Dienstag, 15. Dezember 2020

Meine schönsten Zaubererlebnisse VII

Der Kampf um den Stundenlohn 

Wieder einmal ereilte mich das Schicksal in Gestalt einer telefonierenden Mutter: Ob ich zum Geburtstag ihres achtjährigen Sohnes zaubern wolle? Gerne! Was ihr aber noch mehr am Herzen liege: Wieso ich eigentlich an der dortigen Volkshochschule keine Zauberkurse für Kinder anböte? Ihr Sprössling sei tief beeindruckt von den Las Vegas-Shows von Siegfried & Roy und wolle dies auch lernen (was mich in meinem Verdacht bestärkte, der Tiger habe doch den Falschen gebissen…). 

Mein Ringen um Realismus hatte nur teilweise Erfolg: Ich solle mal beim örtlichen Volkshochschul-Zweigstellenleiter anrufen. Tue ich ungern, da man sich meist irgendwelche Sprüche und Absagen einhandelt. Also gut, meine Kundin werde dafür sorgen, dass dieser mich anriefe. Von einer Kindervorstellung war schon lange nicht mehr die Rede.

Nach längerer Zeit der zweite Anruf besagter Mutter: Ob der VHS-Mann sich bei mir gemeldet habe? Nein, natürlich nicht. Dann werde sie ihm aber jetzt Beine machen! Das ersehnte (?) Telefonat kam tatsächlich zustande und ich in den Besitz eines schlampig herausgerissenen Kursanmeldeformulars mit falscher Jahreszahl, das ich trotz böser Vorahnungen brav ausfüllte.

Nun ging es Schlag auf Schlag. Die Leiterin einer anderen VHS-Zweigstelle wollte ebenfalls einen Kinderzauberkurs, die Mutter doch noch den Geburtstagsauftritt für ihren Buben. Na bitte! 

Diese Kindervorstellung unterbot deutlich meine in solchen Fällen ohnehin niedrige Erwartungshaltung. Die Aussicht, selbigen Knaben vier Nachmittage à zwei Stunden im VHS-Seminar zu haben, mahnte mich zu höchster Vorsicht: Schließlich hatte ich zehn Tage vor Kursbeginn noch keinen Dozentenvertrag, keine organisatorischen Details, keine Teilnehmerliste etc.

Vom Zweigstellenleiter erfuhr ich lediglich, es seien jede Menge Kinder angemeldet, ich erhielte einen Schlüssel zum selbstständigen Auf- und Zusperren des Hauptschulgebäudes. Ansonsten möge ich mich an die VHS-Hauptstelle wenden, was ich auch tat, und zwar schriftlich mit Liste meiner Wünsche sowie Fristsetzung. Die einzige Antwort: Eine Kurzauskunft unter Nennung eines (selbst für VHS-Maßstäbe) skandalös niedrigen Honorars – und das Materialgeld dürfe ich von den Kindern persönlich eintreiben. 

Mir reichte das – ich sagte den Kurs drei Tage vorher ab! Hektische telefonische Kontaktversuche der Erwachsenenbildner ignorierte ich, da ich mir bereits ein Bild vom Wert mündlicher Zusagen gemacht hatte.

Sechs Tage später die große Überraschung: Zum anderen Kinderzauberkurs erhielt ich einen Vertrag mit deutlich mehr Lohn sowie Service. Muss man denn immer erst böse werden?

Dieses Seminar verlief dann, wenn man bescheidene Erwartungen hat, ganz ordentlich, machte mich aber nicht zum Fan derartiger Veranstaltungen: Die Kids von heute vereinen problemlos (?) höchste Anspruchshaltung mit niedrigstem Durchhaltevermögen (von den motorischen Fähigkeiten ganz zu schweigen).

Zum Schluss die nüchternen Zahlen: Inklusive Fahrtkosten erhielt ich für vier Nachmittage und neun Kinder 174,53 €, pro Betreuungsstunde und Kind also kaum 2 €. Ob man für das Geld einen Babysitter kriegt, der auch noch zaubern kann?

Just zu dieser Zeit hatte meine Frau ein Erlebnis in einem Paralleluniversum: Sie verfasste gelegentlich Kritiken zu klassischen Musikdarbietungen. Ein solcher Job führte sie eines Abends in eine ca. 40 km entfernte Stadt. Nach ihrer Rückkehr schrieb sie bis weit nach Mitternacht einen Zeitungsartikel, der wenige Tage später eine gute halbe Seite des Lokalblatts füllte.

Ergebnis: großes Lob des zuständigen Redakteurs, aber wochenlang kein Geld! Mehrere Telefonate sowie ein Fax ergaben lediglich, das Honorar sei längst zur Zahlung vorgesehen, aber die Buchhaltung überweise nur zum Monatsende – gekrönt von dem Spruch des Zeitungsfritzen: „Gute Frau, haben Sie gedacht, dass Sie damit reich werden?“ Als auch der nächste Monatswechsel kein Geld brachte, schrieb Karin einen Brief mit Fristsetzung und Androhung eines gerichtlichen Mahnbescheids. Am übernächsten Tag war der Betrag auf unserem Konto gebucht. Kein Zweifel: Man muss erst mal böse werden!

Bilanz hierzu: zwei Stunden Konzert, eine Stunde Fahrt, fünf Stunden Schreibarbeit zu einem Stundenlohn von ca. 3 € (Fahrt- und Mahnkosten schon abgezogen). Eine echte Alternative zur Erteilung von Kinderzauberkursen! 

 

Zauberer-Treffen

Mich erreichte eine eher ungewöhnliche Einladung: Ein Zauberkollege aus der Region lud zu einem Treffen, auf denglisch „Magic Meeting Day“, mit Flohmarkt, einem Händlerseminar zur Präsentation eines „völlig neuartigen“ Zaubereffekts sowie des Abends einer „offenen Bühne“, auf der jeder Kollege, der wollte und konnte, etwas vorführen dürfe. Vorschläge für weitere Programmpunkte seien stets willkommen.

Dies erzeugte bei mir ambivalente Regungen: Einerseits konnte etwas regionale Zusammenarbeit nicht schaden, andererseits packten mich Reminiszenzen lange zurückliegender Zirkelsitzungen und Zauberkongresse, welche allesamt unter dem Motto standen: „Was gibt’s für neue Tricks?“

Also  informierte ich den Kollegen über meine generelle Bereitschaft mitzumachen – falls es um mehr als Tricks gehe. Ich erhielt die branchenüblich pikierte Antwort, man denke selbstredend über den Tick hinaus, wolle jedoch das Treffen nicht mit zu viel Vorgaben belasten – und außerdem stehe es mir ja frei, mit einem eigenen Beitrag den Verlauf in meine Richtung zu lenken.

Das war ein Wort! Ich bot ein Seminar über „Psychologie und schauspielerisches Gestalten des Zauberns“ an, was umgehend akzeptiert wurde und mir etwa 10 Stunden Arbeit bescherte. Aber was tut man nicht alles, wenn man einmal seine Meinung sagen darf…

An besagtem Tag sauste ich von einer Nachmittagsvorstellung in Windeseile an den Ort des Geschehens, auf dass mein Seminar pünktlich stattfände. Ich hätte mich nicht zu beeilen brauchen: Im vermuffelten Saal eines Wirtshauses dümpelte ein Dutzend Kollegen nebst Frauen und Kindern herum, auf den Flohmarkttischen  drängten sich fast ausnahmslos abgelegte Kunststücke des Veranstalters – dessen Frage, ob ich ein Rednerpult (?!!) für mein Referat brauche, verneinte ich dankend.

Bereits meine Einleitung, ob wir Magier nicht eventuell selber Schuld daran trügen, dass Zauberei bei uns in den Medien höchstens neben der Hüpfburg des Kinderfestes vorkäme, ließ die Mienen des Auditoriums gefrieren. Nach meiner Feststellung, man könne nicht andere unterhalten, bevor man wisse, welche Rolle man selber spiele, hatte ich im Saal keinen einzigen Freund mehr. Als ich zum Thema „Bedürfnisse des Publikums“ ausführte, die Zuschauer wollten Entspannung und Genuss und nicht das Lösen schwieriger Rätsel und seien auch nicht über Psychopathen erbaut, die Glasscherben äßen oder sich Fünf-Zoll-Nägel in die Nase hauten, nahm die Feindseligkeit offene Formen an: Kein Zweifel, ein Nestbeschmutzer!

Mit versteinerter Miene ertrug man meinen Schlussvortrag, dass es nicht wichtig sei, was man zeige, sondern wie man es vorführe, und somit die Suche nach ständig „neuen“ Tricks in die Irre führe.

In der angemessen frostigen Diskussion ließ der Veranstalter durchblicken, dass er als Profi, welcher zu Riesengagen arbeite, zwangsläufig eine andere Sicht der Dinge haben müsse. Dazu hatte ich wenig zu sagen, da ich mich nur vage an eine länger zurückliegende Vorstellung von ihm erinnern konnte, wo er in einer Schule im Las-Vegas-Glitzeroutfit seine sich im Bikini deutlich genierende Freundin in einer Kiste zerteilte…

Ein anderer Kollege, nebst präpotentem Sprössling zum Treffen erschienen, gab zu Protokoll, er sei ja sehr gespannt, ob meine Darbietungen den von mir gesteckten Zielen entsprächen, und ob ich denn wohl heute Abend bei der „Offenen Bühne“ aufträte? Aber ja doch… 

Diese begann dann auch nur mit einstündiger Verspätung und übrigens ohne diesen Kollegen. Mein Auftritt war die Schlussnummer – vor mir ein wirklicher Profi aus der Region, welcher in weiser Voraussicht erst jetzt zum Treffen erschienen war und den schönen Auftritt brachte, den ich von ihm auch erwartet hatte. Da wird man selbst nach 750 Vorstellungen noch nervös…

Die Vorfreude im Auditorium, mich abschmieren zu sehen, war mit Händen zu greifen. Ich hatte bewusst auf Kostümierung und Glitzer verzichtet und zeigte zwei Routinen mit ziemlich alltäglichen Gegenständen, jedoch dem Feinschliff von mehreren Hundert Vorführungen: Zunächst schüchterner Applaus, dann bei der zweiten Nummer bei jedem einzelnen Effekt. Als der Schlussbeifall verklungen war, durchbrach die Stille der Satz des erwähnten Sohnes meines schärfsten Kritikers: „Das war jetzt das Tollste von allem!“ 

Fazit: Mindestens 15 Stunden Arbeit für keine Gage und die Gewissheit, dass sich in den 15 Jahren meiner Abstinenz von Zaubertreffen rein gar nichts geändert hatte… 

Das können sich eben nur Amateure leisten.

 

Charity Events

Hobbyzauberer sind ebenfalls sehr willkommen, wenn irgendwelche kulturell bewegten Zahnarztgattinnen mit daher viel Freizeit Veranstaltungen in meist sehr stilvollem Rahmen organisieren und dabei wohltätig sind. 

Zum „Künstlerfest auf Schloss Greifenklau“ werden dann Scharen von Amateurkünstlern mit der Aussicht gelockt, sich vor hochmögender Gesellschaft wichtigmachen zu können. Da das Ganze eventuell vergeblich, auf jeden Fall aber umsonst ist, liegt der Focus nicht auf Klasse, aber auf Masse. Der Insider weiß daher, dass er bis zu seinem Auftritt eine schier endlose Folge quäksender Blockflötenquartette sowie Klaviersonatinen zu vier Patschhänden zu überstehen hat. Aber dafür hat ja die Schirmherrschaft der Herr Bürgermeister übernommen, welcher sich dann kurz vor dem eigenen Beitrag aus Termingründen verabschieden muss… 

Eine Kleinstadt in unserer Nähe verfügt über Schloss und Zahnarztgattinnen. 

Vor etlichen Jahren waren wir mit Musikern zu einem stilvollen Abendkonzert in jenes Gemäuer verpflichtet, nebst mir als zauberndem Moderator. In der Woche vorher landeten dann salamischeibenweise die etwas härteren Tatsachen vor unserer Nase: Eigentlich ein dreitägiges Festival inklusive Kinderschminke, Hüpfburg und Würstlgrill sowie unzähligen Musikgruppen. Daher sei auch die von mir lange vorher reklamierte Generalprobe am Auftrittsort nicht möglich – da spielten schon die Jagdhornbläser oder wer auch immer… 

Mit Gift im Herzen absolvierte ich meinen Beitrag (man kann die anderen doch nicht hängen lassen…) und erleichterte mein Gemüt durch einen Moderationstext über „Charity-Schnepfen“. Dennoch viel Beifall, tolles Presseecho und sowie Blicke meiner Kollegen, in denen geschrieben stand: „Hab dich doch nicht so…“

In der Folge erreichten mich aus dieser Ecke noch mehrere Einladungen, welche ich alle ablehnte. Das Schema ist stets gleich: Statt einer Gage werden Spendenquittungen in fast beliebiger Höhe angeboten, und die Betreuung schwankt zwischen lausig und nicht vorhanden.

Eine mir bekannte Musikgruppe wurde zu einem „Barockfest“ wieder auf besagtes Schloss gelockt – natürlich nebst Scharen weiterer Musiker. Einige Tage vorher stand im Internet zu lesen, der Event finde im Garten statt, bei Regen daher gar nicht. Ich musste erleben, wie zahllose Musikgruppen (denen verdächtig oft die Organisatorin angehörte) sich in endlosen englischen Trauergesängen und finsteren Chorälen ergingen, während am Horizont (ob des Dargebotenem geradezu zwangsläufig) dunkle Wolken heranzogen. Als unsere Musiker mit nur 90 Minuten Verspätung endlich loslegen durften, war nach der Hälfte der Stücke dank einsetzenden Platzregens Schluss. 

Andere Teilnehmer, die wahrscheinlich wochenlang geübt hatten, durften gar nicht mehr. Als ich durch den Regenschleier einen Mann erblickte, der die nun doch nicht gebrauchte Harfe seiner Frau ins Auto wuchtete, kam ich ins Grübeln: Offenbar lässt sich der Idealismus von Amateuren grenzenlos ausnutzen!

Fortsetzung folgt!


 

 

 


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