Sonntag, 6. Dezember 2020

Meine schönsten Zaubererlebnisse IV

 

Weiter geht es mit meiner kleinen Serie! Diesmal wird es – wegen der Themen – etwas ernster:

Soziale Einrichtungen

wie Seniorenheime, Schulen, Kindergärten etc. bilden den Gipfel der Unzuverlässigkeit. Die Anfragen geraten meist optimistisch bis enthusiastisch – versucht man dann, Details festzulegen oder gar einen unterschriebenen Vertrag zu bekommen, lässt es bereits merklich nach. Mühsame Rückfragen ergeben: Die vormalige Kontaktperson ist

·         im Urlaub (zirka zwölf Mal jährlich)

·         krank (noch öfter) oder im Mutterschutz

·         auf Fortbildung

·         nur Mittwoch und Freitag vormittags von 9.30 bis 11.30 Uhr anwesend, mit Ausnahme von heute…

Daher muss man immer wieder einer neuen Mitarbeiterin alles von vorne erklären. Am Auftrittstag ist des Öfteren keiner der bisherigen Gesprächspartner anwesend, und der kurzfristig eingeteilte „Ersatz“ weiß meist nur, dass „ein Zauberer“ kommt – also von den vereinbarten Rahmenbedingungen keine Spur!

Typisch, aber keinesfalls extrem war die Vorstellung in einem kirchlichen Seniorenheim. Lokaltermin bereits zwei Monate vorher: alles bestens, Veranstaltung in der Aula, 15 m breite Bühne mit Vorhang und allen Schikanen. Diese begannen erst so recht am Tag des Engagements: Aus diffusen Gründen Verlegung in den Speisesaal, kleines, kippeliges Podest, Vorbereitung auf dem Flur, beäugt von neugierigem Personal, Abbau in einem Treppenhaus auf 5 m2 Fläche. Replik auf meine Frage, wieso man mich über die Änderungen nicht informiert habe (ich hätte dann nicht mein größtes Bühnenprogramm mitgenommen): „Wir dachten, das würde nichts ändern.“ Na klar, schließlich kann ich ja zaubern!

Schon eher die Ausnahme war ein Seniorenheim mit einer wirklich netten Heimleiterin, wo wir mit Musik und Zauberei viele schöne Auftritte hatten. Als sie ihre Stelle (anscheinend im Konflikt mit dem Heimträger) aufgab, rückte die bisherige Pflegedienstleiterin in diese Position auf. Zunächst war für mehrere Jahre (trotz meiner alljährlichen Werbebriefe) Sendepause, dann kam tatsächlich das Angebot eines Auftritts zu einer Jubiläumsfeier. Die Kommunikation mit einer Angestellten hinsichtlich der Details war mehr als schwierig – schließlich lehnte ich das Angebot ab. 

Auf flehentliche Bitten besagter Mitarbeiterin hin ließ ich mich dann doch auf einen Ortstermin zwecks Klärung der ausstehenden Fragen ein. In einer ziemlich frostigen Atmosphäre meinte die neue Heimleiterin, bei meinen „Ansprüchen“ werde das nichts. Wenn sie gewusst hätte, dass ich der besagte Zauberer sei, hätte sie mir das Engagement sowieso nicht angeboten. Tja eben – wie hätte sie das ahnen können, nach acht Auftritten sowie etwa gleich vielen Kundenbriefen… 

Ein kirchlicher Sozialdienst wollte mich einmal für einen Zauberkurs mit Kindern und deren Eltern bzw. Großeltern haben. Zu diesem Behufe wurde ich drei Monate vorher zu einem Besprechungstermin mit den zwei verantwortlichen Mitarbeiterinnen gebeten. Da eine von beiden verhindert war (na klar…), besprach ich mit der anderen die Einzelheiten. O Wunder, es kam sogar ein Vertrag zustande! Nachdem sich der Veranstalter nicht wie vereinbart spätestens eine Woche vorher bei mir meldete, rief ich an und erfuhr, dass man so ziemlich alle besprochenen Details ignoriert hatte! Da ich eine ziemlich klare Vorstellung darüber hatte, wie es nun weitergehen werde, sagte ich das Engagement ab. 

Mein genereller Eindruck: Gerade Seniorenheime sind oft lausig organisiert.  Deren Probleme in Corona-Zeiten überraschen mich angesichts meiner Erfahrungen (die allerdings Jahre zurückliegen) überhaupt nicht!

 

Zauberkurse an Volkshochschulen

gab ich etwa 15 Jahre lang, nachdem ich einmal für einen erkrankten Kollegen einsprang. Meine Erfahrungen nach über 40 Kursen: 

·         Erwachsenen etwas beizubringen macht Freude, da sie zumeist (!) eine höhere Konzentrationsfähigkeit mitbringen als Kinder.

·         Wenn man anderen etwas erklären muss, wird einem vieles bewusst, was bislang „automatisch“ lief. Ich habe dabei also eine Menge über das Zaubern gelernt!

·         Zu Beginn erscheint ein Zauberlehrgang vielen Teilnehmern als „Gaudi“: Hauptsache, man kennt den „Trick“! Mit der Zeit merken sie dann, dass die Kreation von Illusionen harte Arbeit erfordert – der Spaß nimmt somit ab, der Respekt vor der magischen Kunst aber zu.

·         Nur ganz wenige haben die Energie (vom Talent ganz zu schweigen), sich mit den diversen Aspekten eines „einfachen“ Kunststückes auseinanderzusetzen. Von ungefähr 400 Teilnehmenden lernte ich genau zwei kennen, die wohl als Zauberkünstler eine Chance gehabt hätten.

Auch hier lernte ich die Probleme sozialer Einrichtungen kennen: 

Dass solche Bildungsstätten vor allem für berufstätige Menschen da sind, erkennt man nicht an deren Öffnungszeiten: Werktags (außer Mittwoch) von 9-12 Uhr, in den Ferien geschlossen! Gelingt einem dennoch der Kontakt, dann ist es wie überall im Sozialsektor: ständig wechselnde Halbtagskräfte, also bitte alles noch mal von vorn! 

Die Beschaffenheit der Kursräume schwankt von selten nobel bis häufig ungemütlich: Besonders beliebt sind Klassenzimmer, wo man zwar zunächst die herumliegenden Turnbeutel aufräumen und sich auf Ministühlchen quetschen darf, dafür aber mehrseitige Merkblätter zum korrekten Verhalten in Schulen erhält – gelegentlich mit dem Hinweis, man solle an ein kleines Präsent für den Hausmeister denken (falls man ihn antrifft…) 

Anregend sind auch Schulstuben im dritten Stock verbunden mit der Pflicht, den Haupteingang ständig verschlossen zu halten – außer zum Einlass verspäteter Kursteilnehmer, zum Auslass von Gästen, die eher gehen wollen, sowie zur Mittags- und Rauchpause. Mehrfach wurde ich so zum „Treppendauerläufer“!

Den Schlüssel zu den „heiligen Hallen“ erhält man irgendwie, sei es per Post oder durch einen (meist verspätet) eintreffenden Mitarbeiter, der mir einmal die Frage stellte: „In welchem Raum findet Ihr Kurs statt?“ Dieses Öffnungswerkzeug inklusive der fertig ausgefüllten Kursunterlagen darf man dann am Ende in den Briefkasten der Geschäftsstelle werfen (auch wenn diese einige Kilometer entfernt liegt). Nicht vergessen sollte man aber vorher die Schlusskontrolle der Kursräume, Küche, Toiletten sowie Fenster und Heizkörper. Um den Kehrdienst kam ich noch herum…

Schwierig gestaltet sich gelegentlich die Findung des rechten Honorars. Der Leiter einer ansonsten ziemlich mäßig organisierten VHS war in dieser Hinsicht ein wahrer Tarifexperte. Beim Erstkontakt verwickelte er mich in ein viertelstündiges Telefonat, in dem es fast nur um meine Fahrtkosten ging, welche seine Einrichtung erst ab Landkreisgrenze übernehme. Es entspann sich ein lichtvoller Dialog über meine genaue Anfahrtsroute, insbesondere darüber, zwischen welchen beiden Dörfern nun denn das Landkreisschild prange. Als ich ihm einige Jahre später einen Kurs für Lehrkräfte anbot, erkannte ich den früheren Text Wort für Wort wieder! Zudem durfte ich zum Beweis meiner beruflichen Qualifikation eine Kopie meines Staatsexamenszeugnisses einsenden. (Hätte ich einen Nachweis seiner Eignung zum VHS-Geschäftsführer verlangen sollen?)

Zudem wurde die finale Überweisung des gerechten Lohns manchmal das Opfer ungeahnter Schicksalsschläge, in Sonderheit eines erkrankten Buchhalters, einer falschen Kontonummer / Bankleitzahl oder eines defekten Computerprogramms. 

Aus gutem Grund (vor allem wegen des Konzentrationsvermögens) setzte ich für die Kursteilnahme ein Mindestalter von 14 Jahren an (sonst wäre ich von Siebenjährigen umgeben gewesen). Dies verschaffte mir immer wieder erstaunlich jung wirkende Vierzehnjährige, die als Ersatz für ihren „leider“ erkrankten Vater ihre zwölfjährige Freundin mitgebracht hatten. Highlights waren bisher zwei Mütter (die eine kam mit 45 Minuten Verspätung) mit ihren je vierjährigen Töchtern, für die sie keine anderweitige Betreuung gefunden hatten. Die Mädchen seien aber sehr brav und würden während des Kurses (netto fünf Stunden) in der Ecke sitzen und malen, was sie auch zwanzig Minuten lang taten… 

Ebenfalls wieder nach Hause schickte ich einige verkicherte Spätpubertäterinnen, die für irgendeinen Ausbildungszweck eine Praktikumsbestätigung absitzen wollten, sowie einen jungen Herrn mit schräg sitzender Basecap, der mit 90 Minuten Verspätung erschien: Er habe gehört, hier sei „irgendso’n Zauberkurs“ 

Eine VHS beschied mein Kursangebot zunächst mit einem kopierten Formschreiben: Man habe keinen Bedarf. Kurz darauf kam aber das Angebot, anlässlich eines „Tags der Offenen Tür“ zu zaubern – zu einem mehr als bescheidenen Honorar, allerdings mit der Option, demnächst ein Zauberseminar halten zu dürfen. Mit gemischten Gefühlen stimmte ich zu; diese nahmen nicht ab, als ich das Veranstaltungsprogramm erhielt: Vermittelst naivem Text und Clown-Computerlogo wurde mein Auftritt als „lustig“ annonciert. Kurz nach dem berüchtigten 11. September, einen Tag vor dem Auftrittstermin, kam die Absage: Wegen der tragischen Ereignisse wolle man das Programm um die unangemessen spaßigen Beiträge kürzen. Mein telefonischer Hinweis, meine Zaubereien seien weit seriöser als ihre Ankündigung, fruchtete ebenso wenig wie meine Frage nach einem Ersatzauftritt. Auf die schriftliche Wiederholung meiner Anliegen bekam ich die Replik, man sei zu gar nichts verpflichtet; im Übrigen wünsche man sich einen „anderen Kommunikationsstil“. Den konnten sie haben: Ich verfasste eine juristische Begründung meines Anspruchs auf Ausfallgage samt Fristsetzung und Klageandrohung – sie schickten das Geld.

 

Presse, Funk und Fernsehen

Sollten Veranstalter und Publikum ohne Fehl und Tadel sein (und das ist, gerade bei privaten Gastgebern, oft der Fall), so kann man sich immer noch einem Journalisten ausliefern. Man hat so die „Minimax-Garantie“: minimaler Nutzen bei maximalem Aufwand. 

Als ich vor einigen Jahren eine ziemlich groß angekündigte Vorstellung für eine Wohltätigkeitsorganisation gab, gelang es einer für diese arbeitenden „Sozialaktivistin“ im Verbund mit einem Lokal-TV-Journalisten, mein Nervenkostüm bis zum Auftrittstag auf Null zu bringen: Telefonische Anfragen kamen im Stundentakt, ich sollte einen Artikel über die Zauberei schreiben, der dann nicht erschien, ein „hochwichtiges“ Fernsehinterview wurde zunächst wieder abgesagt, schließlich stürmte mit zehnminütiger Vorwarnzeit ein Reporter mit laufender Kamera in unser Haus und filmte eine Viertelstunde alles, was ihm vor die Linse kam.

Ergebnis: eine meinerseits ziemlich unkonzentrierte Zaubervorstellung vor halb besetztem Saal sowie je ein dreiminütiger Fernseh- und Radiobericht (letzterer erst nach dem Event).

Die Einladung zum „Pressestammtisch“ bei einer kommunalen Messeveranstaltung war eine glatte Themaverfehlung: Es gab vor Ort weder Presse noch Stammtisch, sondern nur den ziemlich dreisten Versuch, eine kostenlose Zaubervorstellung zu bekommen. Immerhin brachte mir das Anmuffeln der Lokalredaktion noch zwei wirklich schöne Zeitungsartikel ein. 

Gruß- und kommentarlos stürmte ein Pressevertreter in einen meiner Zauberkurse, dabei wild um sich knipsend. Bei seinem Hinauseilen erfuhr ich immerhin noch, eine Kollegin würde mich nach dem Seminar interviewen. Auch hier war die Reportage dann besser als ihr Entstehungsstil. 

Einfühlsamer war da schon eine junge Volontärin, die brav fast den ganzen Kurs mitmachte und fleißig fotografierte. Nach einiger Zeit dann der Anruf: Die Bilder seien vom Datenträger verschwunden – ob ich Fotos von mir an die Redaktion mailen könne, möglichst bis morgen Mittag? Obwohl wir damals noch nicht sehr computererfahren waren, schafften wir es schließlich. Ergebnis: Der (ansonsten recht schöne) Artikel erschien unbebildert, dafür kam dann nach einer Woche eine E-Mail der Zeitung: „Vielen Dank für die Fotos!“ 

Zahlreiche Vorgespräche erforderte der Besuch einer meiner Vorstellungen durch eine Vertreterin des Bayerischen Rundfunks zwecks Erstellung einer Hörfunkreportage. Die neugierige Dame erschien zu spät, war dann aber kaum von meinen Requisiten wegzukriegen und musste schließlich mangels eigenem Pkw von mir nach Hause gefahren werden. Das Resultat war ein im Detail falscher Dreiminutenbericht in recht gönnerhaftem Ton: „Auf der knarzenden Bühne des Pfarrsaals steht Gerhard Riedl vor zwei Dutzend Seniorinnen…“

Daher habe ich in meinen Moderationen mehrfach den Satz verwendet: „Ich begrüße die anwesenden Journalisten sowie auch die Vertreter der Lokalpresse…“

 

Fazit

Schon lange verlasse ich mich bei Veranstaltungen nicht mehr auf die Presse. Ob die etwas bringt und – wenn überhaupt – was, ist sehr fraglich. Eingereichtes Material wird schlampig oder gar nicht verwendet, und auf vertiefte Sachkenntnisse im Bereich „Kleinkunst“ sollte man nicht hoffen. Bei Rezensionen kann man schon froh sein, wenn der eigene Name richtig geschrieben ist.

Und klar, Zeitungen leiden an einem Handicap: den Interessen ihrer Leser. Daher erfordert halt ein Amselnest ein größeres Format als ein Tangokonzert:

https://diemagiedesgr.blogspot.com/2019/05/den-schnabel-auf.html

Ich gebe zu, ein heimliches Grinsen nicht unterdrücken zu können, wenn heute in gewissen Kreisen ein Begriff zirkuliert: „Lügenpresse“. Den mache ich mir natürlich nicht zu eigen. Ich würde es „Lückenpresse“ nennen…

Fortsetzung folgt!

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