blieb: „blau“! Zudem wartete er ca. zehn Sekunden nach Beginn jedes Kunststücks mit der ultimativen Erklärung auf, was mich schließlich zu der Bemerkung hinriss: „Warten Sie, bis der erst auf dem Gymnasium ist!“ 

Sicher nicht dort angekommen waren die Teilnehmer eines Kindergeburtstags, denn sie checkten nicht einmal einfachste Zusammenhänge, die zum Erfassen eines magischen Effekts nun mal nötig wären. Also verstärkte ich die Gesprächstherapie: „Wer von Euch hat denn schon mal gezaubert?“ Eifrig gingen die Hände hoch: „Wir hatten sogar schon einen Zauberkurs in der Schule!“ Auf meine ehrliche Verblüffung folgte der stolze Zusatz: „Aber nur die aus der Förderklasse!“ Taktvollerweise unterließ ich die Frage, in welche Klasse wohl der Rest ging…

 

In fremden Sprachen

zu zaubern ist eine besondere Herausforderung, da zu den vielen sowieso parallel laufenden „Spuren“ im Magiergehirn (Tricktechnik, Schauspielerei, Publikumsreaktionen usw.) noch eine weitere kommt: ein Text, bei dem man mangels sprachlicher Routine ziemlich wörtlich bleiben muss. Dennoch habe ich dieses Wagnis schon öfters unternommen.

Seit einem Auftritt für einen Chor eines amerikanischen College habe ich den englischen Text eines kompletten Zauberprogramms, an dem (wegen der vielen Wortspiele) mehrere professionelle Anglisten mitgewirkt haben. Die Darbietung vor den amerikanischen Sängern war ein voller Erfolg, zumal ich das im Hintergrund deponierte „Textbuch“ kein einziges Mal brauchte. Der Dirigent war hinterher des Lobes voll: alles höchst erstaunlich, bezaubernd und witzig – vor allem dieser „komische süddeutsche Akzent“ (und ich dachte, es wären meine verbalen Gags)… Doch leider hatte ich mir im Vorfeld das Missfallen des Veranstalters zugezogen, so dass für uns statt der den Gästen servierten Riesen-Eisbombe nur ein Bier aus dem Automaten übrig blieb – und das noch auf unsere Kosten, da der Auftritt wegen gewisser schulischer Verflechtungen gratis war! 

Bei der Hochzeitsfeier der Tochter einer Freundin hätte eigentlich nichts schiefgehen sollen: luxuriöses Ambiente, prima Rahmenbedingungen. Der Bräutigam stammte aus Afrika und hatte Eltern, Verwandte und Kumpel eingeladen. Ich griff auf den englischen Text zurück – angeblich kein Problem für die Gäste von weither. Schon bei der Ankündigung meines Auftritts setzte ein größerer Run vor die Tür ein, der sich während meiner Vorstellung noch fortsetzte. Die verbliebenen Herrschaften verzogen keine Miene, sofern sie überhaupt zusahen und nicht mit ihren Kollegen plauderten.

In solchen Situationen fühlt man sich sehr einsam. Worüber ich heute noch grüble: Verstanden die kein Englisch oder war Zauberei in ihrem Kulturkreis irgendwie kein Thema? Hätte ich mich vielleicht als Medizinmann verkleiden sollen?

Auch in französischer Sprache (einige Male sogar in Frankreich) habe ich schon öfter gezaubert – dank einiger VHS-Sprachkurse sowie vor allem meiner Frau als „Long-haired Dictionary“: Sie ist eine sehr gute Simultandolmetscherin! Bei den von mir vorgetragenen Texten denke ich noch mit Grausen an die Übersetzungen für ein Münzkunststück mit „Rüttel- und Schüttelbecher“: „gobelet à agiter“ und „gobelet à secouer“

Anfang der 90-er Jahre zauberte ich für eine Gruppe von Schülern und Lehrern aus der Ukraine. Passend zum Anlass hatte ich mir von meiner Schwiegermutter einige russische Begrüßungssätze auf den Anrufbeantworter sprechen lassen, die ich lautmalerisch lernte. Als Musik für eine Zaubernummer diente Mussorgskis „Goldenes Tor von Kiew“ aus den „Bildern einer Ausstellung“. Nach dem Schlussapplaus wurde ich noch mal nach vorne gerufen. Der ukrainische Delegationsleiter hielt eine feierliche Ansprache und überreichte mir dann den … Lenin-Orden (schon damals ein gefragtes Souvenir aus der Nach-UdSSR-Ära)! Seitdem bin ich „Verdienter Zauberer des Volkes“…

 

In heiligen Hallen

Bei Auftritten im kirchlichen Rahmen muss man zwischen „Profis“ und „Laien“ unterscheiden: Während man mit Priestern und vor allem Ordensleuten oft viel Spaß hat, sind andere kirchliche Institutionen (Bildungszentren, Sozialeinrichtungen oder Religionslehrerverbände) eher zum Abgewöhnen.           

Einmal durfte ich im Kapitelsaal einer veritablen Benediktinerabtei vor dem versammelten Mönchskollegium zaubern! Das geistliche Publikum reagierte sehr freundlich, der Abt überreichte mir eine tolle persönliche Widmung (nebst dickem Honorar) – und trotzdem wurde ich die Beklemmung nicht los, an einem Ort Dinge zu tun, wofür man mir 500 Jahre früher noch einen Satz heißer Füße verpasst hätte!

Dennoch ließ ich es mir nicht nehmen, Wasser in Wein zu verwandeln – im entscheidenden Moment mit dem nach oben gesprochenen Satz: „War nur Spaß…“ Gott die Dank hatten die Klosterbrüder Humor!

Nach einer Vorstellung in einer kirchlichen Jugendherberge saßen wir mit den leitenden Ordensschwestern bis gegen Mitternacht beim Wein zusammen. Selten hatte ich derart verkicherte Damen am Tisch!

Schön war auch die Faschingsvorstellung in einem kirchlichen Waisenhaus, bei der die Heimleiterin, eine Nonne, ein Kostüm mit Netzstrümpfen gewählt hatte.

In einem Altenheim für Ordensfrauen musste ich beim Auftritt erstmal tief Luft holen: alles schwarz-weiß, eine richtige „Pinguinkolonie“ – ein höchst dankbares Publikum! So kannte das Entzücken keine Grenzen, als aus einer leeren Kiste ein weißes Stoffkaninchen erschien (obwohl sich einige hoch betagte Schwestern in der ersten Reihe doch etwas fürchteten). Eindrucksvoll auch die Rahmenbedingungen: Da meine Assistentin wegen einer Musikprobe eher gehen musste, wollte ich unsere schwerste Zauberkiste allein zum Auto tragen (was schon damals an die Grenze meiner Kräfte ging). Doch bevor ich widersprechen konnte, schnappte sich die leitende Küchenschwester das Teil und wuchtete es die engen Stufen hinunter zum Parkplatz. Selbige Nonne wartete uns dann wie eine gelernte Oberkellnerin auf, als mir die Ehre zuteil wurde, mit der Mutter Oberin den Tee zu nehmen. 

Ein Auftritt für eine katholische Seniorengruppe wäre beinahe am Honorar (ein zweistelliger Betrag!) gescheitert. Die Pfarrei habe praktisch überhaupt kein Geld! Da zu dieser Zeit Johannes Paul II. verstorben war, lautete meine Replik: „Wer den Papst vierzehn Tage lang beerdigt, kann nicht ganz arm sein.“ Das öffnete die materiellen Pforten!

An kirchlichen Veranstaltungsorten nimmt die Qualität merklich ab, wenn Laien zugange sind. Nach der Anfahrt steht man meist vor verschlossenen Türen, da der Hausmeister das entscheidende Requisit, den SCHLÜSSEL, wie ein Zerberus bewacht. Nach Überwindung der Pforte folgt meist ein Marsch durch endlose Gänge mit deutlichem Pfefferminztee- oder Sagrotanaroma –  vor der Heimfahrt entdeckt man dann, dass es einen Notausgang direkt hinter der Bühne nebst Parkplatz gegeben hätte.

Schließlich landet man in einem ungeheizten Saal, dessen Temperatur nur von selbiger in  der Garderobe unterboten wird. Mein Standardsatz beim Auftritt: „Kirchliche Einrichtungen erkennt man immer an den niedrigen Temperaturen. Ein Theologe hat mir einmal den Grund erklärt: Man will sich von der Hölle unterscheiden!“ Zudem muss man sich mit dem Abbau beeilen, da bei kirchlichen Tagungen der Eintritt der Nachtruhe um 22.30 Uhr vom Löschen aller Lichter begleitet wird – also Taschenlampe nicht vergessen! Ein Trost: Nirgends kommen zweideutige Anspielungen so gut an wie bei katholischen Laien… 

Fortsetzung folgt!


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